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Was, meine Regierung soll von Anhängern eines Philosophen unterwandert sein? Ein Herr Strauss soll unser geistiger Vater sein? Meine Damen und Herren, dazu sage ich nur eins: Mein Vater heißt, wie Sie vielleicht wissen, George, genauso wie ich. Und das sieht übrigens auch Herr Wolfowitz zu meiner Linken hier so.

Ein Strauss legt Falkeneier

Merkwürdige Debatte in den USA: Der Philosoph Leo Strauss soll die Falken der Bush-Regierung beeinflußt haben

Von Rudolf Walther

In den amerikanischen Medien tobt gegenwärtig eine schrille Debatte über die philosophische bzw. politisch-ideologische Herkunft jener Falken, die den amerikanischen Regierungskurs maßgeblich bestimmen. Die Diskussion dreht sich um die Neokonservativen (Neocons) rund um den Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, den strategischen Kopf Paul Wolfowitz, den Staatssekretär Douglas Feith, sowie Lewis Libby, den Bürochef des Vizepräsidenten Dick Cheney.

Spekulationen schossen ins Kraut, und abenteuerliche Verschwörungstheorien jagten durch alle Medien, was bei jedem Versuch, politische Tendenzen ideengeschichtlich oder genealogisch abzuleiten, fast unvermeidlich ist. Ideengeschichte bastelt aus intellektuellen Ressourcen, auf die sich Theorien mehr oder weniger stark beziehen, eine Indizienkette.

Zwei Ideengeber der Necons in der US-Administration stehen im Mittelpunkt der Debatte. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: der russische Revolutionär Leo Trotzki (1879-1940) und der konservative deutsch-amerikanische Philosoph Leo Strauss (1899-1973). Das primitivste Glied in der Indizienkette hebt ab auf die jüdische Herkunft des Revolutionärs und des Philosophen sowie auf die ausgesprochen israelfreundliche Politik der amerikanischen Regierung. Das daraus Zusammengebraute ist nicht mehr als ein antisemitisches Ressentiment.

Etwas elaborierter, aber nicht weniger abenteuerlich ist die Behauptung einer direkten Linie von Trotzki zu den Neokonservativen. Irving Kristol (The National Interest) und Norman Podhoretz (New York Post) gehören, zusammen mit Daniel Bell, Patrick Moynihan, Zibigniew Brezinski, und Milton Himmelfarb, zu den Vätern des Ende der 70er Jahre unter der Regierung Ronald Reagans als Neokonservatismus wiederbelebten Konservatismus. Ökonomisch verlangte er vor allem Steuersenkungen, und kulturpolitisch lebte er von konservativ gestimmter Kritik an der Moderne unter Stichwörtern wie Werteverlust und Massenkultur.

Neokonservativer Trotzki

Kristol und Podhoretz waren in den 30er Jahren Mitglieder in trotzkistischen Parteien, traten als Anti-Stalinisten auf und wurden nach 1945 zu strammen Anti-Kommunisten. Kristol war der Herausgeber, der von der CIA finanzierten Zeitschrift Encounter. Aus dieser ideologischen Herkunft schließt Michael Lind vom britischen New Statesman wie viele nach ihm in amerikanischen Blättern auf die trotzkistischen Wurzeln des Neokonservatismus. Die Beweiskraft sollte noch erhärtet werden mit dem Hinweis, dass Kristols Sohn William Chefredakteur des neokonservativen Weekly Standard sei, so als ob sich Trotzkismus und Neokonservatismus gleichsam vererbten.

Die Indizienkette ist alles andere als überzeugend: gegen Stalins Theorie und Praxis des "Sozialismus in einem Lande" brachte der entmachtete Trotzki 1929 eine "Theorie der permanenten Revolution" ins Spiel, die er im Kern schon 1905 entfaltet hatte. Die Theorie meint die stufenweise revolutionäre Bewegung von der demokratischen, zur sozialistischen und schließlich zur kommunistischen Revolution bzw. die ungleichmäßige und ungleichzeitige, aber permanent fortschreitende Revolutionierung von Industrie, Gewerbe, Handel und Landwirtschaft unter der "Diktatur des Proletariats".

Diese theoretische Konstruktion und die Tatsache, dass Kristol und Podhoretz früher einmal Trotzkisten waren, vermischen rechte und tendenziell antisemitische Kommentatoren zur These, Präsident Bushs imperiale Eroberer-Attitüde, mit der er die gewaltsame Demokratisierung der ganzen Welt ankündigte, beruhe auf Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Derlei rief die amerikanischen Trotzkisten auf den Plan, die in der Konstruktion "eine plumpe Fälschung" sehen und darauf hinwiesen, dass Wolfowitz und andere in den Siebziger Jahren nicht Trotzki studierten, sondern Henry Jackson zuarbeiteteten - einem notorischen Vietnam-Kriegstreiber, was diesem damals den Spitznamen "Senator von Boeing" eintrug.

Geradezu bizarr liegen die Dinge im Falle des Philosophen Leo Strauss. Unbestritten ist, dass außer Wolfowitz und Podhoretz noch ein paar weitere einflussreiche Neocons bei Strauss in Chicago studiert haben. Das verleitete den Publizisten F.W. Engdahl zur pauschalen These: "Der geistige Pate der heutigen Neokonservativen in den USA ist der kürzlich (1973, Anmerkung der Rdaktion) verstorbene Philosoph Leo Strauss." Der einzige Strauss-Schüler, der erwiesenermaßen einige Bedeutung hatte für die Bewegung des Neokonservatismus, ist der Literaturwissenschaftler Alan Bloom, der 1987 mit seinem Bestseller The Closing of the American Mind bekannt wurde. Das kulturpessimistische Pamphlet behandelt jedoch die Zustände an amerikanischen Universitäten und den Kultur- und Wertezerfall, aber nicht neokonservative politische Konzepte.

