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Zu unkritisch berichtet? Hilfe für Flüchtlinge 2015 un Ungarn.

Otto-Brenner-Stiftung

Studie beklagt einseitige Berichterstattung über Flüchtlinge

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Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung analysiert, wie 2015 und 2016 über Flüchtlinge berichtet wurde. Mit dem Ergebnis: Das war kein Ruhmesblatt.

Überregionale wie auch regionale Zeitungen haben einer Studie der Hamburg Media School und der Universität Leipzig zufolge während der Flüchtlingskrise 2015 und 2016 zu unkritisch berichtet.

Der Studienleiter Michael Haller und seine Mitarbeiter hatten rund 35.000 Texte erfasst. Im Zentrum standen Printleitmedien wie „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Süddeutsche Zeitung“, „Welt“ und „Bild“, über achtzig verschiedene Lokal- und Regionalzeitungen sowie focus.de, tagesschau.de und Spiegel Online. Auftraggeber der Studie war die Otto-Brenner-Stiftung.

Die Analyse von FAZ, Süddeutscher und Welt zeigt demnach, dass der Inhalt überwiegend aus nachrichtlichen Berichten und meinungsbetonten Beiträgen bestanden habe. Dabei seien zu zwei Dritteln relevante Akteure und Sprecher der institutionellen Politik zu Wort gekommen – Helfergruppen, Einrichtungen, freie Träger und andere, die sich in erster Linie um Flüchtlinge gekümmert hätten, hingegen nur zu rund 3,5 Prozent.

Regierungsvertreter öfter zitiert 

Unter den politischen Akteuren seien Regierungsvertreter wiederum viel öfter zitiert worden als Oppositionsvertreter, dabei die Grünen mehr als doppelt so häufig wie die Linke und die AfD fast gar nicht.

In rund der Hälfte der Berichterstattungen sei „der journalistische Qualitätsgrundsatz, aus neutraler Sicht sachlich zu berichten“, jedenfalls „nicht durchgehalten“ worden. Oft schrieben die Korrespondenten „in einer Diktion, die persönliche Nähe, auch Vertrautheit zur politischen Elite suggeriert.

Diese Attitüde kann beim Leser den Eindruck erzeugen, die berichtenden Journalisten seien weniger am Thema selbst als an den über das Thema transportierten Querelen interessiert.“

Haller beklagt: „Bis zum Spätherbst 2015 greift kaum ein Kommentar die Sorgen, Ängste und auch Widerstände eines wachsenden Teils der Bevölkerung auf. Wenn doch, dann in belehrendem oder (gegenüber ostdeutschen Regionen) auch verächtlichem Ton.

Kaum ein Kommentar während der sogenannten Hochphase (August und September) versuchte eine Differenzierung zwischen Rechtsradikalen, politisch Verunsicherten und besorgten, sich ausgegrenzt fühlenden Bürgern.“

Vielmehr sei der Begriff Willkommenskultur „zu einer Art Zauberwort verklärt“ worden, „mit dem freiwillig von den Bürgern zu erbringende Samariterdienste moralisch eingefordert werden konnten. Wer Skepsis anmeldete, rückte in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit.“

Erst nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 habe „ein differenzierterer Umgang mit dem Megathema Flüchtlinge in Deutschland“ eingesetzt. Der Ton der Berichte sei skeptischer geworden. Im Januar 2016 hätten sich sogar viele Zeitungsberichte gefunden, „die, entgegen journalistischen Sorgfaltspflichten, in ihren Berichten über Normverstöße junge Migranten und Asylsuchende unter Täterverdacht stellen. Es entsteht der Eindruck, als wollten viele Journalisten jetzt überfleißig nachholen, was sie zuvor versäumt hatten.“

Die Regionalmedien hätten diese Entwicklung der überregionalen Leitmedien im Großen und Ganzen mit- und nachvollzogen.

Der Studienleiter stellt die Befunde in den Zusammenhang einer zunehmenden Entfremdung zwischen Medien und ihren Konsumenten. Ein beachtlicher Teil der Bevölkerung glaube, „der Journalismus werde offenbar gezwungen, systemkonform und insofern manipulierend zu berichten“. Diejenigen, die anderer Auffassung seien, würden „moralisch ins Unrecht gesetzt“ und machten „ihrer Frustration“ in Online-Foren dann „umso heftiger Luft“.

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