+
Am frühen Montag morgen im nördlichen Gazastreifen bereitet sich eine Siedlerfamilie in Gegenwart eines israelischen Soldaten auf den Abschied vor.

Stunde Null

Angespannt und wehmütig verlassen am 15. August die ersten jüdischen Siedler ihre Häuser im Gazastreifen

Von INGE GÜNTHER (GUSCH KATIF)

Selbst das Aufstellen der Sperrtafel markiert einen historischen Moment. "Stop", steht darauf. "Der Eintritt in den Gazastreifen sowie der Aufenthalt dort ist von Gesetz wegen verboten."

Es ist Mitternacht, der 15. August ist angebrochen, die Stunde null der Abkoppelung Israels von den besetzten Gebieten in Gaza. Die Soldaten geben sich Mühe, lässig sich wirken, an der Grenzschranke Kissufim, der Hauptzufahrt in den Siedlungsblock Gusch Katif.

Aber nicht nur unter ihnen herrscht nervöses Abwarten, was die nächsten Tage bringen. Nichts ist vorhersehbar. "Ein großes schwarzes Loch breitet sich vor uns aus", bringt der israelische Journalist Ben Caspit die Stimmung auf den Punkt. "Und wir treten hinein mit Schmetterlingen im Bauch, klopfenden Herzen, schwerer Besorgnis und großer Hoffnung."

Doch der Vollzug beginnt unspektakulär. Eine der ersten Siedlungen, in der die Soldaten den Räumungsbefehl aushändigen, ist Nisanit, gelegen im Norden des Gazastreifens, fernab vom zentralen Block Gusch Katif. Nisanit ähnelt schon seit Tagen einer Geisterstadt. Die Straßen sind menschenleer. Viele der säkularen Bewohner haben sich bereits vor der letzten offiziellen Aufforderung, die Sachen zu packen, auf den Weg zu einer neuen Adresse in Israel gemacht.

Nicht wenige unter Mitnahme jeglicher Habe, die sich irgendwie transportieren und womöglich noch gebrauchen lässt: Dachziegel, Fenster, Türen, Rollläden. Selbst die D-9-Bulldozer, die noch vor dem Wochenende damit beginnen sollen, die verlassenen Wohnhäuser platt zu machen, haben es hier leichter. Nisanit gilt als unproblematisch. Anders als die fünf ideologischen Hochburgen Netzarim, Kfar Darom, Azmona, Katif und Dugit, in denen die Armee mit erheblichem Widerstand rechnet.

Überraschend beschließen die Militärs Montagnacht, dort die Zwangräumungsorder nicht persönlich an die Siedlerfamilien zu verteilen. Aber Nisanit hat auch deshalb Vorrang, weil Gefahr droht, dass radikale Abzugsgegner von außerhalb sich in leer stehenden Gebäuden verschanzen. Aus gleichem Grund erhalten auch zwei der vier Westbank-Siedlungen, die eigentlich erst im September aufgegeben werden sollten, vorzeitig den Räumungsbefehl.

Offenbar baut die Militärführung darauf, die erste Phase des Vollzugs möglichst glatt abzuwickeln, unter Vermeidung dramatischer Szenen. Generalstabschef Dan Halutz hofft, dass die Hälfte der 8000 jüdischen Gaza-Siedler bis zur gesetzten Frist um null Uhr am Mittwoch freiwillig das Feld geräumt hat. Es würde die Sache übersichtlicher machen. Es wäre ein willkommener Teilvollzug, der sich öffentlich gut präsentieren ließe. Vielleicht könnte das die Mehrheit der Abzugsgegner demoralisieren, sie auf den Boden der Realität zurückbringen.

Vor allem freilich geht es den Einsatzverantwortlichen darum, Bilder zu vermeiden, die jene unter Protest, aber vergleichsweise brav abziehenden Siedler in Rage bringen könnten. Hundert Prozent gelingt das nicht. Aus drei der insgesamt 21 Siedlungen in Gaza wird berichtet, dass Menschenmengen die Zufahrten blockieren. In Newe Dekalim, von der Größe her fast schon eine Siedlerstadt, geben sich meist jugendliche Nationalreligiöse gar der Randale hin, zünden am frühen Morgen Reifen an und lassen ihre Wut an Militärjeeps aus.

Im Pressezentrum Eschkol - eigens für die 4000 zum Gaza-Abzug angereisten Journalisten aus aller Welt eingerichtet - wird das noch nicht als sonderlich aufregende Nachricht verbucht. Mit derartigem hat jeder gerechnet, der in den vergangenen Tagen die immer militanteren Töne unter der rechtsradikalen Minderheit vernahm.

Aber die Bilder von randalierenden Abzugsgegnern passen der Siedler-Führung nicht ins Konzept. Die Streitkräfte derart zu provozieren, bedeutet eben nicht nur, die Israelis insgesamt aufzubringen, sondern stößt auch jene Soldaten vor den Kopf, die den Siedler-Traum von einem Groß-Israel teilen. Nicht umsonst haben nationalreligiöse Rabbiner die Truppen zum Ungehorsam aufgerufen, auf dass sie sich nicht daran versündigten, "wenn Juden andere Juden deportieren". Der Ratschef von Gusch Katif, Avner Schimoni, interveniert denn auch. Nur passiver, gewaltloser Widerstand sei gewollt. Das Ziel allerdings bleibt das Gleiche.

"Ihr habt mir beigebracht, dass ihr nur Terroristen bekämpft", hält ein nationalrechter Aktivist laut Armeeradio dem Militärkommandanten Eres Zuckerman vor, der den Einsatz in der Siedlung Morag leitet. "Bin ich jetzt euer Feind?" Die Siedler bekommen Entschädigung und Eingliederungshilfen.

Und sie kehren nach Israel zurück, in den Staat, der sich als sicherer Hafen aller Juden versteht. Zuckerman bleibt gelassen: "Erstens lieben wir dich", entgegnet er, "und zweitens bist du einer von uns." Das entspricht den Richtlinien, wie sich die Soldaten verhalten sollen: die Gemüter beruhigen. Schließlich läuft die Operation unter dem Codenamen "Brüderliche Hand".

Seine Hand streckt derweil auch Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas den Israelis entgegen, zumindest bildlich gesprochen. "Verlasst unser Land in Frieden", sagt er in einem Fernsehinterview, "und kehrt als Touristen zurück. Dann werdet ihr unseren Respekt empfangen."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion