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Antonio Tajani liegt seinem Vorgänger Martin Schulz in den Armen.

Europäische Union

Der Stromlinienpräsident

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EU-Parlamentschef Antonio Tajani hat vielen Herren gedient, von den exilierten Königen Italiens über Silvio Berlusconi bis zur Brüsseler Kommission. Es hat ihm nie geschadet.

In Italien bejubeln fast alle politischen Lager, dass mit dem Konservativen Antonio Tajani erstmals ein Landsmann an der Spitze des EU-Parlaments steht. Der sozialdemokratische Regierungschef Paolo Gentiloni gratulierte noch in der Nacht zum Mittwoch. Senatspräsident Pietro Grasso sieht in der Straßburger Wahl eine große Ermutigung und eine Anerkennung von Italiens Rolle in Europa. Und Forza-Italia-Chef Silvio Berlusconi, als dessen Sprecher der heute 64 Jahre alte Tajani einst seine politische Laufbahn begann, teilte mit, er sei erfüllt von Freude und Stolz.

Interessant ist, dass Tajani die einst so enge Bindung an den Medienmagnaten und rechtspopulistischen Parteigründer heute gerne verschweigt. Der Name Berlusconi taucht im Lebenslauf auf Tajanis Internetseite kein einziges Mal auf. Schließlich ist der ehemalige italienische Regierungschef in Europa berüchtigt. Man denke nur an den Ausfall gegen den bisherigen EU-Parlamentschef Martin Schulz, dem er vorschlug, die Rolle des Kapo in einem KZ-Film zu übernehmen.

Zudem hat die Partei des Cavaliere inzwischen einen dramatischen Abstieg hinter sich: Die einst so populäre Forza Italia kommt just noch auf 12,4 Prozent. Dass er rechtzeitig die Distanz gesucht und alle Spuren hinter sich verwischt habe, das sei wohl das Geheimnis von Tajanis Erfolg, kommentierte die römische Zeitung „La Repubblica“.

Unerwähnt lässt der 1953 in Rom geborene Tajani in seiner Vita auch die Jahre in der Jugendabteilung der „Unione Monarchica Italiana“. Als Gymnasiast war er glühender Monarchist, der sich für die Rückkehr der Savoyer auf den Thron einsetzte und sich Kämpfe mit linken Mitschülern lieferte. Das Jurastudium und die Ausbildung zum Offizier an der Luftfahrtakademie dagegen finden dann wieder Erwähnung. Nach Dienst als Luftverkehrskontrolleur auf einer Radarbasis wechselte Tajani in den Journalismus und moderierte unter anderem die Nachrichten des staatlichen Radios RAI. 1991 dann übernimmt er mit 38 Jahren die Rom-Redaktion des Mailänder „Il Giornale“. Das Blatt ist politisch rechts und gehört Berlusconi.

Gut vernetzter „Mann ohne Eigenschaften“

Tajani soll fasziniert gewesen sein von dem Unternehmer, der damals seinen Einstieg in die Politik vorbereitete. Im Januar 1994 gehört er zu einer Handvoll Getreuer, mit denen Berlusconi die Forza Italia gründet. Tajani wird sein Sprecher.

Ein Versuch Tajanis, ins Abgeordnetenhaus gewählt zu werden, scheitert an einem formalen Fehler. Zum Trost soll Berlusconi ihm damals vorgeschlagen haben, für das EU-Parlament zu kandidieren. Im Juni 1994 wird Tajani Volksvertreter in Straßburg, fern vom heimischen Rom. Aber er bleibt Forza-Italia-Koordinator für die Region Latium und unternimmt mehrere Versuche, nach Italien zurückzukehren. 1996 kandidiert er vergeblich für die Abgeordnetenhauswahl, 2001 tritt er als Bürgermeisterkandidat in Rom an und unterliegt in der Stichwahl dem Linken Walter Veltroni. Danach konzentriert sich Tajani auf seine europäische Karriere. 2008 wird er EU-Kommissar, 2014 dann Vizepräsident des Straßburger Parlaments. Er gilt als gut vernetzt, aber auch als „Mann ohne Eigenschaften“.

Im Lauf der Jahre habe sich Tajani chamäleonartig angepasst und das sei nun belohnt worden, glaubt „La Repubblica“. Von den politischen und juristischen Querelen seines früheren Chefs Berlusconi, von dessen antieuropäischen Pirouetten und Populismus hat er ebenso Abstand genommen wie vom früheren Forza-Verbündeten Lega Nord, die den Ausstieg aus EU und Euro propagiert. Lega-Chef Matteo Salvini war denn auch der einzige, der am Mittwoch in Italien gegen Tajanis Wahl wetterte und ihn einen „Diener Merkels“ schimpfte.

Am Mittwoch, gleich seinem ersten Arbeitstag in der neuen Rolle vorm Straßburger Plenum, agierte der „eigenschaftslose Diener“ durchaus routiniert und souverän. Tajani eröffnete die Sitzung und gab Maltas Premierminister Joseph Muscat das Wort – das alles geschah ein bisschen wort- und gestenreich. Vielleicht war’s italienisches Drama-Klischee, vielleicht doch auch etwas Lampenfieber.

Mit einem lauten „Il Presidente“ war er in der Nacht zuvor inauguriert worden. Fotos belegen: Da hat er sich echt gefreut, dankte, herzte, gestikulierte. Die erste Pressekonferenz verlief dann eher mau. Keine inhaltlichen Aussagen, auch sonst nichts. Ganz so, wie das EU-Pressekorps es vom „L’uomo senza qualità“ kennt. Der in Brüssel geschätzte Netzwerker lässt sich eben nicht in die Karten schauen. Das zeigte sich auch just, da ihm seine Kommissarszeit beginnt nachzuhängen: In den Zeitraum von 2008 bis 2014 fällt der Dieselskandal. Neben VW ist auch Fiat-Chrysler betroffen. Das Parlament untersucht die Affäre, Tajani war schon als Zeuge geladen und wie immer hat er wenig gesagt. mit rp

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