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Wjatscheslaw Tichonow spielte den Standartenführer Max-Otto von Stirlitz.

Porträt

Stirlitz, der Bond der Russen

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Standartenführer Max-Otto von Stirlitz, in Wirklichkeit der Sowjetagent Maxim Issajew, ist nicht zu fassen. Russlands James Bond ist der Held der 1973 gedrehten TV-Kultserie "17 Momente des Frühlings". Von Stefan Scholl

Die Gestapo- und SS-Männer sind nicht blöd. Sie haben ihn in Verdacht. "Stirlitz", raunen sie, "geht durch unsere Korridore." Aber Standartenführer Max-Otto von Stirlitz, in Wirklichkeit der Sowjetagent Maxim Issajew, ist nicht zu fassen. Russlands James Bond, der Held der 1973 gedrehten TV-Kultserie "17 Momente des Frühlings", hat ein straffes Kinn, sein Deutsch ist perfekt, er zeigt keine Nerven, wirkt wie ein Eisberg. Im Frühling 1945 entdeckt der Megamaulwurf in Berlin, dass die Leute von SS-Häuptling Himmler in der Schweiz mit den Amerikanern über einen Separatfrieden verhandeln. Er interveniert bei Martin Bormann persönlich und vereitelt den Deal. Im Fernsehen, alle Jahre wieder, zum 9. Mai, dem russischen "Tag des Sieges".

Gleich zu Beginn knallt Stirlitz einen Nazispitzel ab, sein erster und letzter Schuss, danach folgt der wohl langsamste Agententhriller der Filmgeschichte. 12 Teile, 840 Minuten lang balanciert Stirlitz am Rande der Verhaftung, palavert endlos mit Geheimdienstleiter Walter Schellenberg und Gestapo-Chef Heinrich Müller, wandert nachdenklich durch das zerbombte Berlin, rettet deutsche Pfarrer und russische Funkerinnen in die Schweiz. Am Wochenende aber betrinkt sich Stirlitz, riecht dabei an Schwarzbrot und sehnt sich fürchterlich nach Russland.

In der UdSSR war der Film ein Straßenfeger. Zur Sendezeit soll in vielen Städten die Stromversorgung ins Wanken geraten sein, weil zu viele Fernseher eingeschaltet waren. Der erste sowjetische Film, der die Kriegsnot aus der Sicht der deutschen Bevölkerung zeigt. Und selbst Nazigrößen wie Müller und Schellenberg werden mit viel Gefühl von Moskaus besten Theaterschauspielern gemimt, gemütlich, jovial, gerissen und keineswegs in Panik angesichts des drohenden Untergangs.

Gestapo-Müller schlürft Kognak und fixiert Stirlitz mit wissendem Lächeln. Dessen schwarze SS-Uniform aber sitzt perfekt, die Berlinerinnen, die mit ihm flirten, lässt er mit preußischer Korrektheit abblitzen. Er ertappt sich dabei, dass er "wir" denkt, wenn er die Deutschen meint. Ein sehr germanischer Russe, er wurde schnell zum Helden der sowjetischen Folklore. Man dachte sich Tausende Stirlitz-Witze aus, meist sehr absurde: "Gestehen Sie Stirlitz!", sagt Müller. "Am liebsten würden Sie jetzt an der Wolga sitzen und angeln." "Ne, Müller", antwortet Stirlitz. "In Russland kann ich mich nicht mehr blicken lassen. Ich schulde meiner Frau die Alimente für sieben Jahre."

Die Russen lachen noch heute über solche Witze, sie lachen über Stirlitz, die Nazis und sich selbst. Ihr Humor ist eine sehr russische Art, Frieden zu machen mit einer Vergangenheit, die in der früheren Sowjetunion 28 Millionen Tote gekostet hat.

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