Wer war und was wollte Leo Strauss? Er wurde in Kirchhain (Hessen) geboren, studierte in Hamburg und arbeitete in der Berliner Akademie für die Wissenschaft des Judentums an einer Moses Mendelssohn-Edition, bis er 1932 über Frankreich und England in die USA emigrieren musste. Von 1949 bis 1967 unterrichtete er Philosophie in Chicago, von 1967 bis 1973 in Annapolis. Strauss beschäftigte sich in seinen Büchern mit Philosophen von der Antike bis zu Nietzsche, vermied es jedoch, aktuelle politische Fragen anzugehen. Er verstand Philosophie traditionell, das heißt nicht als eine Disziplin im arbeitsteiligen Wissenschaftsbetrieb, sondern im sokratisch-platonischen Sinne als Lebensweise und oberste Orientierungsinstanz. Seine Schriften richteten sich nicht an die Politik oder eine breite Öffentlichkeit, sondern dienten "der Selbstbesinnung der Philosophie".

Wie der Münchener Philosoph Heinrich Meier nachgewiesen hat, konzentrierte Leo Strauss seine philosophische Arbeit auf eine einzige zentrale Frage: das theologisch-politische Problem (soeben ist dazu der Band Das theologisch-politische Problem. Zum Thema Leo Strauss von Heinrich Meier erschienen, 86 S., Stuttgart 2003, Verlag J.B.Metzler, 9.95 €.) Dieses bildet das Verhältnis von Philosophie und Offenbarung. Für Strauss war die göttliche Offenbarung die größte Herausforderung der Philosophie, weil für den Fall, dass es die eine göttliche, also absolute Wahrheit gibt, das menschliche Bemühen um philosophische, also relative Wahrheit zweitrangig wird. Er war überzeugt, dass "es keine Möglichkeit von Beständigkeit, eines beständigen Lebens gibt ohne Glauben oder Glauben an die Offenbarung." Seine schroffe Alternative lautete: "Menschliche Führung oder göttliche Führung - ein Drittes gibt es nicht."

Strauss' Philosophie argumentiert rigoros vormodern in dem Sinne, dass sie die spezifisch moderne Abtrennung der Sphären von Politik, Religion, Recht, Wissenschaft und Wirtschaft ablehnt, weil sie daran zweifelt, dass aus diesen Fragmenten von Wissen etwas Kohärentes zu gewinnen ist. Und seine Philosophie richtet sich gegen die Aufklärung, die die Fragmentierung des Wissens vorangetrieben und sanktioniert hat. Aber Strauss ist nicht Antiaufklärer sans phrase, denn er lehnte zwar die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ab, vertraute aber auf die Kraft der in ihrer rationalen Argumentationskunst großartigen, mittelalterlichen Aufklärung von Avicenna und Abu Nasr Al-Farabi bis zu Thomas von Aquin. Diese konnten Vernunft und Offenbarung noch als einheitliches Ganzes begreifen.

Es liegt auf der Hand, dass man aus der esoterischen, auf keine politische Gegenwart oder utopische Zukunft bezogene Philosophie unmittelbar keine Rezepte gewinnen kann für eine "neue Weltordnung" im Sinne der Bush-Administration. Im Horizont von Strauss' Denken liegt sicher ein Zurück und insofern ein konservatives Moment, aber Strauss weigerte sich beharrlich, den Weg dorthin auch nur anzudeuten. Von der handfesten Politik der Neocons, die eine Weltregion nach der anderen nach amerikanischen Vorstellungen umkrempeln wollen, trennen den Philosophen Welten, auch wenn die New York Times verkündete: "Die Bush-Administration ist voller Straussianer".

Abenteuerliche Spekulationen

Das Weltbild der Falken im Pentagon trägt zwar offen kreuzzüglerisch-manichäische und insofern para-religiöse Züge, aber diese stammen aus dem christlichen Fundamentalismus und nicht aus den subtilen religiösen Reflexionen von Strauss. Das von Paul Wolfowitz bereits 1992 vorgelegte Strategiepapier (Defence Planning Guidance) lebt so wenig wie andere neokonservative Pamphlete von Anleihen bei Strauss. Der amerikanische Unilateralismus beruht auf klar benennbaren politischen, militärischen und wirtschaftlichen Interessen, deren Durchsetzungschancen nach dem Untergang der Sowjetunion neu vermessen und bewertet wurden. Die Grundlage für alle die abenteuerlichen Spekulationen bilden die Traktate von Shadia Drury, die ihre akademische Karriere mit Anti-Strauss-Schriften bestreitet, in denen sie sich fortlaufend wiederholt und spekulativ überbietet: "The political Ideas of Leo Strauss (1988), Alexandre Kojève: The roots of postmodern politics (1994), Leo Strauss and the American right (1997).

Konsistenter als diese Konstrukte ist die manifeste Verbindung zwischen Paul Wolfowitz und seinem Schwiegervater und akademischen Lehrer Albert Wohlstetter. Der Mathematiker war in den 70er Jahren Wolfowitz' Lehrer in Chicago und vermittelte ihm den ersten Job in Washington. Wohlstetter war einer der führenden Köpfe bei der Ausarbeitung der Strategie "flexibler militärischer Reaktionen" unterhalb der gegenseitigen atomaren Vernichtung. Der Falke empfahl eine "gestaffelte Abschreckung", die das Waffenarsenal gleichsam flexibilisieren und den Einsatz von "pfiffigen (smarten) taktischen Atomwaffen" und anderen Präzisionswaffen erleichtern sollte. Das war damals eher utopisch. Sein Schwiegersohn ist dabei, diese Utopie zu verwirklichen.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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