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Tino Chrupalla (ganz rechts), neugewählter Bundessprecher der AfD .

Porträt

Strippenzieher mit Basis im Osten

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Tino Chrupalla kann mit allen, hat aber selbst einen klaren Zug nach ganz rechts – ein Porträt.

Nach Tino Chrupallas Sieg in der Stichwahl beim AfD-Parteitag in Braunschweig jubelten nicht nur die sächsischen Delegierten. Auch die Vertreter des radikalen „Flügels“ aus den anderen Ostbundesländern waren begeistert. Ihr Kandidat für die Nachfolge von Alexander Gauland als Co-Chef hatte sich durchgesetzt. Dabei gehört der 44-Jährige gar nicht zum „Flügel“.

Chrupalla rief in seiner Bewerbungsrede zur rhetorischen Mäßigung auf – und zwar aus rein taktischen Gründen. Er sagte: „Die bürgerliche Mitte erreichen wir mit Vernunft. Nur mit überzeugenden Inhalten werden wir neue Wählerschichten erschließen. Mit drastischer Sprache bewirkt man häufig das Gegenteil – besonders bei den Frauen.“

Um Inhalte geht es ihm dabei also nicht. Bereits Anfang des Jahres verfasste Chrupalla ein Rundschreiben an die Mitglieder seines Kreisverbands, in dem er „Mäßigung im Ausdruck“ forderte. „Botschaften, die ganze Menschengruppen verunglimpfen“, seien zu unterlassen. „In der Sache weichen wir keinen Millimeter, aber wir müssen stets sachlich und vernünftig argumentieren und unsere Worte sorgfältig abwägen.“

Da sind mögliche Konflikte mit seinen Unterstützern wie dem Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke programmiert. Allerdings neigt auch Chrupalla dazu, sich rhetorisch zu vergaloppieren. So spricht auch er von einer „gewissen Umvolkung“ in Deutschland, und seine Bundestagsrede zum 30. Jahrestag der Maueröffnung 1989 nutzte er, um Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihrer DDR-Vergangenheit zu attackieren: „Ich bedaure, dass sie uns nicht verrät, welche Herrschafts- und Zersetzungsstrategien sie damals bei der FDJ gelernt hat.“

Chrupalla schwärmt von seiner glücklichen Kindheit in der DDR, kennt aber auch die Schattenseiten: Etliche Familienmitglieder stellten Ausreiseanträge, die Verbliebenen wurden entsprechend stigmatisiert. Sein Bruder durfte nicht studieren, dafür hätte er in die SED eintreten müssen, was ihm wiederum der Vater verbot. Der sei zwar kein Oppositioneller gewesen, sagt Chrupalla – aber ein Mann mit Grundsätzen.

Mit Chrupalla will die AfD noch stärker im Arbeiter- und Kleinbürgermilieu punkten. Er wolle Politik machen für diejenigen, „die im Dunkeln aufstehen, den ganzen Tag arbeiten und im Dunkeln wieder heimkommen“, sagte Chrupalla auf dem Parteitag. Und: „Unsere Positionen sind nicht extrem, sondern extrem vernünftig.“

Schwarze Liste für Medien

Görlitz ist seine Basis, hier gilt Chrupalla als Siegertyp, seit er bei der Bundestagswahl 2017 dem heutigen sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) das Direktmandat abnahm. 2019 unterstützte Chrupalla massiv den AfD-Oberbürgermeisterkandidaten Sebastian Wippel, der erst in der Stichwahl knapp unterlag. Doch Chrupallas eigentliche Heimat ist nicht die stolze Stadt an der Neiße, sondern es sind die Dörfer um Weißwasser im Norden der Oberlausitz. Hier kennt ihn jeder. Er sei eigentlich kein Sachse, sagt Chrupalla, sondern komme „aus dem letzten Zipfel Schlesiens, der noch zu Deutschland gehört“.

Hohe Wellen schlug, dass Chrupalla im Kreisverband Görlitz eine „schwarze Liste für unseriöse Pressevertreter“ forderte. „Journalisten, die voreingenommen sind und eindeutig gegen uns arbeiten, werden aus unserem Verteiler gelöscht.“ In einem Interview mit der „Lausitzer Rundschau“ sagte er später, das habe sich nur auf einige wenige „schwarze Schafe“ bezogen.

In den 1990er Jahren engagierte sich Chrupalla zuerst in der Jungen Union. „Helmut Kohl war mein Idol“, sagt er noch heute. Dann konzentrierte er sich darauf, seinen Malerbetrieb aufzubauen. Die Firma mit sieben Angestellten führt jetzt sein Schwager fort. In seiner Bewerbungsrede sagte er: „Das gibt es in keiner deutschen Partei, dass ein Akademiker“ – also sein wiedergewählter Co-Chef Jörg Meuthen – „und ein Handwerker die Führung übernehmen“.

Als Bundestagsfraktionsvize machte sich der Sachse in Berlin bei seinen Chefs Alexander Gauland und Alice Weidel unentbehrlich. Kontakte pflegen, Strippen ziehen, Gefälligkeiten austauschen, Verbände unter seine Kontrolle bringen – das sind seine Stärken. Als 2018 Chaos in den Fraktionsfinanzen herrschte, übernahm Chrupalla das Aufräumen. „Er hat uns gerettet“, sagt Weidel seitdem.

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