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Die Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 in Berlin löste in der ganzen Republik Proteste aus. Hier die Demonstration in München am 5. Juni 1967.

Benno Ohnesorg

Die Stunde der vierten Gewalt

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Wer hatte Benno Ohnesorg erschossen? Erst eine kritische Presse klärt im Sommer 1967 über die Umstände der Erschießung auf.

Der 2. Juni 1967 war ein Freitag. Über das, was an diesem Abend in West-Berlin geschehen war, informierten die Morgenzeitungen am Samstag nur unvollständig, denn erst gegen 23 Uhr war Benno Ohnesorg für tot erklärt worden. Da war bei vielen Zeitungen aber bereits Redaktionsschluss. Sie titelten deswegen so oder so ähnlich wie die „Frankfurter Rundschau“ in ihrer Frankfurter Ausgabe: „Tumult bei Schah-Besuch in Berlin“. Die „Bild“ konnte in ihrer West-Berliner Spätausgabe schon zur Schlagzeile hochziehen, was zu einem der folgenschweren Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte werden sollte: „Blutige Krawalle: 1 Toter“.

Das Opfer hatte gleich einen Namen, der Täter nicht. Noch nicht mal am Montag, 5. Juni, als Berichte über die nächtlichen Geschehnisse des 2. Juni die Seiten der deutschen Zeitungen zu füllen begannen. Der Täter? Benno Ohnesorg war tot, aber hatte ihn jemand erschossen?

Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras schoss von hinten

Seit einem halben Jahrhundert ist es gesichertes historisches Wissen, dass der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras Benno Ohnesorg aus freien Stücken und aus nächster Nähe von hinten erschoss. In den ersten Tagen nach der Tat aber blieb unklar, wie der 26 Jahre alte Student der Germanistik umgekommen war. Polizei und Senat vernebelten die Umstände seines Ablebens in einer Mischung aus Berechnung, Ahnungslosigkeit und Dummheit. Ihre veröffentlichten Versionen über den Tathergang wechselten. Die Todesursache trug mal die Bezeichnung „Schädelfraktur“ oder auch „Querschläger“. Der „Warnschuss“, den der (noch) namenlose Polizeischütze abgegeben haben wollte, hielt sich lange in Stellungnahmen staatlicher Stellen.

Die Erschießung und die Blockade seiner Aufklärung in den ersten Juni-Tagen vervielfachte die Protestbewegung binnen kurzem. Am 1. Juni hatten gerade mal 50 Menschen gegen den Besuch des Schahs in der Bundeshauptstadt Bonn demonstriert. Am 2. Juni zogen in Westberlin 2000 Studenten gegen den Potentaten aus Teheran auf die Straße. 15 000, viele in schwarzen Kleidern oder schwarzen Anzügen, begleiteten am 8. Juni den Sarg Ohnesorgs zum Berliner Kontrollpunkt Dreilinden, wo der Trauer-Konvoi seine Fahrt durch die DDR Richtung Hannover, der Heimatstadt Ohnesorgs, begann. In Frankfurt bildeten am gleichen Tag 5000 Menschen eine zwei Kilometer lange Marschkolonne, die schweigend durch die Stadt lief. Der Rektor der Universität, Walter Ruegg, verfügte, dass der gesamte Hochschulbetrieb während der Beerdigung Ohnesorgs ruhen solle.

Der Berliner Berichterstatter der „Frankfurter Rundschau“, Rudolph Ganz, traute der Polizei nicht. „Widersprüche über Tod Benno Ohnesorgs“ war die erste große Recherche am Montag, 5. Juni, überschrieben. Die FR gab Beobachtungen von Augenzeugen über die Prügelorgien der Polizei vor der Deutschen Oper wieder und sammelte Aussagen über die Auseinandersetzungen im Parkhof in der Krumme Straße, während der Kurras, ein Polizist in Zivil, gegen 20.30 Uhr zur Schusswaffe gegriffen hatte.

