Protest am ersten Tag des Lübcke-Prozesses in Frankfurt.
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Protest am ersten Tag des Lübcke-Prozesses in Frankfurt.

Rechtsextremismus

„Die Strukturen gab es schon Ende der 70er Jahre“

Alexander Hoffmann, Anwalt des Nebenklägers Ahmad E., über das Versagen des Staates und seine Prozesserwartungen

Im Prozess gegen Stephan Ernst und Markus H. vor dem Frankfurter Oberlandesgericht geht es nicht nur um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Ernst wird auch vorgeworfen, im Januar 2016 den irakischen Flüchtling Ahmad E. in Lohfelden niedergestochen zu haben. Der damals 22-Jährige überlebte schwer verletzt und leidet bis heute schwer unter den Folgen der Tat. Wie die Familie Lübcke tritt er im Prozess als Nebenkläger auf. Ein Gespräch mit seinem Anwalt, dem Kieler Juristen Alexander Hoffmann, der schon im Münchner NSU-Prozess Opfer vertreten hat.

Herr Hoffmann, wie geht es Ihrem Klienten Ahmad E. viereinhalb Jahre nach dem Angriff auf ihn?

Er gibt bewusst keine Interviews. Darum will auch ich nicht für ihn sprechen, bis er seine Aussage vor Gericht gemacht hat. Aber die vergangenen Jahre waren für ihn ein extremes Auf und Ab. Das Messer hat ihn damals direkt neben der Wirbelsäule getroffen. Dadurch wurden mehrere Nerven verletzt. Daran leidet er heute noch. Er ist nicht arbeitsfähig. Zudem ist es auch emotional schwierig für ihn. Einerseits ist der Prozess eine Chance zu beweisen, dass die Tat tatsächlich von einem Nazi begangen wurde, wie er schon damals vermutet hatte, während es auch Verdächtigungen gab, es könne jemand aus der Flüchtlingsunterkunft gewesen sein. Andererseits hat es natürlich auch etwas Einschüchterndes, dass er die Ängste nicht zu Unrecht hatte.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in den Prozess in Frankfurt?

Ganz konkret setzen wir alles daran, dass es zu einer Verurteilung von Stephan Ernst in der Angelegenheit meines Mandanten kommt. Ganz allgemein hoffe ich, dass die deutsche Gesellschaft durch den Prozess endlich auch außerhalb von antifaschistischen Kreisen versteht, dass wir ein Problem mit Neonazis haben, die den bewaffneten Kampf gegen den Staat als probates Mittel begreifen. Das sind nicht nur ein paar Verwirrte. In der Anklageschrift des NSU-Prozesses war noch von isolierten Personen mit wenigen Unterstützern die Rede. Dieses Bild ist längst nicht mehr aufrechtzuerhalten. Vielleicht verstehe ich jetzt endlich, warum die Politik das nicht ernst genug nimmt.

Zur Person

Alexander Hoffmann verrät ganz bewusst kaum etwas über sich, um nicht Opfer von rechten Bedrohungen und Anschlägen zu werden. Der Rechtsanwalt gibt zum Beispiel keine Porträtbilder von sich an die Öffentlichkeit. Er will, dass möglichst wenig Fotos von ihm im Netz zu finden sind. Der Strafverteidiger ist „Mitte 50“, wie er sagt, und seit 1998 in Kiel tätig. Bundesweit vertritt er „Betroffene nazistischer und rassistischer Übergriffe“. Zudem ist er Spezialist für Presserecht. Auf seinem Twitter-Account (@raahoff) beschreibt er sich so: „Immer ein bisschen zu laut, zu aggressiv und sehr parteilich.“ Sein Profilbild zeigt eine Schmiererei an einer Hauswand – ein Hakenkreuz und den Satz: „Hoffmann, wir kriegen dich, du roter Bastard!“.

Wurde die Politik durch den Mord an Walter Lübcke nicht aufgerüttelt?

Nein, es gab viel zu wenig politische Konsequenzen. Das Verbot von Combat 18 beispielsweise wurde so lange im Voraus angekündigt, dass es ohne Effekt war, weil die Mitglieder Waffen längst beiseiteschaffen konnten. Man hätte die Szene richtig auseinandernehmen müssen. Die Strukturen von Neonaziorganisationen, mit denen wir es heute zu tun haben, gab es schon Ende der 70er Jahre. Sie bekamen nur alle paar Jahre einen anderen Namen. Stephan Ernst und Markus H. wurden von diesen Strukturen geprägt. Und die lassen einen nicht einfach los, nur weil man eine Familie gründet und keine Zeit mehr hat, alle vier Wochen auf eine Neonazidemo zu reisen.

Kurz nach dem Angriff auf Ahmad E. im Januar 2016 haben die Ermittler mit Stephan Ernst gesprochen. Ist die Polizei entsprechenden Hinweisen nicht hartnäckig genug nachgegangen?

Sie haben ihn zumindest nicht als potenziell rassistischen Gewalttäter gesehen. Die Beamten wussten, dass er in der Nähe des Tatorts wohnte und sein Rad so aussah wie das des Täters. Er war im Blick der Ermittlungen – und trotzdem hat es nicht Alarm gemacht. Irgendetwas kann da nicht funktioniert haben. Stephan Ernst hatte immerhin schon einen türkischen Imam mit einem Messer niedergestochen.

Wie oft erhalten Sie Drohungen aus der rechten Szene?

Nicht so häufig, wie man denken mag. Ich glaube, am härtesten werden Frauen bedroht und angegriffen. Es scheint mir etwas zu bringen, dass ich als Mann nicht so verletzlich erscheine. Ich habe schon alle Formen von Bedrohungen erhalten. Trotzdem müssen geflüchtete Menschen auf der Straße mehr Angst haben vor Übergriffen als ein Rechtsanwalt, der durch seine Stellung relativ gut geschützt ist.

Wird Ahmad E. ebenfalls bedroht?

Dazu möchte ich nichts sagen. Sie werden im Prozess erfahren, warum das so ist.

Interview: MATTHIAS LOHR

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