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Das Deutsche Studentenwerk schlägt Alarm: „Viele fragen sich, wie sie ihr Studium noch finanzieren können“

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Von: Fabian Hartmann

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Dicht an dicht sitzen Studierende im Hörsaal der Universität Münster.
Die Hörsäle, wie hier in Münster, füllen sich wieder. Doch die Probleme der Studenten reißen nicht ab, warnt das Studentenwerk.  © Rolf Vennenbernd/dpa

Steigende Mieten, Energiekrise, Inflation: Der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Matthias Anbuhl, fordert im Interview mehr Unterstützung für Studierende.

Berlin – Zwischen Pandemie und Energiekrise: An Deutschlands Hochschulen startet in diesen Tagen das Wintersemester.
Nach dem Corona-Ausbruch findet die Lehre erstmals wieder in Präsenz statt. Ein Stück weit Normalität im Studentenleben. Doch die Pandemie hat Spuren hinterlassen, sagt Matthias Anbuhl, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW). So hätten seelische Leiden bei jungen Menschen spürbar zugenommen. Und es wartet bereits die nächste Herausforderung: Steigende Preise schlagen im studentischen Budget voll durch. Anbuhl fordert im Interview mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA mehr Hilfen für Studierende – und eine echte Bafög-Reform.

Herr Anbuhl, das Wintersemester startet in diesen Tagen. Erstmals seit dem Ausbruch von Corona kommen Studierende und Lehrende wieder zusammen. Wie froh sind Sie darüber?

Ich bin sehr froh, dass das Campus-Leben wieder in Schwung kommt. Man muss es so sagen: Die Studierenden sind auf dem Zahnfleisch aus der Pandemie gekommen. Corona hat sie hart getroffen: sozial und finanziell. Hinzu kommt die digitale Isolation durch Internet-Vorlesungen. Es ist wichtig, dass die Lehre jetzt wieder in Präsenz stattfindet. Denn: Die Hochschule ist ein sozialer Ort, und das Studium lebt von Austausch und Diskurs.

Was hat Corona mit dem Studentenleben gemacht?

Ein normales Studentenleben hat nicht mehr stattgefunden. Die Studierenden hatten kaum Austausch untereinander. Wie hoch die Belastung durch Vereinsamung und digitale Isolation war, haben wir in den psychologischen Beratungsstellen der Studierendenwerke gesehen. Die Nachfrage dort ist extrem gestiegen, und auch die Art der Beratung hat sich deutlich verändert.

Inwiefern?

Früher ging es vor allem um Themen rund ums Studium, etwa Prüfungsangst. Heute geht es viel öfter darum, dass die Sinnhaftigkeit des Studiums infrage gestellt wird, dass Studierende depressive Verstimmungen haben – bis hin zu suizidalen Gedanken. Es ist dringend notwendig, dass Bund und Länder mehr Geld für den Ausbau der psychologischen Beratung der Studierendenwerke bereitstellen. Corona hat heftig gewütet. Zumal auch noch ein finanzieller Aspekt hinzukommt. Das studentische Budget ist in der Regel auf Kante genäht. In der Pandemie sind viele beliebte Nebenjobs, etwa in der Gastronomie, weggefallen. Die Studierenden sind also doppelt getroffen – psychisch und finanziell.

Hilfen für Studierende: Warum die Bafög-Erhöhung aus Sicht des Deutschen Studentenwerks nicht ausreicht

Auch wenn das Campus-Leben wieder stattfindet: Der finanzielle Druck dürfte hoch bleiben. Wie hart trifft die Inflation Deutschlands Studenten?

Es sind nicht nur die Mieten, die steigen. Auch Strom, Gas und Lebensmittel werden immer teurer. Das stellt Studierende vor existenzielle Herausforderungen. Viele fragen sich, wie sie ihr Studium noch finanzieren können. Bund und Länder müssen hier mehr tun, um ihnen unter die Arme zu greifen.

Es gibt bereits Hilfen. Auch Studenten erhalten einen Heizkostenzuschuss und Direktzahlungen.

Es gibt einen Heizkostenzuschuss für die rund elf Prozent der Studierenden, die Bafög erhalten. Und ja, es gibt auch eine Direktzahlung von 200 Euro für alle Studierenden. Wer einen Minijob hat, kann zudem von der Energiepreispauschale profitieren. Aber das reicht nicht aus.

Bei der Hilfe für Studenten setzt die Ampel auf das Prinzip Gießkanne. So soll es Einmalzahlungen für alle geben, auch für die Tochter eines Chefarztes. Ist das sinnvoll – und gerecht?

Es gibt verschiedene Bausteine, um zu helfen. Am wichtigsten ist das Bafög, da es die erreicht, die am wenigsten Geld haben. Die Sätze sind zum Wintersemester um 5,5 Prozent gestiegen. Das ist aber zu wenig, die Inflation lag zuletzt bereits bei zehn Prozent. Bafög-Empfänger erhalten außerdem einen Heizkostenzuschuss. Das sind wichtige Hilfen. Allerdings darf man nicht vergessen: Es gibt viele Studierende, die knapp oberhalb der Bafög-Grenzen liegen. Die haben auch nicht viel Geld. Insofern ist es schon okay, auch mit Direkthilfen unter die Arme zu greifen. Das Problem ist vielmehr, dass das Geld noch gar nicht ausgezahlt ist, da die Regierung noch an den Modalitäten arbeitet. Wahrscheinlich wird es erst im neuen Jahr so weit sein – was zu spät ist.

