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Szene aus der Ausstellung.

Literaturmuseum der Moderne - August 1914

Ein stummes, gewaltiges Stimmengewirr

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Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach verfolgt in der Ausstellung "August 1914. Literatur und Krieg" den Ersten Weltkrieg, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Es ist nicht einfach, mit dem Lesen und Abschreiben wieder aufzuhören.

Am 2. August 1914 schreibt Franz Kafka in Prag den berühmten Satz in sein Tagebuch: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“

Am selben Tag notiert die 21-jährige Lyrikerin Leonore Landau: “… ist nicht Kampf im großen Weltgeschehen notwendig, muss nicht eines dem andern Platz machen, eine Nation der Andern, u. wird nicht alles geleitet von großen unterirdischen, elementaren Strömungen?“

Am selben Tag schreibt Theodor Haecker sen. seinem 35-jährigen Sohn, dem gleichnamigen Schriftsteller und Übersetzer, folgende Zeilen: „Es geht auf Sein oder Nichtsein, und da muss freilich jeder Opfer bringen – . Trotzdem und bei aller Würdigung deines Vorhabens möchte ich dich dringend bitten, von einer freiwilligen Meldung in den Kriegsdienst unter allen Umständen abzusehen.“

Am selben Tag schreibt der 28-jährige Gustav Sack, der völlig mittellose expressionistische Dichter, an seine Frau Paula: „Den Krieg mache ich nicht mit, da mögen andere, alle, sagen, was sie wollen.“ Sie nennt ihn Karl, er nennt sie auch Karl.

Am Zweiten Weihnachtstag des Jahres 1916 wird sie ein Päckchen mit den Gegenständen erhalten, die ihr Mann bei sich hatte, als er an der rumänischen Front getötet wurde. Eine Pfeife, ein Schächtelchen mit einem Amorbild verziert, eine Brieftasche kann man erkennen.

„August 1914“ heißt die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Ein Jahr vor dem 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs dehnt das Haus die Zeit nach dem 28. Juli – Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg – in jener Weise, die nur durch unmittelbare Zeugnisse möglich ist. Keine Erinnerung kann das rekonstruieren, die immer schon mit sich bringt, dass der Betreffende weiß, wie es ausgegangen ist und wie bald schon noch viel Wichtigeres geschah.

Die Schreibenden in „August 1914“ hingegen sind ohne Übersicht, sie dramatisieren und bagatellisieren, sie schwadronieren, rätseln und fürchten sich, sie machen womöglich noch fast so weiter wie immer, sie vermitteln ohne jede Absicht einen geradezu schockierenden Eindruck von der Ahnungslosigkeit, in der der Mensch seine Tage hinbringt. Aber der 31-jährige elsässische Lyriker Ernst Stadler hat sich schon am Morgen des 31. Juli einen Revolver gekauft (das Jahr wird er nicht überleben).

Und am 10. August wissen sie zum Teil schon mehr als am 1. August. Denn die Tage ziehen sich hier nach Art echter Tage.

Am 4. August ist der 46-jährige Harry Graf Kessler, der sich bereits am 30. Juli gemeldet hat, erneut mit dem Akquirieren von Pferden beschäftigt. „Ein armer Bauer, dem aus Versehen alle vier Pferde weggenommen waren, weinte still vor sich hin. Das erste Kriegselend, das ich sehe.“

Am selben Tag schreibt der 28-jährige Max Herrmann-Neisse seiner Freundin ein kleines Liebesgedicht. „Jeder Gram, den Deine Liebe litt, / Grub sich mir als Wundmal in die Haut.“

Am 5. August erfährt der 52-jährige Arthur Schnitzler in seinem Schweizer Urlaubshotel, dass England Deutschland den Krieg erklärt hat, und erkennt auf „Weltruin“. „In wenig Tagen hat sich das Bild der Welt völlig verändert. Man glaubt zu träumen! Alle Menschen sind rathlos.“

Zwei Tage später schreibt die 13-jährige Marie Luise Kaschnitz, da sie dieses Tagebuch erst heute anfange, wolle sie rasch erzählen, was bisher geschah: „Also am 1. August 1914 wurde der Krieg erklärt … Mama sah gestern den Kaiser, er sah sehr ernst aus. – Eben kommt die Nachricht dass die Festung Lüttich mit vielen Verlusten genommen sei! Unsere Kriegsschiffe haben Algier verlassen. Hurrah! Rumänien erklärte Russland den Krieg. Wir bekamen Nachrichten von Papa, ist alles wohl.“ In Bern sät der 36-jährige Hermann Hesse am selben Tag das Wintergemüse.

