Nordkoreas exilierte Oppositionelle agitieren im Süden mit Humor und Luftballons gegen die Diktatur.
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Nordkoreas exilierte Oppositionelle agitieren im Süden mit Humor und Luftballons gegen die Diktatur.

Korea

Ein störrischer Bruder

  • vonFelix Lill
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Nordkorea sprengt ein Grenzgebäude und der Süden seufzt nur. Die um Ausgleich mit den Kommunisten bemühte Regierung in Seoul weiß: Der Norden schadet sich nur selbst.

Was für ein Schlag mit Ansage: Am vergangenen Wochenende hatte es aus nordkoreanischen Regierungskreisen geheißen, bald werde es eine „tragische Szene des völlig zerstörten Nord-Süd-Verbindungsbüros“ geben. Zu dem Zeitpunkt stand das Gebäude noch. Am Montagnachmittag koreanischer Zeit aber trat dann genau dies ein: Ein diplomatisch genutzter Bau in Kaesong an der Grenze zu Nordkorea wurde gesprengt. Verletzte hat es wohl nicht gegeben, südkoreanische Offizielle waren wegen der Corona-Krise nicht vor Ort. Klar ist aber: Eine freundliche Geste war der Akt nicht.

So vermehren sich nun Befürchtungen, die verfeindeten Bruderstaaten auf der koreanischen Halbinsel steuerten schnurstracks auf einen neuen Konflikt zu, vielleicht sogar auf einen Krieg. Formal herrscht tatsächlich Krieg zwischen Nord und Süd: Nachdem 1950 der kommunistische Norden in den kapitalistischen Süden einmarschierte und bis 1953 von UN-Truppen bis zum 38. Breitengrad zurückgedrängt wurde, nachdem Millionen Menschen tot waren, konnte man sich nur auf einen Waffenstillstand einigen. Annäherungsversuche hat es seitdem einige gegeben, Enttäuschungen und Drohungen ebenso häufig.

Vor dem Schlag am Montag hatte jüngst für Aufregung gesorgt, dass südkoreanische Behörden es offensichtlich duldeten, wenn ihre Bürger Flugblätter per Ballon überm Norden abwerfen. Nach einer zwischenstaatlichen Erklärung von 2018 sollte der südkoreanische Staat solche Aktionen unterbinden. Die harsche Reaktion darauf ist nun jene Spreng – das Haus wurde erst im Herbst 2018 eröffnet, nachdem Südkorea dafür rund acht Millionen Euro aufbrachte. Auch plant Nordkorea jetzt, die Demarkationslinie wieder durch Soldaten bewachen zu lassen. Dass dies derzeit nicht der Fall ist, war erst durch langwierige diplomatische Bemühung möglich geworden.

Südkorea reagiert mahnend

Dennoch ist unwahrscheinlich, dass die Eskalation andauert. Schon die Reaktion aus Südkorea zeigt dies. Noch am Montag hieß es seitens der Regierung: „Wir werden keine weiteren dieser indiskreten Rhetorik und Taten Nordkoreas tolerieren.“ Eine deutliche Gegendrohung gab es aus Südkorea aber nicht. So klingen die Worte wie das Mahnen eines reiferen Bruders, der sein schwieriges, störrisches Geschwister nicht ganz ernst nimmt.

Schließlich weiß man in Südkorea, dass Nordkorea wohl mehr zu verlieren hat in einem Konflikt. Denn indem die nordkoreanische Regierung ihre Amtskollegen im Süden weiter verstört, könnte sie damit auch einen Verbündeten auf internationaler Ebene verlieren. Südkorea machte sich bisher dafür stark, dass die UN-Sanktionen gegen Nordkorea, unter denen das Land schwer zu leiden hat, aufgehoben werden. Auch China, Nordkoreas einzigen Verbündeten, hat das Verhalten Pjöngjangs schon öfter genervt. Dagegen würde Südkorea zwar von einer Öffnung gen Norden ökonomisch profitieren. Aber die diplomatischen Verstimmungen ist man schon gewohnt.

So steckt hinter dem Sprengsatz wohl vor allem eines: eine groteske Art der Kommunikation. Die Person, die am Wochenende die „tragische Szene“ angekündigt hatte, ist niemand geringeres als Kim Yo Jong, Schwester von Staatschef Kim Jong Un. Schon länger gilt sie als Stütze ihres Bruders, wurde aber erst vor kurzem in die vorderste Riege aufgenommen. Experten sehen die 32-Jährige als potenzielle Nachfolgerin ihres gesundheitlich angeblich angeschlagenen Bruders.

Das Sprengen eines Verbindungsgebäudes kann daher als eine Mischung aus Kampfansage und Nachbarschaftsgruß durch „Kims kleine Schwester“ interpretiert werden. Es ist ein Gruß, der viel Geld kostet, vor allem aber Nerven. Dabei kennt man dies auf der koreanischen Halbinsel schon lange. Beide Staaten, die grundsätzlich eine Wiedervereinigung anstreben, machen nach einem Schritt nach vorn immer auch einen oder zwei zurück. Und irgendwann steht dann ein neues Verbindungsgebäude.

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