Matthias Anbuhl, Generalsekretär des Deutschen Studetenwerkens (DSW).
Matthias Anbuhl, Generalsekretär des Deutschen Studetenwerkens (DSW). © Kay Herschelmann

Zur Person

Matthias Anbuhl steht als Generalsekretär seit dem 1. Oktober 2021 an der Spitze des Deutschen Studentenwerks. Die Anstalten öffentlichen Rechts sind in Deutschland für die Förderung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Belange der Studierenden zuständig. Anbuhl hat ein Lehramtsstudium an der Universität Kiel absolviert. Seine berufliche Laufbahn begann er im Parlamentarischen Verbindungsbüro der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin. Im Anschluss war er Leiter der Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Hilfen für Studierende: Warum die Bafög-Erhöhung aus Sicht des Deutschen Studentenwerks nicht ausreicht

Die Bafög-Sätze liegen, je nach Alter der Studierenden, in der Spitze zwischen 812 und 1018 Euro pro Monat. Kann man davon leben?

Nein, das kann man nicht. Die Förderhöhe geht an der Lebensrealität vorbei. Ein Beispiel: Der Bafög-Grundbedarf für den Lebensunterhalt liegt bei 452 Euro. Parallel dazu will die Ampel beim Bürgergeld den Grundbedarf für das Existenzminimum auf 502 Euro anheben. Das zeigt doch, dass hier etwas nicht stimmt. Auch die steigenden Mieten werden in der Förderung viel zu wenig berücksichtigt. Für die Wohnkosten sind im Bafög 360 Euro vorgesehen. In der Preisklasse gibt es in deutschen Hochschulstädten auf dem freien Wohnungsmarkt aber kaum noch WG-Zimmer.

Was ist mit den Wohnraumangeboten, die die Studentenwerke haben?

Sie reichen nicht aus. Wir bieten bundesweit zwar 196.000 Wohnheimplätze mit einer Durchschnittsmiete von 266 Euro warm an. Aber allein bei den elf größten Studentenwerken in Deutschland stehen 35.000 Studierende auf den Wartelisten. Das zeigt, wie angespannt der Wohnungsmarkt ist. Wir brauchen einerseits mehr Neubau, da die Zahl der Wohnheimplätze mit der Zahl der Studienplätze nicht mitgewachsen ist. Mindestens genauso wichtig ist aber, dass die Bafög-Sätze steigen und die Lebensrealität entsprechend abbilden.

An welche Größenordnung denken Sie?

Das Plus sollte mindestens bei zehn Prozent liegen und die Bafög-Sätze im vierstelligen Bereich.

Seit Jahren sinkt die Zahl der Bafög-Empfänger. Was läuft schief?

Im Jahr 2010 lag die Zahl der Bafög-Empfänger unter den Studierenden noch bei 25 bis 30 Prozent. Inzwischen sind es nur noch elf Prozent. Das hat vor allem zwei Gründe: Die Freibeträge beim Einkommen der Eltern wurden nicht an die allgemeine Einkommensentwicklung angepasst. Hinzu kommt ein strukturelles Problem. Viele Studierende fallen beim Bafög von vornherein raus, etwa, weil sie das Studienfach gewechselt haben, ein Semester oberhalb der Regelstudienzeit liegen oder weil sie zu alt sind. Wir brauchen also eine strukturelle Reform, die das Bafög wieder auf die Höhe der Zeit bringt. Und das hat die Bundesregierung auch versprochen.

Kann man angesichts dieser Zahlen überhaupt von Chancengerechtigkeit im Bildungssystem sprechen?

Davon sind wir weit entfernt. Es ist so, dass Kinder von Akademikern viel bessere Chancen haben, auf eine Hochschule zu kommen, als junge Menschen aus Nicht-Akademiker-Haushalten. Wir können es uns aber nicht leisten, so viele Jugendliche und junge Menschen zurückzulassen. Wir haben einen riesigen Fachkräftebedarf, die Babyboomer gehen in Rente, die Digitalisierung erfordert mehr und nicht weniger Spezialisten. Deutschland kann es sich schlicht nicht leisten, dass der Hochschulzugang vom Geldbeutel der Eltern abhängt.

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Elternunabhängiges Bafög? „Umverteilung von unten nach oben“

Es gibt Überlegungen, das Bafög elternunabhängig zu machen. Eine gute Idee?

Das Bafög an alle Studierenden – unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern – auszuzahlen, hielte ich für falsch. Es wäre letzten Endes eine Umverteilung von unten nach oben. Es gibt keinen Grund, die Kinder von Spitzenverdienern mit Sozialleistungen zu fördern. Zumal eine solche Reform – unabhängig von der problematischen Verteilungswirkung – überhaupt nicht finanzierbar wäre. Bafög für alle klingt gut. Sozial ist es aber nicht.

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