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Die totalitäre Tradition hochhalten und mit Hammer, Sichel und Gewehr verteidigen: Demonstranten am vergangenen Samstag bei den Marx-Feiern in Trier.

68er-Bewegung

Der stramme Marsch in die Sackgasse

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Zum antitotalitären Defizit in Teilen der 68er-Linken.

Das, was heute mit dem Rubrum „1968“ etikettiert wird, war in seinem Kern – und zwar hierzulande ebenso wie in internationaler Hinsicht – eine Studentenbewegung. Auch wenn es ihr schon bald gelang, sich in eine außerparlamentarische Bewegung zu transformieren, so ist die Unterschlagung ihres maßgeblichen Trägers durch Bezeichnungen wie APO und der später eingeführten Chiffre „68“ irreführend.

Studentenbewegungen machten in den Sixties fast überall den Motor der jeweiligen Protestbewegungen aus. Wer das nicht wahrhaben will, der verkennt ihren Hauptträger und kann deshalb auch keinen analytischen Zugang zu den zentralen Problemen und Fehlern gewinnen, die diese Bewegung auf Schritt und Tritt begleitet und sie schließlich über viele Jahre hinweg in fatale Sackgassen geführt haben.

Es gehört zu den Wesensmerkmalen studentischer Bewegungen, dass sie gewöhnlich besonders stark darin sind, politische und gesellschaftliche Probleme zu explizieren und ihnen einen Stellenwert im öffentlichen Raum zu verschaffen. Aber es gehört ebenso zu ihren Kennzeichen, dass sie politisch betrachtet so gut wie völlig machtlos sind und deshalb unmöglich das umsetzen können, was sie zuvor analysiert und als Lösungsansatz glauben herausgefunden zu haben. Wenn sie dennoch etwas ausrichten wollen, dann geht das eigentlich nur auf zwei Wegen: entweder durch ein Bündnis mit einem machtpolitisch potenteren Partner oder aber durch eine Transformation in eine andere, nicht mehr studentisch geprägte Aggregation – sei es in der Form einer Partei oder irgendeiner anderen Organisationsform.

Die damalige Studentenbewegung existierte nur zweieinhalb Jahre, vom Juni 1967 bis zum Oktober 1969, von der Erschießung Benno Ohnesorgs bis zum Beginn der sozialliberalen Koalition. Alles was danach kam, war durch andere Aggregatzustände gekennzeichnet – durch die von Organisationen, subkulturellen Milieus wie der Sponti-Szene und den Fermenten zu anderen Bewegungsformen wie der Frauen-, der Ökologie- und der Anti-AKW-Bewegung. Deshalb ist auch der von Gerd Koenen unternommene Versuch, um die Jahre von 1967 bis 1977 eine Klammer zu setzen und vom „Roten Jahrzehnt“ zu sprechen, irreführend. Diese Formel verkennt den qualitativen Unterschied zwischen einer in vielfacher Hinsicht neuartigen Protestbewegung und einer rückwärts gewandten Organisationshuberei in der Folge.

Eines der zentralen Merkmale dieser Protestbewegung war das Faktum, dass sie sich in ihrer Formbestimmtheit selbst erst generieren musste. Sie kristallisierte sich ja nicht einfach am Ungenügen der bundesdeutschen Verhältnisse heraus, sondern musste sich in gewisser Weise erst einmal selbst produzieren. Die Artikulation des kulturellen Unbehagens, das Aufdecken eines kollektiven Verdrängungsprozesses, die Kritik an einer repressiven Sexualmoral sowie an den Normen einer Konsum- und Leistungsgesellschaft mussten entwickelt, diskutiert und einfallsreich in Szene gesetzt werden – die Polizei- und Ordnungsbehörden taten dann ein Übriges.

Die vielgescholtenen und auch intern nicht unumstrittenen Regelverletzungen, die Provokationen und Aktionen legten Reaktionsmuster frei, an denen sich Gesellschaftskritik fortan wieder praktisch abarbeiten konnte. Die Verhältnisse, die in der Adenauer-Ära immer unangreifbarer geworden waren und sich in der Schale einer kleinbürgerlichen Wohlstandsidylle mumifiziert hatten, offenbarten nun wieder etwas von ihrer höchst widersprüchlichen Tiefenstruktur. Woran die traditionellen Politikmuster abgetropft waren wie das Regenwasser von einer Öljacke, das vermochten nun die phantasiereichen Aktionsformen aufzubrechen.