„Dänemark mobilisiert auch. Hier fürchtet man Anschläge Italiens aufs Tessin. Wenn nur die Deutschen die Schweizer Grenze schonen – es wäre zu schade! Viel besser, die Franzosen brächen ein!“ Bereits im Dezember aber wird der 27-jährige Verleger Kurt Wolff seiner Frau ein Tolstoi-Zitat aus „Krieg und Frieden“ in den Brief einkleben: „Rostow wusste von Austerlitz her und aus dem Feldzug von 1807 aus eigner Erfahrung, dass jeder luegt, der Kriegsgeschichten erzaehlt, wie er selbst das auch tat, so oft er welche erzaehlte.“

Es ist nicht einfach, mit dem Lesen und Abschreiben wieder aufzuhören. „August 2014“ zerfällt konsequent in Stunden und Minuten (des Aufschreibens, der beschriebenen Episode). Es entsteht auch kein rundes Ganzes daraus, nicht einmal etwas Halbes, was man der Ausstellung vorwerfen könnte, aber es wäre ein absurder Vorwurf. Es ist genau das Disparate, das Vereinzelte, das für den Augenblick der Niederschrift noch dazu Private und Resonanzlose, das die Marbacher interessiert, dem sie mit ihren beträchtlichen Möglichkeiten nachspüren und das das Publikum vor allem in den ersten, noch wirren Augusttagen mit einiger Heftigkeit anspringt. Ein stummes, aber recht gewaltiges Stimmengewirr, das hier strikt chronologisch und quasi unkommentiert ausgebreitet wird.

Die Transkriptionen liegen aus, in den taschenkalendergroßen Bändchen, die man sich auch als Katalog mit nach Hause nehmen kann. Die Tagebücher befinden sich in Vitrinen. An den chronologisch sortierten Lese-, eher Guckwänden sind die Faksimiles der ausgewählten Seiten durch ihr Weiß-auf-Schwarz erkennbar, Briefe und sonstige einzelne Blätter wurden, wie schon länger in Marbach üblich, zwischen Glas gepresst und schweben angenehm in Augenhöhe durchschnittlich großer Personen.

Zur Schrift gibt es wie üblich Ernst Jüngers Stahlhelm oder eines seiner Schützengrabenfotos, aber weniges nur soll ablenken. Stichprobenartig geht es nach der August-Chronik in andere Kriegsjahre hinein, dann zum Kriegsende hin werden die Schritte wieder kleiner. Die Ernüchterung am Ende ist weniger frappierend als das Herumtaumeln zu Beginn.

Heike Gfrereis, Johannes Kempf und Ellen Strittmatter bedienten sich für ihre Auswahl aus den Beständen des Hauses und – spektakuläre Leihgabe – den für die nächsten Monate nach Marbach verbrachten Kafka-Tagebüchern aus den Bodleian Libraries in Oxford. Mit Oxford und der Bibliothèque nationale et universitaire in Straßburg verfolgen die Marbacher ein deutsch-französisch-englisches Ausstellungsprojekt in drei Teilen, zu dem „August 1914“ der Auftakt ist.

Wird die Hilflosigkeit des Einzelnen – nicht selten kaschiert durch Gedröhn – deutlich, so doch auch die beschämende Möglichkeit, einen klaren Verstand zu behalten. Und so doch erst recht die häufig unterschätzte Zeitzeugenschaft von Schriftstücken. Die Unmöglichkeit des Aktualisierens (auch durchgestrichene Passagen sind selten unlesbar) ist ein Wert, nach dem wir uns zurücksehnen könnten.

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