De Klerk (Mitte), 83, zweifelt, ob die Rassentrennung ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war.

Südafrika

Streit über Apartheid

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
    schließen

Südafrikas Ex-Präsident de Klerk löst eine Debatte über Rassentrennung aus.

Fast 26 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist in Südafrika ein Streit über die Politik der Rassentrennung ausgebrochen. Im Zentrum des Streits steht der letzte Präsident der weißen Minderheitsregierung Frederik Willem de Klerk. Die Debatte fällt zeitlich auch mit dem 30. Jahrestag der Freilassung von Nelson Mandela im Februar 1990 zusammen. Das war der Beginn des Endes der Apartheid in Südafrika.

Frederik Willem de Klerk hatte sich in einem Interview des TV-Senders SABC dagegen gewandt, das Apartheidsregime als „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu qualifizieren. Die Worte des 83-jährigen Friedensnobelpreisträgers lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Junge Oppositionspolitiker fordern nun, dass dem Friedenspreisträger seine Auszeichnung entzogen wird. Außerdem wurde der Entzug seiner Pensionsbezüge oder sogar seine Verhaftung verlangt.

De Klerks Äußerungen im Interview waren in der Öffentlichkeit zunächst kaum wahrgenommen worden – bis die stets in roten Overalls gekleideten Abgeordneten der linkspopulistischen Ökonomischen Freiheitskämpfer (EFF) den Ex-Präsidenten bei der feierlichen Parlamentseröffnung unter den Ehrengästen ausgemacht hatten.

Auf ihrer Suche nach einem Grund, die Live übertragene „Rede zum Zustand der Nation“ des Präsidenten Cyril Ramaphosa zu stören, kam den Freiheitskämpfern die Anwesenheit de Klerks im Saal wie gelegen. Die EFF-Kämpfer forderten die Parlamentspräsidentin auf, den „Mörder“ de Klerk des hohen Hauses zu verweisen – verließen nach fast zweistündigem Getümmel allerdings erfolglos den Saal. Doch die Debatte über den Ex-Präsidenten reißt seitdem nicht mehr ab.

Schon als de Klerk 1993 gemeinsam mit Nelson Mandela mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, löste das in Südafrika heftige Kritik aus: Dem Chef der „Nationalen Partei“ wurde abgesprochen, auf derselben moralischen Höhe wie der hoch vereehrte Befreiungsführer zu stehen. Umstritten ist vor allem die Frage, ob de Klerks Reformpolitik seiner Überzeugung zuzuschreiben war, oder ob er durch die Umstände dazu gezwungen wurde. Angesichts der inneren Unruhen, des wirtschaftlichen Zusammenbruchs und der Abwendung des Westens sei dem Präsidenten nur noch eine radikale Kehrtwende geblieben, hieß es schon damals.

Der Jurist de Klerk gehörte schon als 27-Jähriger dem Brüderbund, der politischen Geheimloge der Nationalen Partei, an und war ab 1978 als Minister in zahlreichen Amtsbereichen tätig, in denen er die Apartheid implementierte. Bei den anschließenden Verhandlungen mit Mandelas Afrikanischem Nationalkongress (ANC) ging es dem Präsidenten vor allem um die Sicherung der privilegierten Lebensweise der weißen Minderheit: Außerdem war seine Regierung in der explosiven Übergangszeit (1990-94) an den gewalttätigen Bestrebungen zur Destabilisierung des ANC beteiligt. Bei den damaligen Unruhen starben bis zu 50 000 Menschen.

Ob von der Empörung überwältigt oder um seinen Friedensnobelpreis bangend: Inzwischen sah sich de Klerk zu einem Rückzieher gezwungen. In einer Stellungnahme bringt er die Apartheid indirekt mit „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ in Verbindung. Überzeugend klingt das aber nicht.

Kommentare