1. Startseite
  2. Politik

Studie: Mehr Sendezeit fürs Klima

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Verena Kern

Kommentare

Hitzewellen machen die Klimakrise spürbar - seit dem Sommer 2018 wird mehr über die Klimakrise berichtet.
Hitzewellen machen die Klimakrise spürbar - seit dem Sommer 2018 wird mehr über die Klimakrise berichtet. © Imago

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen steigt die Aufmerksamkeit für das Thema. Das hat lange gedauert

Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich jahrelang so gut wie gar nicht sportlich betätigt. Nun haben Sie angefangen, ab und an einen kleinen Spaziergang zu machen. Sagen wir, einmal um den Block, in gemächlichem Tempo und eher alle 14 Tage als mehrmals wöchentlich. Ist damit alles gut? Kaum. Im Vergleich zu früher ist es zwar eine Verbesserung, ein Fortschritt. Aber unterm Strich gesehen bleibt immer noch viel Luft nach oben.

So ähnlich ist es auch bei der Berichterstattung über den Klimawandel in deutschen Medien. Lange kamen Klimathemen so gut wie gar nicht vor. Mittlerweile wird mehr berichtet. Aber nach wie vor viel zu wenig.

Bis zum Jahr 2018 hatten die Medien das Thema kaum auf dem Schirm. In der gedruckten Presse, also in Zeitungen und Zeitschriften, waren in dem Jahrzehnt davor lediglich 0,24 Prozent aller erschienenen Artikel in Deutschland dem Thema Klimawandel gewidmet, wie ein Schweizer Forschungsteam 2021 in einer Studie zur globalen Klimaberichterstattung ermittelt hat. Der weltweite Durchschnitt lag bei 0,5 Prozent. Auch das war wenig, aber immerhin noch doppelt so viel wie in Deutschland.

Kostenloser Klimanewsletter

Einmal pro Woche veröffentlicht die Frankfurter Rundschau einen kostenlosen redaktionellen Newsletter zum Klimaschutz.

Jetzt abonnieren: Klima-Newsletter der FR

Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war die Dekade bis 2018 ein „verlorenes Jahrzehnt“ in Sachen Klimaberichterstattung, zeigt nun eine aufwendige Analyse der Universität Hamburg, die in diesen Tagen in der ARD-nahen Fachzeitschrift Media Perspektiven erscheinen wird und der Frankfurter Rundschau vorab vorlag. Ein Team um den Kommunikationswissenschaftler Michael Brüggemann hat dafür die Berichterstattung in der ARD-Tagesschau von November 2007 bis Oktober 2022 sowie das Gesamtprogramm von ARD, ZDF und WDR von Juli 2021 bis September 2022 ausgewertet. Erstmals liegt damit eine Längsschnittanalyse von Fernsehinhalten vor, bei der fast zwei Millionen Sendeminuten daraufhin untersucht wurden, ob der Begriff „Klima“ erwähnt wird.

In der Tagesschau, der wichtigsten Nachrichtensendung der ARD, gab es demnach über weite Strecken gar keine Berichterstattung zum Klimawandel. Von den rund 3 600 Tagen der Dekade bis 2018 wurde das Klima an rund 2 950 Tagen nicht erwähnt. Damit kam an 82 Prozent aller Tage das Klima nicht vor. Wenn Klimathemen doch einmal aufgegriffen wurden, dann lieferten nationale und internationale Großereignisse den Anlass: etwa die Europa- und Bundestagswahlen 2009, die Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 oder auch der angekündigte Austritt der USA aus dem Paris-Abkommen 2017.

Auch während der jährlich stattfindenden UN-Klimakonferenzen ließ sich jeweils eine kurzfristig verstärkte Berichterstattung feststellen. Umgekehrt heißt das: Gäbe es keine Klimakonferenzen, wäre die Klimaberichterstattung noch weniger umfangreich als ohnehin schon.

Klimakrise im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Es gibt nun keine großen Lücken mehr

Seit 2018, das zeigt die Analyse, hat die Klimaberichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen insgesamt zugenommen. Auslöser dafür waren der damalige Hitzesommer, der den Klimawandel quasi vor die Haustür brachte und unmittelbar erfahrbar machte, aber auch die starke Mobilisierung der Fridays-for-Future-Bewegung sowie die UN-Klimakonferenz COP 24 in Katowice.

Konkret heißt das: Es wird nun regelmäßig berichtet, es gibt keine größeren Lücken ohne jegliche Berichterstattung mehr. Auch jenseits der Nachrichtensendungen haben Klimafragen Einzug ins Programm gefunden, etwa in Verbrauchermagazinen, Wissenschafts- und auch Wirtschaftssendungen sowie Talkshows. Selbst Comedy-Formate und das Kinderprogramm beschäftigen sich nun gelegentlich mit dem Klima. Allerdings ist hier die Berichterstattung bestenfalls sporadisch. Im Gesamtprogramm von ARD, ZDF und WDR nahm das Klimathema 2021 und 2022 laut Studie nur ein bis 2,4 Prozent der Sendezeit ein – ein sehr bescheidener Wert.

Schwerpunkt bleiben die Nachrichtensendungen. Sie berichteten am intensivsten im Jahr 2019. Anlässe waren die EU-Parlamentswahlen, der globale Klimastreik im Herbst, aber auch die verheerenden Waldbrände in Kanada und die Klimakonferenz COP 25 in Madrid.

Doch selbst in diesem Jahr, mit der bislang größten Aufmerksamkeit für das Klima, widmete die Tagesschau nur acht Prozent ihrer Sendeminuten dem Thema. Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 ging die Aufmerksamkeit wieder zurück, aber nicht auf das extrem niedrige Niveau der Jahre vor 2018.

Klimakrise im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: „Der Tragweite nicht angemessen“

Ein stärkerer Fokus lag in der Zeit um die Bundestagswahl 2021 und die folgende Regierungsbildung auf dem Thema, aber auch bei der durch den Ukraine-Krieg befeuerten Debatte über eine beschleunigte Energiewende im Sommer 2022.

Trotzdem sind es selten mehr als vier Prozent der Sendeminuten, in denen die Tagesschau über Klimathemen berichtet – ganz anders als bei Wirtschaftsthemen, denen, wie es in der Studie heißt, eine „allgegenwärtige Präsenz“ sicher ist. Damit bleibt das Klima weiterhin ein Randthema, obwohl es nun etwas weniger stiefmütterlich behandelt wird.

Aber das Mehr in der Berichterstattung sei immer noch viel zu wenig: „Der Tragweite der Klimakrise ist das nicht angemessen“, sagt Michael Brüggemann. „Es ist schon erstaunlich, wie das Thema zum Beispiel in der Tagesschau jahrelang ignoriert wurde. Und es ist nach wie vor kein Topthema im deutschen Fernsehen.“

Dass sich die Zuschauer:innen etwas anderes wünschen, zeigen Umfragen immer wieder: mehr Hintergründe und Erläuterungen zum Thema Klimapolitik.

Auch interessant

Kommentare