Die so entstandenen Konfliktszenarien nutzten die studentischen Aktionsgruppen als Medien zur Selbsterzeugung einer Bewegung, die wie ein Lauffeuer um sich griff und Auszubildende, Schüler, ja einen nicht unerheblichen Teil der jüngeren Generation in sich aufsog. Kaum etwas an ihr war statisch, nur weniges ritualisiert. Alles war mehr oder weniger im Fluss. Kurzum: Dynamik war eines ihrer bezeichnendsten Merkmale.

Eine Armee von linken Geisterfahrern

Hätte es in den Jahren 1967 bis 69 nur die Ostermarschbewegung gegeben, dann wäre vermutlich kaum etwas, jedenfalls nichts Dynamisches geschehen. Sie hätte einfach die nächsten Osterfeiertage abgewartet, um sich dann wieder wie immer geordnet und auf Friedfertigkeit in den eigenen Reihen bedacht auf die Straße zu begeben. Ein einziges Ritual ad infinitum. Nicht ohne Grund hörte die Ostermarschbewegung 1969 auch auf und setzte erst ein Jahrzehnt später wieder ein, als es um die besonders massenwirksamen Proteste gegen den NATO-Nachrüstungsbeschluss ging.

Was 1969/70 folgte, war der Aufbau einer geradezu geisterhaft anmutenden Armee von linken Geisterfahrern. Eine ML-Gruppe nach der anderen schoss aus dem Boden und versuchte sich daran, vermeintlich proletarische Parteien aus dem Boden zu stampfen und begab sich mit dieser Fehlsteuerung – so stur wie deutsche Marxisten-Leninisten nun einmal sein können – für ein Jahrzehnt lang in eine Sackgasse, aus der es zum Schluss nur noch eine Form der Rettung gab, die für auf Klassenkampf abgestellte Parteien eigentlich so überaus kompromittierende Beteiligung an der Gründung einer ökologischen Partei, der der Grünen. Eigentlich ein Witz, aber so ist es gekommen. Man denke nur etwa an Ralph Fücks, Winfried Kretschmann, Jürgen Trittin oder Antje Vollmer.

Kein Zweifel, nicht unerhebliche Teile der 68er-Linken waren nah am Totalitarismus gebaut. Und das betraf keineswegs nur die Marxisten-Leninisten und Maoisten, sondern auch jene, die damals meinten bei der DKP unterschlüpfen zu können, die dafür sogar die SED in Kauf nahmen, um sich an die Seite der seinerzeitigen Weltmacht Sowjetunion schlagen zu können. Dass dies möglich war, lag sicher auch an einer nachträglichen Romantisierung der Oktoberrevolution als einem erfolgversprechenden Vorbild, dem Unvermögen das Gewaltregime der Bolschewiki angemessen zu analysieren und die Kritik an einem massenmörderischen System wie dem Stalinismus auf das Phänomen einer bürokratischen Erstarrung zu reduzieren und damit systematisch zu verfehlen.

Ein anderes überaus trügerisches Projekt bestand darin, der chinesischen Kulturrevolution möglichst nacheifern zu wollen. Zunächst einmal war man ja deshalb so versessen darauf, das China eines Mao Tse-tung imitieren zu wollen, weil man glaubte auf diesem Umweg weiter am Kommunismus festhalten zu können, ohne sich auf das mit der DDR besonders abschreckende Beispiel eines sowjetkommunistischen Ablegers beziehen zu müssen.

