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Eurofighter Typhoon der Luftwaffe im estischen Ämari. 

Bundeswehr in Estland

Stimmungstest im Baltikum

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In Estland sind deutsche Eurofighter stationiert. Immer wieder bekommen sie es mit russischen Kampfjets zu tun. Ursula von der Leyen reist ins Baltikum.

Wenn es kritisch wird, heult eine Sirene. Sie hallt durch die großen Garagen, in denen die Eurofighter warten. Innerhalb von 15 Minuten, so ist der Plan, können die Flieger in der Luft sein. Alarmstart heißt das dann: Unbekanntes Flugzeug in der Luft. 30-mal ist das so gewesen in den vergangenen fünf Monaten, seit die Bundeswehr mit einigen Eurofightern in Estland die Nato-Flugsicherung der baltischen Staaten übernommen hat. Immer seien es russische Flieger gewesen, die ohne Identifizierung über der Ostsee unterwegs gewesen seien, sagt der Kommandeur der Truppe, Gordon Schnitger. Die Eurofighter haben sie begleitet, auf dem Weg in die russische Exklave Kaliningrad oder nach Russland.

„Wir können das Verhalten der Russen nicht ändern, aber wir können die Risiken reduzieren“, sagt der estnische Verteidigungsminister Jüri Luik. Seine deutsche Amtskollegin Ursula von der Leyen ist zu Besuch: „Eure Sorgen sind auch unsere Sorgen“, sagt sie. 

Stimmung steht auf Konfrontation

In den baltischen Staaten, einst Sowjetrepubliken, ist die Angst vor Russland seit jeher hoch. Die Annexion der Krim hat sie gesteigert. Seitdem hat die Nato hier ihre Truppen verstärkt, die kleinen Länder mit ihren je zwei bis drei Millionen Einwohnern haben selbst nur ein paar 1000 Soldaten und kaum eigene Militärflugzeuge. Gerade hat erst die USA und dann Russland den Abrüstungsvertrag INF aufgekündigt, die Stimmung steht auf Konfrontation. 

Ankunft in Ämari: Ursula von der Leyen mit ihrem estnischen Amtskollegen Jüri Luik (r.).

Der Besuch von der Leyens ist ein Stück weit ein Stimmungstest. Er beginnt im litauischen Rukla, wo von der Leyen mit Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite durch zentimeterhohen Schnee auf einem Kasernenhof stapft. Eine multinationale Nato-Truppe ist hier stationiert, die Bundeswehr hat die Führung übernommen. Soldaten aus den Niederlanden, Tschechien und Norwegen sind dabei. „Wir reagieren auf die aggressive Politik Russlands“, sagt von der Leyen. 

Grybauskaite spricht von Aggression, vor der man sich schützen müsse: „Die Lage ist schärfer geworden.“ Aber sie sagt auch: „Ich sehe nicht so schwarz.“ Man müsse nun eben eine neue Lösung finden. In einem Rüstungswettbewerb liege die nicht, schließlich sei die Bedrohung vielfältiger und liege auch im Cyberbereich. Von der Leyen ergänzt: „In der Nato sind wir uns einig, dass wir nicht die einfachen Antworten der 70er und 80er Jahre auf heute übertragen können. Das ist die alte Zeit.“ Nötig sei „ein Mix von Maßnahmen“. Wie der aussehen soll, bleibt offen. 

„Illusionen können unsere Existenz bedrohen“

Dann fliegt sie weiter nach Lettland und ihr dortiger Amtskollege Artis Pabriks blickt zwar freundlicher drein als die litauische Präsidentin, aber er formuliert deutlich weniger optimistisch. Die Kündigung des INF-Vertrags „war für uns keine Überraschung“, sagt er. „Aber es ist schon unangenehm.“ Man müsse sich nun mit Russland an einen Tisch setzen. Aber man dürfe sich keine Illusionen machen. „Illusionen können unsere Existenz bedrohen.“ Ausführlich lobt Pabriks die Nato-Präsenz im Baltikum, so wie es am nächsten Tag auch der estnische Verteidigungsminister tut. Der INF-Vertrag, so vermitteln es alle drei Länder, ist nur ein Baustein von vielen.

In Deutschland hat die Debatte die Regierungskoalition erreicht – und spaltet sie. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil hat gemäß der SPD-Linie gesagt, dass nun vor allem „ein neues Wettrüsten unbedingt verhindert werden muss“. Deutschland dürfe sich nicht daran beteiligen. Die Union hält das für naiv bis gefährlich. Die SPD beraube damit die Diplomatie jeglichen Spielraums, sagt der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hendrik Otte. „Putins Ziel ist es, die NATO und Europa zu spalten. Die INF-Diskussion ist ihm hierbei ein willkommenes Vehikel“, sagt er. „Ein nukleares Wettrüsten steht zur Zeit überhaupt nicht zur Debatte.“ Auch während der nun laufenden Kündigungsfrist setze sich Deutschland weiter für den gegenseitigen Verzicht auf diese Waffenkategorie ein. Aber: „Wir sollten in der Nato weiter gemeinsam agieren und den Verhandlungsdruck auf Putin aufrechterhalten.“

Die Piloten in Estland machen derweil ihre ganz eigenen Erfahrungen. Dem Alarmstart folgen Begegnungen in der Luft, die von Aggression nichts spüren lassen. „Alle sind freundlich, machen gegenseitig Fotos und winken sich zu. Alles läuft sehr professionell“, erzählt ein Pilot. Der Kommandeur hat festgestellt, dass es in den vergangenen Wochen nicht schwieriger, sondern deutlich ruhiger geworden ist. „Die Russen kämpfen so wie wir mit dem Wetter“, glaubt er. Bei Schnee und Eis, so scheint es, werden politische Spannungen sekundär.

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