Die FR berichtete: Ohnesorg war in den Hinterkopf getroffen worden. Das widersprach der von Kurras behaupteten Notwehr-Situation. Tags darauf machte die FR auf einen bis heute nicht aufgeklärten Skandal aufmerksam: Dem toten Ohnesorg war im Krankenhaus das Schädelknochenstück rund um das Einschussloch rausgeschnitten worden. Es verschwand und wurde nie gefunden. Ganz offenbar sollte auf diese Weise die Schusswunde kaschiert werden. Das Magazin aus der Dienstpistole Kurras’ wurde gewechselt, bevor es hätte kriminaltechnisch untersucht werden können. Die FR zitierte aus einem internen Bericht der West-Berliner Schutzpolizei, in dem Ohnesorgs Erschießung nur in dem Satz vorkam: „Ein 26-jähriger Student verstarb später im Krankenhaus.“

Die Verantwortlichen des Polizeieinsatzes waren Sozialdemokraten. Die SPD regierte seit den Wahlen zum Abgeordnetenhaus im April 1966 weiter mit absoluter Mehrheit und stellte in Heinrich Albertz den Regierenden Bürgermeister, in Wolfgang Büsch den Innensenator und in Erich Duensing den Polizeipräsidenten, also die drei wichtigsten staatlichen Protagonisten in der Schah-Affäre. Albertz hatte in einer törichten ersten Erklärung die Studenten für die blutigen Auseinandersetzungen verantwortlich gemacht und kein Mitgefühl mit den Angehörigen Ohnesorgs geäußert. „Das disqualifiziert ihn menschlich“, kommentierte der stellvertretende FR-Chefredakteur Karl-Hermann Flach am 5. Juni, „und als demokratische Führungspersönlichkeit“. (Albertz, Pastor von Beruf, litt ein Leben lang unter seinen Fehlern aus den ersten Juni-Tagen. „Ich weiß“, sagte er 1981, „dass ich eines Tages für die Ermordung des Studenten Benno Ohnsorgs vor meinem ewigen Richter werde Rechenschaft ablegen müssen. Ich war verantwortlich.“)

Das Urteil der FR über das von einer eher rechten SPD dominierte West-Berlin fiel harsch aus. „Die jahrelang besungene ‚Insel der Freiheit‘ ist zur dumpfen politischen Provinz geworden“, hieß es in einem Leitartikel im Juni 1967. Der Bundes-SPD, seit 1966 mit der CDU/CSU in der Großen Koalition vereint und damit erstmals seit dem Krieg an einer Bundesregierung beteiligt, dämmerte bald, dass die Haltung ihrer Berliner Genossen gefährlich werden könnte. Am 7. Juni rückte der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Helmut Schmidt, von Albertz ab. Am 16. Juni diskutierten Außenminister Willy Brandt und Herbert Wehner, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, sieben Stunden lang in Bonn mit Vertretern von 100 Allgemeinen Studentenausschüssen aus dem ganzen Bundesgebiet.

Wo die populistischen Einpeitscher gegen die Studentenbewegung saßen, benannte die FR. Die feindselige Stimmung gegen die Studentenbewegung, schrieb sie, werde „angeheizt von der Springer-Presse“, die „obrigkeitstreu“ sei.

Im Sommer 1967 hatte die Kampagne „Enteignet Springer“ begonnen. Die Blätter des Konzerns von Axel Springer deckten damals 68 Prozent des West-Berliner Zeitungsmarkts ab. Ihre Berichte über die Anti-Schah-Demonstration waren mit dem Hass auf protestierende Akademiker getränkt, der die Springer-Blätter prägte, seit Studenten begonnen hatten, sich außerparlamentarisch zu artikulieren. Die Boulevard-Blätter „Bild“, „B.Z.“ und „Berliner Morgenpost“ hetzten im Verein mit der „Welt“ gegen alle, die die bürgerliche Gesellschaft in Frage stellten. Demonstranten waren „Krakeeler“, „Störenfriede“, „Randalierer“, „Kriminelle“. In Karikaturen tauchten Studenten als mit Keulen bewaffnete Höhlenbewohner auf.

In ihrer Berichterstattung konnte sich die Springer-Presse des Beifalls ihrer Leser sicher sein, wo doch selbst der West-Berliner DGB-Landesvorsitzende in jenen Tagen die Bildung von „Betriebskampfgruppen“ gegen die Studenten forderte. Im ressentimentgeladenen Spießerduktus wurden demonstrierende Studenten in den Springer-Zeitungen als Schmarotzer denunziert, deren „Dasein von den Steuergeldern der hart arbeitenden Bevölkerung getragen wird.“ Die „Welt“ schrieb noch am 5. Juni, „moralisch verantwortlich für die erschreckenden Szenen sind studentische Extremisten“ und forderte, „Kommune-Mitglieder“ zu exmatrikulieren. Die „Berliner Morgenpost“ war sich am Sonntag, 4. Juni, sicher: „Der unglückliche Schuss wurde nach menschlichem Ermessen in Notwehr abgegeben. Ohnesorg ist Opfer der FU-Chinesen“. In einem Flugblatt bat der AStA der FU die West-Berliner um Gehör: „Die Presse unserer Stadt informiert Sie einseitig.“

Aber die Gegenöffentlichkeit gewann an Gewicht. Neben der FR ließen sich namentlich die Zeitschriften „Zeit“, „Spiegel“ und „Stern“ nicht von Senat und Polizei abspeisen. Am 8. Juni setzte das West-Berliner Abgeordnetenhaus einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss über die Vorgänge während des Schah-Besuchs ein, der sich in seinem Abschlussbericht im September nur zu dem Satz durchringen konnte: „Die Polizei hat nicht in jeder Phase die Verhältnismäßigkeit der Mittel eingehalten.“ Ein studentischer Untersuchungsausschuss, über dessen Verhandlungen die FR berichtete, hatte sich schon am Tag nach dem Tod Ohnesorgs konstituiert.

Je mehr über die staatlich geduldeten Attacken der „Jubel-Perser“ des iranischen Geheimdienstes Savak, über die „Leberwurst“-Aktion der Polizei gegen die Demonstranten vor der Deutschen Oper (Polizeipräsident Duensing: „In die Mitte reinschlagen und nach beiden Seiten ausdrücken“), über die Vertuschungen im Fall Ohnesorg bekannt wurde, umso mehr verschärften Kommentatoren der linksliberalen Medien und kritische Intellektuelle ihren Ton. Ein FR-Redakteur schrieb, Ohnesorg sei „auf offener Straße hingerichtet worden“. Sebastian Haffner wütete im „Stern“: „Was sich in der Berliner Blutnacht des 2. Juni ereignet hat, war ein systematischer kaltblütig geplanter Pogrom, begangen von der Berliner Polizei an Berliner Studenten.“ Professor Jürgen Habermas nannte den Tod Ohnesorgs „legalen Terror“. Selbst der Theologe Helmut Gollwitzer ging bei der Trauerfeier Ohnesorgs so weit zu sagen: „Jedem von uns kann eines Tages das gleiche geschehen, solange die Polizei wie bisher belehrt und ausgebildet wird.“

Späte Erkenntnis bei Springer-Zeitungen

Nun dämmerte es auch in den Redaktionen der Springer-Blätter einigen, wie sehr sie sich verrannt hatten. Den Erkenntnissen aus dem Untersuchungsausschuss konnte sich auch der Boulevard nicht ganz verschließen. „Wir wollen mit den Studenten leben, nicht gegen sie“, schrieb die „B.Z.“ am 10. Juni und räumte am 13. Juni gar eine ganze Seite frei für den Text eines dieser „FU-Chinesen“. Für die Springer-Blätter blieb aber die außerparlamentarische Opposition ein rotes Tuch. Linke Studenten forderten weiter „Enteignet Springer“ und sahen sich in ihrer Meinung nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, der zehn Monate nach der Erschießung Ohnesorgs von einem Neonazi angeschossen wurde, bestätigt.

Albertz, Büsch und Duensing traten im September 1967 innerhalb weniger Tage zurück. Das Berliner Landgericht verurteilte Karl-Heinz Kurras (erst vor einigen Jahren kam heraus, dass er seit Mitte der 50er Jahre für die Stasi gespitzelt hatte) nicht mal wegen der von der Staatsanwaltschaft angeklagten fahrlässigen Tötung. Es sprach ihn am 21. November 1967 und, nach einer erfolgreichen Revision der Nebenklage beim BGH, noch einmal 1970 frei. Otto Schily, der damals den Vater Ohnesorgs als Nebenkläger vertrat, spricht noch heute von „horrenden Begleitumständen“: „Es sind Beweismittel verschwunden, zahllose Beweismittel vernichtet worden.“

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