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Studie zeigt breites Bewusstsein für Rassismus in Deutschland

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Von: Jakob Maurer

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Auch die Bereitschaft zum Engagement gegen Rassismus ist groß: Die Teilnehmerin bei einer Demonstration hält ein Plakat mit der Aufschrift „Gegen jeden Rassismus und Anitsemitismus“.·Foto: Peter Endig/dpa-Zentralbild/dpa.
Auch die Bereitschaft zum Engagement gegen Rassismus ist groß: Die Teilnehmerin bei einer Demonstration hält ein Plakat mit der Aufschrift „Gegen jeden Rassismus und Anitsemitismus“.·Foto: Peter Endig/dpa-Zentralbild/dpa. © dpa

Mit dem „Rassismusmonitor“ gibt es erstmals empirische Daten zum Umgang der deutschen Bevölkerung mit dem Thema Rassismus. Viele erkennen das Problem an – nur ein Teil sieht es aber bei sich selbst.

Es führt ein direkter Weg von Halle und Hanau zu diesem Moment der Selbsterkenntnis: Laut dem am Donnerstag in Berlin vorgestellten „Rassismusmonitor“ sind gut 90 Prozent der Menschen hierzulande der Meinung, dass Deutschland ein Rassismusproblem hat. 60 Prozent sagen demnach, wir leben in einer rassistischen Gesellschaft.

Die Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) ist den Autor:innen zufolge als erste repräsentative Umfrage zu der Thematik Teil „einer neuen gesamtgesellschaftlichen Reflexion“. Nach den erwähnten Anschlägen beschloss die vorherige Bundesregierung im Juli 2020 eine verstärkte Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus. Dazu zählte auch die Finanzierung des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (Nadira).

Studie zeigt: Viele erleben Rassismus

Für die Studie wurden demnach von April bis August 2021 rund 5000 Menschen telefonisch befragt. Sie soll der Auftakt für eine fortlaufende Forschung sein und alle zwei Jahre Ergebnisse präsentieren.

Im Bericht wird deutlich: Rassistische Vorfälle sind in Deutschland kein Randphänomen. Rund 45 Prozent der Bevölkerung haben laut der Umfrage schon einmal persönlich rassistische Vorfälle beobachtet. Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung (etwa 22 Prozent) gibt an, bereits selbst von Rassismus betroffen gewesen zu sein.

Die Studie fragt auch aus der anderen Richtung und offenbart eine Diskrepanz: Während die meisten sagen, ja, es gibt Rassismus in Deutschland, stimmen nur 30 Prozent der Befragten der Aussage, „Auch ich habe manchmal rassistische Gedanken“ „voll und ganz“ bzw. „eher“ zu, wie die Studienautor:innen auf Nachfrage mitteilen.

„Das beschäftigt die Menschen emotional“

Die Forschenden hatten bei der Befragung der Bevölkerung im Alter von 14 Jahren an auch gezielt Angehörige von sechs Minderheiten in den Blick genommen: Schwarze Menschen, Muslim:innen, Asiat:innen, Sinti:ze und Rom:nja, Jüdinnen und Juden und osteuropäische Menschen. Besonders Jüngere aus diesen Gruppen, knapp drei Viertel der 14- bis 24-Jährigen, gaben an, Rassismuserfahrungen gemacht zu haben.

„Das beschäftigt die Menschen emotional (...), es wühlt sie auf (...) und lässt sie über lange Zeit nicht mehr los.“, sagte die Direktorin des Dezim, Naika Foroutan am Donnerstag in Berlin.

Rassismus-Beauftragte Alabadi-Radovan: „Ein wichtiger Schritt für Veränderung“

„Deutschland weiß um sein Rassismusproblem“, kommentierte Reem Alabadi-Radovan, Rassismusbeauftragte der Bundesregierung die Veröffentlichung. „Die breite Erkenntnis ist eine gute Nachricht, denn sie ist ein wichtiger Schritt für Veränderung.“

Die neue Familienministerin Lisa Paus (Grüne) sagte bei der Vorstellung, die Regierung wolle das Dezim weiter stärken und den Nadira „verstetigen“. Dessen Daten und Erkenntnisse könnten der Politik Handlungsempfehlungen bereitstellen. Wichtig sei es, „Rassismus frühzeitig entgegenzutreten, sonst erwecken wir den Eindruck, Rassismus sei eine von vielen vertretbaren Meinungen“. Die Studie sieht in Sachen Bildung Nachholbedarf: „Rassistische Wissensbestände und Vorstellungen sind in Deutschland immer noch fest verankert. Die Annahme, man könne Menschen in ‚Rassen‘ kategorisieren, teilt jede zweite Person.“ Fourotan forderte: „Es muss stärker in den Bildungskanon hinein, darüber etwas zu wissen, wie Rassismus funktioniert, wo er sich aufbaut und woran er sich festhält.“

Studie zeigt: Viele wollen sich Rassismus entgegenstellen

Der Studie zufolge sind aber auch 70 Prozent der Befragten bereit, sich Rassismus entgegenzustellen und sich zu engagieren – etwa bei Demonstrationen, einer Unterschriftensammlung oder mit Widerspruch im Alltag. Das ist laut Paus „eine neue Dynamik“ und belege wissenschaftlich, „was wir in den letzten Jahren anekdotisch mitbekommen haben“.

Foroutan bemängelte jedoch, dass „das empirische Wissen zu Rassismus in Deutschland noch vergleichsweise gering entwickelt“ sei, so gebe es in Deutschland keinen einzigen Lehrstuhl zu Rassismusforschung.

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