Das ging so weit, dass selbst die sich dem antiautoritären Flügel zurechnenden Kommunarden zunächst als Maoisten begriffen, weil sie in den chinesischen Volkskommunen ihr großes Vorbild glaubten erkennen zu können. Aber das stellte sich schon bald als ein Phantasma der besonderen Art heraus. Denn die Millionen an hyperradikalen Rotgardisten, die seit 1966 durch die chinesischen Städte zogen und insbesondere ihren Lehrern und Professoren das Leben zur Hölle machten, waren in erster Linie ein Machtinstrument ihres Großen Vorsitzenden, der sich damit seiner innerparteilichen Gegner wie etwa seinem einstigen Weggefährten Deng Xiaoping entledigen wollte. Im Mai 1968 hätte man den Sohn jenes Mannes, der nach Maos Tod mit seiner Politik der vier Modernisierungen die radikale Öffnung Chinas hin zum Weltmarkt umgesetzt hat, beinahe in den Tod gehetzt. Man trieb den an der Beijing University Physik studierenden jungen Mann in den vierten Stock eines Hochhauses, wo er aus dem Fenster stürzte und seitdem querschnittsgelähmt ist.

Kaum Kritik an Wladimir Putin

Das antitotalitäre Defizit der 68er-Bewegung dürfte maßgeblich dafür verantwortlich sein, warum sich ihre einstigen Protagonisten heute noch so außerordentlich schwer damit tun, auch nur ein kritisches Wort über Putin zu äußern und sich einige von ihnen selbst nach der Krim-Annektion nicht zu schade gewesen sind, zu Initiativen gegen ein angebliches „Putin-Bashing“ aufzurufen, oder aber zu schade, den islamischen Fundamentalismus anzuprangern. Im ersten Fall, weil man befürchtet nun doch noch in die Ecke von Antikommunisten und Feinden der früheren Sowjetunion gedrängt zu werden und im zweiten, weil man Angst davor hat, als islamophob zu gelten und damit zugleich ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Rechtspopulismus der AfD einzubüßen. Diese Einstellung aber, die im Übrigen auch im Falle des sich mittlerweile wie einen Kalifen aufspielenden türkischen Staatspräsidenten Erdogan durchdekliniert werden könnte, ist prekär. Denn sie vertritt eine Haltung der Indifferenz gegenüber autoritären, wenn nicht gar wiederum erneut totalitären Gefährdungen.

Das, was man früher einmal als „Die Linke“ bezeichnet hat – und was ganz gewiss auch vor einem halben Jahrhundert schon eine vergleichsweise euphemistische Abstraktion gewesen ist, mit der man gemeint hat, sich über alle bestehenden Gräben hinweg begeben zu können –, gibt es schon längst nicht mehr. Nicht einmal mehr im reduzierten Sinne eines intellektuellen Feuermelders. Auch diese Stelle ist verwaist.

Dass diese „Linke“ als eine übergreifende Einheitserwartung oder Hoffnung weitgehend verschwunden ist, hängt damit zusammen, dass ihre in den letzten Jahrzehnten aufgetauchten Bruchstellen nie richtig verarbeitet worden sind. Weder der Zerfall der 68er-Bewegung und ihre nachfolgende Scheinblüte in der ML-Bewegung und in der DKP, noch die Implosion der DDR, der Niedergang des Sowjetkommunismus und die Auflösung des gesamten Ostblocks haben zu einem wirklichen Neuanfang geführt. Und die Tatsache, dass es einer ehemaligen totalitären Staatspartei wie der SED durch Umbenennungen in PDS und Linkspartei schließlich gelungen ist, den Begriff „Die Linke“ für sich zu okkupieren, wie sie das im Übrigen vor einem Jahrzehnt auch schon mit dem SDS versucht hat, ist nur ein Indiz dafür, wie weit man inzwischen gekommen ist.

Politisches Handeln, die riesige Leerstelle bei Marx

Wer jedenfalls heute noch meint von der Arbeiterklasse, dem Antikapitalismus, dem Sozialismus oder hinter vorgehaltener Hand gar von der Revolution ungebrochen sprechen zu können, der hat immer noch nicht begriffen, dass das alles kein Morgen hat. Schon vor einem halben Jahrhundert war man nicht dazu in der Lage, ein Realitätsprinzip zu entwickeln. Daran scheint sich aller Anpassungstendenzen zum Trotz im Kern immer noch nichts geändert zu haben.

