+
Christiane Paulus.

Porträt

Streiterin gegen dogmatische Positionen

  • schließen

Christiane Paulus war evangelische Theologin, bevor sie zum Islam konvertierte. Heute bildet sie an der Al-Azhar-Universität in Kairo als einzige Frau Imame aus. Und streitet für Offenheit und Pluralität der Religionen.

„Bin auf meinem Weg, schon so lang“ wurde ihr Lebensmotto. Als junge Frau spielte sie den Song von Hannes Wader gerne auf der Gitarre. Einst war Christiane Paulus evangelische Theologin, dann konvertierte sie zum Islam. Heute bildet sie an der Al-Azhar Universität in Kairo künftige Imame aus. Sie kennt beide Welten, die des europäischen Christentums und die des nahöstlichen Islam. „Ich bin ein rationaler Typ“, sagt die ungewöhnliche Frau über sich selbst. Als Religionswissenschaftlerin beschäftigte sie sich zunächst jahrelang mit dem Koran. Die Promotion schrieb sie über christlich-muslimische Ehen. Und ihre Entscheidung, den Glauben zu wechseln, reifte erst mit der Zeit heran, nach intensiven Gesprächen mit ihrem muslimischen Mann und der Lektüre einer Studie über die Verbindung zwischen dem Islam und der Reformation. Beim Abschied vom Christentum habe sie geweint – „aus Trauer und Freude“, sagt sie. Im Islam fühlt sie sich jetzt gut aufgehoben, auch wenn sie manchmal die Musik und den Gesang der christlichen Gottesdienste vermisst.

Seit 2012 arbeitet Christiane Paulus in der Abteilung Islamische Studien in deutscher Sprache der Al-Azhar Universität, für mich der „ideale Arbeitsort“, wie sie sagt, auch wenn sie unter den Islam-Dozenten weit und breit die einzige Frau ist. Rund 150 junge Männer sind derzeit in dem vierjährigen Studiengang eingeschrieben, viele hoffen, eines Tages in Deutschland oder Österreich eine Moschee-Gemeinde zu leiten. „Wer hier an die Universität kommt, muss sich im Denken und Glauben neuen Perspektiven öffnen“, sagt Christiane Paulus.

So wie die 54-Jährige selbst in ihrem Leben. In einem Dorf in Hessen geboren, studierte sie nach dem Abitur in Marburg und Paris Theologie, Religionswissenschaften und Philosophie. 1988 lernte sie in einem Frankfurter Café ihren späteren Ehemann kennen, Ahmed Elgezawy aus Ägypten, der heute Verkaufschef einer Industriefirma ist. Es folgten zehn Jahre in Frankfurt, wo Tochter Rahel auf die Welt kam. 1997 zog die Familie nach Kairo, Sohn Youssif wurde zwei Jahre später am Nil geboren.

In ihrer Forschung konzentriert sich Christiane Paulus vor allem auf die Lebenswelten des Korans, um die jahrhundertealte Vielfalt und Farbigkeit bei den Interpretationen der Heiligen Schrift des Islam weiter zu entwickeln. Denn die Ansicht der Salafisten, der Koran sei eine ewig gültige, starre Offenbarung, verengt in ihren Augen den Blick. Gruppen, die so denken, bilden hermetische Zirkel und blockieren jede Pluralität, ist Christiane Paulus überzeugt.

„Je mehr Menschen sich dagegen offen über ihren Glauben austauschen, desto mehr bröckeln solche dogmatischen Positionen“, lautet ihr Credo.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion