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Streiks lähmen Großbritannien – Nationaler Stillstand über die Weihnachtsfeiertage

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Von: Nadja Austel

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Der nationale Gesundheitsdienst in Großbritannien: Ein „einziger Scherbenhaufen“. Warum über Weihnachten bei Pflege, Post und Bahn nichts mehr geht.

London – Kurz vor Weihnachten beherrscht in Großbritannien der Streik-Kalender das Land: Kaum ein Dezembertag vergeht, ohne dass eine Branche aus Protest gegen niedrige Löhne und schlechte Bedingungen die Arbeit einstellt. Das öffentliche Leben gerät in einen Stillstand sondergleichen. Am heutigen Dienstag (20. Dezember) traten zehntausende britische Pflegekräfte bereits zum zweiten Mal innerhalb einer Woche in einen beispiellosen Streik. Weitere Arbeitsniederlegungen sind für das Jahresende geplant.

Nach dem ersten Streik in ihrer 106-jährigen Geschichte in der vergangenen Woche will die Gewerkschaft für Pflegeberufe RCN den Druck auf die Regierung von Großbritannien erhöhen. Sie fordert inflationsbedingte Lohnerhöhungen und verbesserte Arbeitsbedingungen. Bis zu 100.000 Pfleger:innen in England, Wales und Nordirland beteiligten sich an dem erneuten Arbeitsausstand.

Großbritannien: Keine Lösung heißt Streik

„Leider haben unsere Mitglieder für den Fall, dass es keine Lösung gibt, für einen Streik gestimmt, und das Mandat gilt für sechs Monate“, sagte die RCN-Direktorin in England, Patricia Marquis, gegenüber Times Radio. Der Grund für die festgefahrene Situation sei, dass es niemanden gebe, mit dem über das Problem gesprochen werden könne, so Marquis weiter.

Krankenpflegerin Lucy Savage von der Aintree-Universitätsklinik in Liverpool im Nordwesten Englands sagte: „Wir brauchen mehr Geld, wir brauchen mehr Personal, wir brauchen die Sicherheit der Patienten.“ Das Personal sei „überarbeitet und unterbezahlt“, den nationalen Gesundheitsdienst NHS in Großbritannien bezeichnete sie als „einzigen Scherbenhaufen“. Der 45-jährige Krankenpfleger Suni George berichtet, sein Gehalt habe sich in den 17 Jahren seiner Arbeit kaum verändert.

Streiks in Großbritannien
Im ersten Streik in ihrer 106-jährigen Geschichte will die Gewerkschaft für Pflegeberufe für Lohnerhöhungen und verbesserte Arbeitsbedingungen kämpfen. © James Manning/PA Wire/dpa

Tourismus in Großbritannien wird von Streik betroffen sein

Auch Tourist:innen in Großbritannien werden laut Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) von den Streiks betroffen sein. Vom Freitag (23. Dezember) an gehen demnach die Grenzbeamten in den Ausstand – bis Silvester dürfte es daher lange Warteschlangen bei der Einreise geben, teilweise würden Flüge gestrichen. Von Heiligabend an führen tagelang kaum Züge, auch beim Eurostar zwischen London und der EU könne es zu Problemen kommen. Ohne Auto sei es daher kaum möglich, die Verwandten zum Festschmaus zu besuchen.

Bei der Royal Mail gibt es ebenfalls seit Monaten immer wieder Streiks. Ganze Straßenzüge in Großbritannien erhalten derzeit höchstens einmal die Woche Post. Bergeweise liegen Briefe und Päckchen in den Depots. Kürzlich machte die Nachricht die Runde, Royal-Mail-Manager sollten Verwandte und Freunde rekrutieren, um beim Sortieren zu helfen und den Rückstau vor Weihnachten wenigstes etwas abzubauen.

Großbritannien: Bei Streik bloß nicht aufs Glatteis

Die Streiks im Gesundheitswesen kamen bei den zuletzt eisigen Temperaturen besonders ungelegen. Die ohnehin völlig überlasteten Notaufnahmen waren noch ausgedünnter als sonst. Staatssekretär Will Quince riet von Kontaktsport und anderen „riskanten Aktivitäten“ ab – ein Ausrutschen auf dem Glatteis hätte die Krankenhäuser noch weiter belastet. Die Pflegekräfte und Ambulanzfahrer wollen mit ihren Streiks auch ein Bewusstsein für die katastrophale Situation schaffen: Mehr als sieben Millionen Menschen warten auf Routineeingriffe und vor den Notaufnahmen stauen sich die Krankenwagen.

Eine Aussicht auf Besserung gibt es bislang nicht. Die Fronten sind verhärtet. Miteinander geredet wird kaum, das liegt auch an den tiefen ideologischen Gräben. „Die Gewerkschaften stehlen uns Weihnachten“, klagt die konservative Presse. Premierminister Rishi Sunak betont: „Ich bin wirklich enttäuscht, dass die Gewerkschaften zu diesen Streiks aufrufen, vor allem an Weihnachten.“ Die Regierung betont regelmäßig, es sei einfach kein Geld mehr da, nach den Corona-Hilfen.

Streik in Großbritannien: Auch der Brexit spielt mit rein

Dass der Konflikt nicht einfach zu lösen ist, liegt am Hintergrund: Großbritannien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. Die Inflation ist mit rund 11 Prozent so hoch wie seit 40 Jahren nicht, die hohen Preise für Lebensmittel und Energie stürzen Millionen Menschen in Armut. Die Tafeln können der enormen Nachfrage nach Lebensmitteln kaum mehr nachkommen. Laut einer Studie des Gewerkschaftsbundes TUC werden 2022 die Reallöhne um 3 Prozent sinken – so viel wie seit 1977 nicht mehr. Von einer „Schande“ spricht Bundchefin, Frances O‘Grady .

Großbritannien steht mit diesen Problemen nicht alleine da, auch in Deutschland rechnen Volkswirte mit einer Rezession. Weltweit hat Russlands Ukraine-Krieg schwere Folgen ausgelöst. Doch scheint Großbritannien noch stärker getroffen zu werden. Das liegt auch am Brexit, wie Experten betonen. Der Warenaustausch mit dem wichtigsten Handelspartner, der EU, ist eingebrochen. Der Fachkräftemangel hat sich ohne Arbeiter aus Europa noch verstärkt.

Die Realität widerspricht allen Szenarien, die die Brexit-Befürworter einst in Aussicht gestellt hatten. Lebensmittel und Energie sollten günstiger werden, gut bezahlte Jobs einfacher für Briten zu ergattern sein. Millionen sollten in den Gesundheitsdienst anstatt nach Brüssel fließen, die „Brexit-Freiheiten“ das Königreich wieder zur Handelsnation machen. Bisher ist nichts eingetreten, auch deshalb hält mittlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung den EU-Austritt für einen Fehler. (na/dpa)

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