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FR vom Juni 1967

Studenten stehen nicht mehr allein

Die Meinung vieler Berliner zu Schah-Zwischenfällen ändert sich.

Die Aktionen der Berliner Studentenschaft nach den Vorfällen der vergangenen Woche stehen im Zeichen eines allmählichen Stimmungsumschwungs der öffentlichen Meinung. Stimmen in der Öffentlichkeit und auch in der Presse werden lauter, die den Einsatz der Polizei gegen Demonstranten für unangemessen halten und eine; Rechtfertigung der Polizei und der politischen Führung verlangen. In Presseorganen sozialdemokratischer und bürgerlicher Richtung wurde auch die durch einseitige Stellungnahmen und Verbreitung von widerspruchsvollen Fehlinformationen gekennzeichnete Haltung der Senatsführung nach den Zusammenstößen vielfach getadelt. Auf einer Pressekonferenz am Montag verteidigte Innensenator Büsch, durch Journalisten in die Enge getrieben, nur noch die Tatsache des Polizeieinsatzes, aber nicht mehr die Art des polizeilichen Vorgehens. Art, Zeitpunkt und Umfang des Polizeieinsatzes wurden in einer Erklärung des SPD-Kreises Charlottenburg ausdrücklich verurteilt.

In der Freien Universität und in der Pädagogischen Hochschule ruhen fast alle Lehrveranstaltungen. Statt dessen werden Vorträge und Diskussionen in den großen Hörsälen abgehalten. Vom AStA der FU sind am Dienstag Komitees gebildet worden, in denen eine große Zahl von Studenten spontan mitarbeitet. Das wichtigste Komitee beschäftigt sich schon seit dem Wochenende mit der Aufnahme von Zeugenaussagen, solche zum Fall Ohnesorg und anderen Übergriffen der Polizei gegen weitere Demonstrationsteilnehmer. Auch Aussagen über etwaige Übergriffe von Demonstranten werden aufgenommen. Meldungen, daß es während der Demonstrationen einen zweiten tödlich verletzten Studenten gab, wurden am Dienstag vom Senatspresseamt ausdrücklich dementiert. "Alle Krankenhäuser haben eine entsprechende Anfrage verneint", hieß es offiziell.

In zahlreichen deutschen Universitätsstädten wurde am Montag und Dienstag mit Schweigemärschen und Mahnwachen des während des Schah-Besuchs in Berlin getöteten Studenten Benno Ohnesorg gedacht. Unter anderem wurde in Bonn ein Schweigemarsch durchgeführt, in Marburg legten Studenten einen Kranz für Ohnesorg nieder. Bei einer Protestkundgebung in Kiel sagte der Dekan der Philosophischen Fakultät, die Tatbestände über den Tod des Studenten seien "frisiert" worden.

In scharfer Form verurteilten sechs West-Berliner Schriftsteller, die sich während des Bundestagswahlkampfes im "Wahlkontor Deutscher Schriftsteller" für die SPD eingesetzt hatten, das Vorgehen der Berliner Polizei beim Besuch des Schahs. Der von Günter Grass mitverfaßten Erklärung haben sich inzwischen mehr als 60 weitere Schriftsteller und Künstler aus der Bundesrepublik und West-Berlin angeschlossen. In der Erklärung heißt es, nicht die Studenten mit ihrer Demonstration, sondern "ein feudaler Potentat, eine hysterische Presse, ein kopfloser Polizeipräsident" hätten dem Ansehen der Stadt Berlin, "die wir lieben, und in der wir arbeiten, unabsehbaren Schaden zugefügt".

In einem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Albertz, hat die Kampagne für Abrüstung schärfstens gegen das Vorgehen der Berliner Polizei protestiert und die alleinige Schuld am Tod des Studenten Benno Ohnesorg den "Ordnungskräften" und dem Bürgermeister Albertz als verantwortlicher Instanz für die Polizei- und Ordnungsbehörden zugewiesen.

Aus der FR-Sonderausgabe von Anfang Juni 1967

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