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Stockholm unter Schock

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Verstörte Blicke: Ein Polizeibeamter bei der Evakuierung der Innenstadt von Stockholm.
Verstörte Blicke: Ein Polizeibeamter bei der Evakuierung der Innenstadt von Stockholm. © dpa

Der mutmaßliche Lkw-Anschlag trifft die schwedische Hauptstadt ins Mark.

"Lauft, lauft!" ruft die Polizei den Menschen auf der Einkaufsmeile Drottninggatan zu. Die Straße mitten im Herzen Stockholms ist am Freitagnachmittag voll von Hauptstädtern, die noch schnell Wochenendeinkäufe erledigen, und Touristen, die einfach bummeln wollen.

Um kurz vor 15.00 Uhr rast ein Lastwagen in die Menge und von dort in das Kaufhaus Åhléns. "Es gab meterhohe Flammen und schwarzen Rauch", schreibt eine entsetzte Schwedin bei Twitter.

Kurz darauf zeigen Fernsehbilder, wie Menschen panisch aus dem Shopping-Center und von der Straße flüchten.

Wie erstarrt

«Es war fürchterlich. Unmengen von Blut auf der Straße, Menschen lagen überall», sagt ein Augenzeuge dem schwedischen Fernsehen. «Viele um mich herum waren hysterisch», erzählt eine Frau mit Tränen in den Augen.

Something's happening on Drottninggatan and around Stockholm. pic.twitter.com/YPbrZSe5Mb

— Johnny Chadda (@johnnychadda)

7. April 2017

Am Abend gibt die Polizei die vorläufigen Opferzahlen bekannt: Vier Tote und 15 Verletzte.

«Wäre ich eine Minute später dort hingekommen, wäre ich umgefahren worden. Ich habe Menschen gesehen, die gestorben sind», sagt die Schwedin Sandra Japundzic Lindquist dem Radiosender Ekot. Rettungskräfte legen Decken auf leblose Körper.

Eine junge Frau habe einfach nur dagestanden, den Arm schützend um ihr Baby gelegt, und wie erstarrt gewirkt, berichtet ein völlig aufgelöster Schwede.

Ein toter Hund ist das Erste, das die Verkäuferin Ebba Gren sieht, nachdem der Lastwagen an ihrem Geschäft in der Drottinggatan vorbeigerauscht ist. «Eine Frau sah aus, als hätte sie einen Fuß verloren», sagt die Schwedin der Zeitung «Aftonbladet». Die Bilder, sind sich Augenzeugen sicher, werden sie nie wieder vergessen.

Die Angst verfolgt Stockholm auch Stunden nach der Tat weiter. Der Täter konnte flüchten. Am Abend nahm die Polizei eine Person fest, «die Verbindungen zu dem Fall haben kann». Nach Medienberichten erfolgte die Festnahme in Märsta nördlich von Stockholm.

Den Lastwagen einer Brauerei soll der Täter Medienberichten zufolge unmittelbar vor dem Attentat gekapert haben. Das erinnert an den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im vergangenen Dezember.

In Stockholm hatte der Fahrer gerade ein Restaurant in der Drottninggatan beliefern wollen, als eine Person in die Fahrerkabine gesprungen und weggefahren sei. So erzählt es ein Brauereisprecher dem schwedischen Radio. Der Lkw-Fahrer wollte den Täter demnach noch stoppen, wurde dabei aber selbst angefahren.

Wer ist der Täter? Dazu gibt es von den Ermittlern zunächst keine Auskunft. Bei der Pressekonferenz am Abend zeigen sie Bilder von einem Mann in einem Kapuzenpullover, der zum Tatzeitpunkt am Tatort gesehen wurde. «Mit dieser Person würden wir gern in Kontakt kommen», sagt ein Sprecher.

Ob die Ermittler ihn im Verdacht haben, sagen sie nicht. Zu groß ist das Chaos, zu klein zunächst der Überblick über die Situation in der schwedischen Hauptstadt und im Rest des Landes. «Wir wissen nicht, ob es eine Einzeltat ist oder ob wir mit mehr rechnen müssen», sagt Reichspolizeichef Dan Eliasson.

Die Polizei warnt deshalb am Freitag: Stockholms Innenstadt ist kein sicherer Ort. Die meisten zentralen Straßen werden gesperrt, U-Bahnen, S-Bahnen und Busse stellen den Betrieb komplett ein. Am Hauptbahnhof springen Menschen hastig in einen Zug, dann bewegt sich stundenlang nichts mehr. Tausende müssen zu Fuß nach Hause gehen. Kinos und Theater sagen alle Vorstellungen für den Abend ab.

Kunden und Verkäufer eines Modegeschäfts neben dem Kaufhaus müssen in dem Laden ausharren, solange niemand weiß, wo sich der Täter aufhält. Auch den Reichstag darf niemand verlassen. «Es gibt gerade so viele Gerüchte. Wir arbeiten hart daran, herauszufinden, was passiert ist», sagt eine Sprecherin der Sicherheitspolizei.

Am Abend beginnt die Polizei langsam damit, die Menschen aus den Geschäften zu begleiten. Eltern holen ihre verschreckten Kinder ab.

Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven spricht früh von Terror. «Schweden ist angegriffen worden. Alles deutet auf eine Terrortat hin», sagt er dem Fernsehsender SVT. Der Regierungschef will sich sofort auf den Weg nach Stockholm machen, um den Angehörigen und Opfern beizustehen.

Auch Schwedens König Carl XVI. Gustaf ist geschockt. Seine Familie habe die Nachricht mit Bestürzung aufgenommen, schreibt das Königshaus kurz nach der Tat.

In anderen europäischen Metropolen sprechen Regierungschefs und Bürgermeister den Schweden ihr tiefes Mitgefühl aus. Zu genau wissen sie, wie es ist, wenn die eigene Hauptstadt Opfer eines Anschlags wird. «Die Londoner wissen, wie es sich anfühlt, sinnlosen und feigen Terrorismus zu ertragen», sagt Bürgermeister Sadiq Khan.

Nizza, Berlin, und zuletzt London: Jedes Mal rasten Täter mit Fahrzeugen in Menschenmengen. In Berlin schlug der Terror auf dem Weihnachtsmarkt zu. Erst Ende März überfuhr ein Attentäter in London mit einem Auto auf der Westminster-Brücke vier Menschen starben. Unter den Opfern in London: ein US-Amerikaner, der mit seiner Frau die Silberhochzeit feierte, und eine zweifache Mutter.

Wer die Opfer in Stockholm sind, steht am Freitagabend noch nicht fest. In der sonst so lebhaften schwedischen Hauptstadt sind die Straßen am späten Nachmittag wie leer gefegt. Helikopter kreisen über der Stadt. Menschen in Feuerwehrkluft und Polizisten gehen ruhig durch die Straßen. Am Himmel: graue Wolken. «Wenn wir morgen aufwachen, wird vieles anders sein», sagt ein Kommentator im schwedischen Fernsehen.

Das Wochenende, auf das sich die Menschen in ihrer sonst so friedlichen und sicheren Stadt gefreut haben, ist von Tod und Leid überschattet. (dpa)

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