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Boris Johnson: Streit um seine Frau Carrie – „Offener Sexismus“

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Von: Sebastian Borger

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Die „private Bürgerin“ an der Seite ihres Mannes: Carrie Johnson, Frau des britischen Premiers. afp
Die „private Bürgerin“ an der Seite ihres Mannes: Carrie Johnson, Frau des britischen Premiers. afp © AFP

Im Clinch um den britischen Premier greift die Gegenseite nun dessen Ehefrau an. Das kommt nicht überall gut an.

London - Seine Gegner:innen müssen sich auf harten Widerstand gefasst machen. „Eine ganze Panzerdivision“ sei notwendig, hat Boris Johnson dieser Tage getönt, um ihn aus der Downing Street zu vertreiben. Der Premierminister von Großbritannien befinde sich weiterhin „in der Gefahrenzone“, glauben seine Chefstrategen, und das habe nicht zuletzt mit einem neuen Buch zu tun.

Darin wird Johnsons Frau Carrie, 33, beschuldigt, sie übe übermäßigen Einfluss aus auf die Politik der Regierung Ihrer Majestät: Nach Rücksprache mit seiner politisch versierten Gattin revidiere der 57-Jährige bereits getroffene Entscheidungen. Auch bestimme Frau Johnson über wichtige Personalien im Herzen der Regierung mit. Die „First Lady“ sei das Opfer einer brutalen Kampagne, teilte eine Sprecherin mit: „Sie ist eine private Bürgerin und spielt in der Regierung keine Rolle.“

Großbritannien: Boris Johnson kommt mit neuen Personalien aus der Defensive

Nach zwei turbulenten Monaten mit immer neuen Enthüllungen über eklatante Lockdown-Verletzungen am Amtssitz des Premiers versuchte Johnson am Wochenende mit neuen Personalien aus der Defensive zu kommen. Nachdem er bereits den Tory-Abgeordneten Andrew Griffith zum Leiter der Grundsatzabteilung gekürt hatte, ernannte er den Minister im Kabinettsbüro, Steve Barclay, zu seinem neuen Büroleiter. Die Berufung wirke doch sehr, als sei da „in Panik eine Lücke gefüllt“ worden, mäkelte die langjährige Spitzenbeamtin Jill Rutter vom Thinktank IfG.

Als Johnsons Pressesprecher fungiert nun ein alter Bekannter: Guto Harri war zwischen 2008 und 2016 schon für die PR des Londoner Bürgermeisters Johnson zuständig. Als erstes widmete sich der einstige BBC-Journalist einer robusten Twitter-Auseinandersetzung mit jenem Mann, den man in Johnsons Lager für den Hauptverschwörer gegen das Ehepaar hält: Dominic Cummings, dessen Abgang als beinahe allmächtiger Chefberater im November 2020 von Carrie Johnson und ihren Freunden mit Abba-Musik gefeiert wurde („the winner takes it all“). Die Party gehört zu jenen zwölf Events, deren Rechtmäßigkeit während der Covid-Lockdowns derzeit von Scotland Yard untersucht werden.

Luxussucht bei Boris Johnsons Frau Carrie?

Im neuen Buch „First Lady“, das unter dem Namen des Tory-Milliardärs Michael Ashcroft erscheint, werden genüsslich frühere Vorwürfe gegen die dritte Frau des gelernten Journalisten Johnson ausgebreitet. So sei diese die treibende Kraft gewesen hinter einer mehr als 102.000 Euro teuren Renovierung der Dienstwohnung. Weil dafür die staatlich vorgesehene Apanage nicht reichte, sollte ein geheimer Fonds von Parteispendern angezapft werden – ein Vorgehen, das Johnsons Ethikberater als „unklug“ tadelte.

Die peinliche Luxussucht ist immerhin bewiesen, viele andere Vorwürfe werden in Ashcrofts Buch lediglich durch anonyme Zitate belegt. Die meisten davon dürften von Cummings oder dessen engen Vertrauten stammen. So soll Carrie Johnson nicht nur Freunde in einflussreiche Regierungspositionen gehievt haben; diese seien auch in der Dienstwohnung ein- und ausgegangen, wo der als wenig ordentlich bekannte Premierminister gern Geheimakten über die Sofas verstreut habe. Ungeklärt bleibt auch die Frage, ob die Tierfreundin ihren Gatten dazu bewegte, bei der chaotischen Evakuierung aus der afghanischen Hauptstadt Kabul im vergangenen August ein Tierheim mit Hunden und Katzen als Priorität zu behandeln, während Tausende von Menschen zurückbleiben mussten. Im Gegenteil, so haben es Einflüsterer dem „Guardian“ berichtet: Ihr Grundsatz sei „Frauen und Kinder zuerst“ gewesen.

Großbritannien: Feinde von Carrie Johnson ziehen unschöne Parallelen zu historischen Gestalten

Beinahe unvermeidlich ziehen die Feinde der Premiersgattin unschöne Parallelen zu historischen Gestalten („Carrie Antoinette“) oder bemühen einen literarischen Vergleich mit einer Figur des Nationaldichters William Shakespeare: Mittels ihres sexuellen Einflusses agiere Carrie Johnson wie Lady Macbeth. Da sei „offener Sexismus“ im Spiel, empört sich Sarah Vine, Kolumnistin derselben „Daily Mail“, die Auszüge aus dem Buch veröffentlicht. Tatsächlich musste sich Cherie Booth, die Frau des Labour-Premiers Tony Blair (1997-2007), ähnliche Vorwürfe gefallen lassen, während der bekanntermaßen einflussreiche Gatte von Premierministerin Theresa Mays (2016-19) nie in der Kritik stand. Philip May erhielt für seine Tätigkeit den Ritterschlag, die Gattinnen der Premierminister blieben ungeehrt.

Zum Misstrauen gegen Carrie Johnson trägt besonders auf dem rechten Parteiflügel bei, dass sie über reichlich Erfahrung im Politikgeschäft verfügt und Themen ihrer Generation wie den Klimaschutz für wichtig hält. Hingegen verteidigen frühere Arbeitgeber wie der Ex-Kulturminister John Whittingdale und der amtierende Gesundheitsminister Sajid Javid ihre einstige Beraterin. Sogar die Labour-Opposition eilte der Angegriffenen zu Hilfe: Frau Johnson sollte „in Ruhe gelassen werden“, sagte Jonathan Ashworth: „Es ist ihr Mann, der schlecht regiert.“ (Sebastian Borger)

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