Warum ist das so? Das Hauptproblem besteht darin, dass man die grundlegende Fehlorientierung am Klassenkampf und der Arbeiterklasse als historischem Subjekt nie einer ernsthaften historischen Revision unterzogen hat. Und die Wurzeln dafür liegen nicht nur, aber ganz wesentlich im Marxismus. Und wenn wir heute wie 1968 erleben, dass Karl Marx zu seinem 200. Geburtstag wie damals zu seinem 150. eine Blumengirlande nach der anderen geflochten wird, dann täuscht das allemal darüber hinweg, dass mit dem Mythos vom Proletariat die zentrale Weichenstellung für die nachfolgenden Irrungen und Wirrungen gelegt worden ist.

Marx mag ein noch so großartiger Analytiker der im Kapitalismus angelegten Selbstzerstörungstendenzen gewesen sein, er hat aber im Hinblick auf eine Theorie des politischen Handelns ein riesiges Vakuum hinterlassen. Und diese Leerstelle hat dazu geführt, dass sie von Lenin, Stalin und Mao mit Herrschaftsmodellen gestopft werden konnten, die von Diktatur und Terror geprägt gewesen sind und die, falls das noch nicht geschehen sein sollte, allesamt in den Orkus geworfen gehören.

Drei entscheidende Herausforderungen der Gegenwart

Dennoch sei an dieser Stelle vermerkt: Die 68er-Studentenbewegung hat dieses Land trotz ihrer nicht gerade geringen politischen Fehldeutungen gehörig umgekrempelt. Das gilt es auch 50 Jahre danach noch immer zu würdigen. Sie hat aber keine Konzepte oder gar Lösungsansätze für die drei entscheidenden Herausforderungen der Gegenwart hinterlassen:

- weder für die porentiefe Durchdringung der Gesellschaft durch neoliberale Imperative, die die Gesellschaft spalten, die Individuen isolieren und einem enormen Konkurrenz und Leistungsdruck aussetzen;

- noch für eine allen nationalistischen und protektionistischen Tendenzen zum Trotz irreversible Globalisierung, die gleichermaßen zu einem Mehr an Waren, Gütern und Dienstleitungen wie zu einer Steigerung von Armut, Ausbeutung und Elend geführt hat und

- noch weniger für die sich in atemberaubender Geschwindigkeit durchsetzende und keine Grenzen mehr zwischen Privatheit und Staatskontrolle kennende Digitalisierung.

Wer sich keine Mühe gibt, darauf auch nur den Ansatz einer Antwort zu formulieren, der hat in seiner Handlungskompetenz bereits abgedankt, bevor er überhaupt damit begonnen hat, sie umzusetzen. Vor einigen Wochen hat der aus Ungarn stammende 87-jährige US-Finanzinvestor George Soros in Davos die Social-Media-Giganten als Monopole bezeichnet, die die Demokratie bedrohen, Internetplattformen als „Glücksspielunternehmen“ verurteilt, die diktatorischen Regimen wie Russland und China ein „Netz der totalitären Kontrolle“ zur Verfügung stellten. Besonders große Sorge bereitet ihm die Internetsucht der jungen Generation, die er für eine der größten Gefährdungen des Gemeinwesens hält.

Wir sind gewiss mit vielen, ja wahrscheinlich mit viel zu vielen Problemen konfrontiert, aber wenn es uns nicht gelingt, solche Monster wie die Internet-Giganten Facebook, Google, Apple und Amazon unter Kontrolle zu kriegen, dann werden wir es mit einem technologisch generierten Totalitarismus zu tun bekommen, dem gegenüber Orwells „1984“-Dystopie wie ein melancholisch gestimmter Roman aus einer besseren Vorzeit erscheint. Ja, es kann durchaus sein, dass die Träume einer Linken längst ausgeträumt und unter den Schutt- und Leichenbergen des 20. Jahrhunderts begraben sind und wir vielleicht nur noch einem Phantasma hinterherrennen.

Aber wir wissen es nicht. Deshalb wäre es immer noch wert, die grundlegend veränderten Rahmenbedingungen einer Gesellschaftskritik zu analysieren, ihre impliziten Möglichkeiten zu einer Kursänderung realistisch zu erörtern und sich nicht mehr – wie bisher – etwas vorzumachen.

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