Sawsan Chebli hat kein Verständnis für Pöbeleien.
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Sawsan Chebli hat kein Verständnis für Pöbeleien.

Sawsan Chebli

Streitbare Schwester

  • Holger Schmale
    vonHolger Schmale
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Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli ist Muslimin mit Haltung - ein Porträt.

Nach jedem Anschlag mit islamistischem Hintergrund kommt die Frage auf: Was sagen eigentlich die Muslime dazu? Warum hört man so wenig von ihnen? Eine von ihnen ist stets zur Stelle, mit Wut und Empörung kommentiert sie solche Gräueltaten im Namen des Islam auf Twitter und Facebook: Sawsan Chebli, Staatssekretärin in der Berliner Senatskanzlei, eine muslimische Sozialdemokratin mit palästinensischen Eltern.

Nach dem Anschlag von London im März schrieb sie, sie sei „wütend und traurig, schon wieder ohnmächtig mitanzusehen, wie Monster, die sich Muslime nennen, meine Religion pervertieren und im Namen des Islams morden“. Am Wochenende ist ihr wieder der Kragen geplatzt. Nicht, weil es einen Grund gab, sich von einem Attentat zu distanzieren. Sie regte sich über zwei ihrer Kopftuch tragenden Schwestern auf, die Verständnis dafür zeigten, wenn sie von weißen Deutschen angepöbelt würden. „Wenn unsere Leute so viel Mist bauen, müssen wir uns nicht wundern, dass der so reagiert“, habe eine ihr gesagt.

Chebli ist 1978 in Berlin geboren und in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Ihre Eltern waren 1970 aus einem palästinensischen Flüchtlingslager nach Deutschland gekommen. Sie gehört heute zu jener eher wenig beachteten, aber immens wachsenden Schicht bestens ausgebildeter und integrierter Menschen aus Migrantenfamilien, die sich ganz selbstverständlich als deutsche Staatsbürger verstehen. Viele von ihnen schweigen im Konfliktfall aber lieber, und das empört Chebli. „Es ist richtig, dankbar zu sein, und auch ich versuche mich immer in die Lage des anderen zu versetzen. Aber ihr dürft euch niemals einreden lassen, ihr gehört nicht dazu“, schrieb sie nun in einem offenen Brief über ihre Antwort an die Schwestern. „Wir leben in einem Rechtsstaat. Und keiner hat das Recht, meine Schwestern zu beschimpfen!“

Die darauf bei Twitter am Wochenende über sie hinwegrollende Beschimpfungswelle nimmt sie hin, so etwas ist sie gewohnt. Sie ist eine der sichtbarsten Musliminnen in der deutschen Öffentlichkeit, sie mischt sich in Debatten ein, zuletzt auch über die Scharia, die sie etwas missverständlich als kompatibel mit dem Rechtsstaat bezeichnete. Sie wirkt mit ihrer Haltung vor allem in die muslimische Gemeinschaft hinein. Hier gilt sie vielen jungen Frauen als Vorbild, die bewiesen hat, dass sie es in Deutschland nach oben schaffen können. Chebli ist eine gläubige Muslimin, ihre einzige erkennbare Anpassungsleistung ist der Verzicht auf das Kopftuch. Sie wusste, dass ihr damit der mit einigem Ehrgeiz eingeschlagene Weg in Politik und öffentlichen Dienst kaum gelingen würde. Der hat sie zügig aufwärts geführt. Sie war nach dem Politik-Studium Mitarbeiterin in der SPD-Bundestagsfraktion, Grundsatzreferentin in der Berliner Innenverwaltung, stellvertretende Sprecherin des Auswärtigen Amtes und nun gehört sie als Staatssekretärin der Berliner Landesregierung an. Vieles spricht dafür, dass der Weg hier noch nicht endet.

Von Holger Schmale

Im Februar 2020 zog Chebli gegen einen Youtuber vor Gericht. Dessen Äußerungen von „Quotenmigrantin der SPD“ und „islamische Sprechpuppe“ fällt laut Urteil unter die Meinungsfreiheit. Chebli wird sich aber weiter gegen Hass und Hetze wehren: „So leicht kriegen Rassisten mich nicht klein.“

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