Streit um Haus und Boden

Die Folgen der Vertreibungspolitik Saddam Husseins in Nordirak belasten die politische Zukunft des Landes

Von ANDREA NÜSSE (DOHUK)

Der drahtige Mann rennt über die staubige Dorfstraße und zeigt auf die Moschee. Ein bescheidenes Gebäude aus hellem Stein, mit einem Minarett aus Metallstreben, an dessen Spitze der Lautsprecher hängt. Im Innenhof gibt es einen kleinen Garten mit Olivenbäumen. Daneben das Becken für das rituelle Fußbad. Der Ort strahlt Ruhe und Frieden aus. Doch nur auf den ersten Blick.

Flucht und Heimkehr

"Genau hier stand mein Haus", sagt Abdallah Yassin Ali Mohammed. Der kurdische Peshmerga-Kämpfer trägt die olivgrüne Tracht mit der weiten Hose, die am Bund mit einer Art Schärpe zusammengehalten wird, auf dem Kopf ein rot-weiß-kariertes Tuch in Turbanform. "Es war einstöckig und hatte vier Zimmer", setzt der 60-Jährige nach. Abdallah erinnert sich genau an das Jahr 1973, als er hier in Faida, süd-westlich der Provinzstadt Dohuk, mit dem Hausbau begann. Damals hatte er bereits ein Jahr im Gefängnis gesessen wegen seiner Mitgliedschaft in der Kurdischen Demokratischen Partei. Doch dann kam das Autonomieabkommen zwischen Saddam Hussein und den Kurden. Abdallah begann mit Hilfe seines Bruders sein Haus zu bauen. Aber der Frieden hielt nicht lange: "1974 holte das Regime zu einem neuen Schlag aus und wir mussten fliehen." Zunächst an die iranische Grenze, dann über die Grenze.

Fast 25 Jahre hat Abdallah mit Frau und sechs Söhnen in der iranischen Stadt Naqadeh gelebt. 1991 nach der Verhängung der Flugverbotszonen über den kurdischen Gebieten Nordiraks, kehrte er mit seiner Familie zurück. Allerdings nur in die Nähe seines Heimatsdorfes Faida, das mittlerweile der von der Zentralregierung kontrollierten Provinz Mosul zugeschlagen worden war. "Als ich erstmals wieder Faida besuchte, stand an der Stelle meines Hauses eine Moschee. Vom Saddam-Regime auf meinem Land gebaut." Der sunnitische Moslem will das Gebäude nicht antasten, "das ist jetzt ein Haus Gottes", aber er fordert Entschädigung.

Sein Ackerland, das einen Kilometer weiter liegt, würde er dagegen gern wiederhaben, als Lebensgrundlage für die Familie. Dort steht heute eine bescheidene Reihenhaussiedlung, in der arabische Familien leben. Hier wohnt seit sieben Jahren der 63-jährige Amin Zaki Abdallah. Der Landarbeiter hat ein wettergegerbtes Gesicht, sein Rücken ist krumm. Auch er sieht nicht aus, als hätte ihn das Schicksal verwöhnt. Er ist sich keiner Schuld bewusst: "Die Regierung hat uns 1991 diese Häuser gebaut. Vor anderthalb Jahren versteigerte sie der Gouverneur von Mosul, und wir haben gekauft. Ich kann das beweisen." Seine Stimme wird schrill, eine Menschentraube bildet sich.

Es scheint, als hätten Abdallah und seine Nachbarn doch damit gerechnet, dass eines Tages kurdische Alteigentümer auftauchen. Obwohl der arabische Hausbesitzer nichts von der Vorgeschichte dieses Landes gewusst haben will. Den Kurden Abdallah, der von der anderen Straßenseite die Szene beobachtet, kennt er nicht. "Wenn er beweisen kann, dass dies sein Land ist, muss er es zurückbekommen und ich muss entschädigt werden", lenkt der Araber ein, als habe er innerlich längst den Anspruch des vertriebenen Kurden akzeptiert. Hunderttausende irakischer Araber und Kurden teilen das Schicksal der beiden Abdallahs und machen Ansprüche auf das gleiche Stück Land oder Haus geltend. Eine Folge der ethnischen Säuberungen, die Saddam Hussein seit Beginn der 60er Jahre in Nordirak verfolgte. Damit sollte die Zusammensetzung der Bevölkerung, vor allem im ölreichen Gebiet um die Stadt Kirkuk, zu Gunsten der Araber verändert werden. Kurden wurden vertrieben, verloren ihren Besitz, wenn sie sich weigerten, ihre Namen arabisieren zu lassen, oder flohen vor der Verfolgung. An ihrer Stelle wurden systematisch arabische Familien angesiedelt. Seit Kriegsende sind tausende Kurden zurückgekehrt und fordern ihren Besitz zurück.

Die US-Besatzer haben das Problem erkannt, aber sie verhindern bisher nur, dass die arabischen Familien von den Rückkehrern vertrieben werden. Eine Kommission soll bald eingesetzt werden, Anspruchs- und Entschädigungsfragen zu klären, hat Zivilverwalter Paul Bremer versprochen. Viel Zeit bleibt nicht, die explosive Situation zu entschärfen. Die Ungeduld wächst. Vor allem in Kirkuk, wo seit Kriegsende etwa 250 kurdische Familien im Sportstadion campieren. Laut unabhängigen Angaben sollen etwa 100 000 Kurden aus der Stadt vertrieben worden sein.

Keine Rache, aber Recht

Der Kurde Abdallah verlässt die schäbige Reihenhaussiedlung in Faida, die auf seinem Ackerland steht und ist ratlos: "Wovon sollen wir leben? Wir sind eine Bauernfamilie. Hier haben wir Getreide und Trauben angebaut." Er ist beim Gouverneur von Mosul und beim Bürgermeister von Sumel, zu dem Faida einst gehörte, vorstellig geworden. Bürgermeister Majid Sayyed Saleh, erinnert sich nicht nur an Abdallahs Fall: "Alle Dörfer dieser Gegend wurden seit den 70er Jahren unterschiedlich stark arabisiert." Er zeigt auf eine Wandkarte, auf der Rechtecke die Orte anzeigen, an denen vertriebene Kurden zunächst ihre Zeltstädte aufschlugen.

Der junge Kurde will von Rache nichts wissen. Aber er hat auch keinen Zweifel, was hier Recht und Unrecht ist: "Die Araber, die immer hier gelebt haben, sind weiterhin herzlich willkommen. Aber alle, die seit Beginn der Arabisierung Anfang der 60er Jahre kamen, sollten gehen." Die arabischen Siedler mussten seiner Ansicht nach wissen, dass das Land Kurden gehörte. "Die Enteignung von Land, Häusern, Wasserquellen war eine Art Völkermord, das können wir nicht nachträglich legitimieren."

Leben im Provisorium

Der Kurde Abdallah sitzt in seinem bescheidenen Haus auf einem Hügel vor Dohuk, etwa zehn Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt. Das Haus hat er nach der Rückkehr aus Iran 1991 rasch erbaut, um seiner Familie ein Dach überm Kopf zu bieten. Wie ein richtiges Heim wirkt es nicht: Die Türen aus Holzplanken sehen aus wie die Türen eines Stalls. Die Wände im Empfangszimmer sind kahl, nur einige Matten liegen auf dem Boden. Die fast 60-jährige Ehefrau Qudrat Hossein, schleppt Kissen aus einem Nachbarzimmer herbei. Sie will keine Fragen beantworten. "Ich verstehe nichts von Politik", wehrt sie ab. Aber sie wartet, dass sie nach jahrzehntelanger Odyssee endlich in ihr Heimatdorf zurückkehren darf.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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