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60 JAHRE DANACH

"Stillgestanden!"

Joachim Seyppel, Schriftsteller, geboren am 3. November 1919 in Berlin, hat unter dem Titel "Avantgarde der Rache" - ein Hitler-Zitat - Auszüge aus seinen Kriegstagebüchern übermittelt. Den Rahmen des Tagebuchs bildet zunächst das Vordringen der Wehrmacht Richtung Osten, dann der Rückzug "ins Reich" und die erneute Verlegung nach Schlesien bis zur Kapitulation Nazi-Deutschlands.

11.7.43: Dieser Eintrag entstand beim Aufenthalt in Crossen/Oder: ...Ein Gesicht starrte sie an, ein gewesenes Gesicht, verstümmelt, ohne Augenbrauen, ohne Nase, ohne Augenlider, zwei rotumrandete Löcher starrten sie an, die Nase ersetzt durch wachsene Kunsthaut, ein Stück Plast, und ein blasser Schlitz dort, wo ein Mund sein sollte. Der Unteroffizier trug das Eiserne Kreuz am Uniformrock, Nahkampfspange, Verwundetenabzeichen, stand noch immer vor dem Tisch. Und was mochte in der Lazarettschwester vorgehen, sollte sie sagen, ja, bitte, nehmen Sie Platz? Sie erhob sich hastig, in der Kaffeestube am Markt war es leise geworden, lief durch den Raum und ließ sich auf einen Stuhl fallen, Hände vors Gesicht geschlagen. Der Unteroffizier war ihr gefolgt, zog aus der Gesäßtasche einen Revolver, richtete ihn auf die junge Frau und schoß ihr ins Gesicht.

25.8.43 (in Brest-Litowsk, Weißrussland, Red.): ...Für die Beschießung einer Polizeigruppe durch Banditen aus dem Hinterhalt, für den Überfall auf eine Polizeistreife im Kreise Wolkowysk, wobei ein deutscher Gendarm und ein einheimischer Schutzmann von den Banditen ermordet wurden, wurde zur Befriedung des Gebiets Bialystok das bandenversuchte Dorf Kniacowodce abgebrannt und die Dorfbewohner erschossen. Dazu 100 als Anhänger der polnischen Widerstandsbewegung festgestellte Personen mit ihren Familien erschossen (Bekanntmachung durch den Kommandeur der Sicherheitsorgane).

Kriegsgericht, Staatspolizei

18.9.43: Ausmarsch 3 Uhr nachts bis 20 Uhr abends zum Gut Bulkowo, Russen werden auf Lastwagen verladen, sollen als Arbeiter nach Deutschland.

11.10.43: Gefreiter Schaberg erzählt manchmal aus seinem früheren Leben, heute sagt er zu mir: "Wenn du mal einen Film mit Kindern drehst, kannst du das vielleicht gebrauchen. Was meine Kleine (sein siebenjähriges Kind) gemacht hat mit einem Dreimarkschein, den ich ihr zum Geburtstag schickte...". Die Mutter wollte ihn wechseln, die Kleine weinte, sie wolle den Schein, den der Vati angefasst hätte. Und während er es vorlas, wurde er unsicher in der Stimme und heulte.

9.11.43: "So sind Hunderttausende von Ausgebombten die Avantgarde der Rache." Aus der Rede Hitlers am 8.11. im Löwenbräukeller München vor "Alten Kämpfern" des Putsches 1923. Nun wissen wir, was wir sind, Avantgardisten der Rache... So jedenfalls hat es in der Rede Hitlers geheißen. Ich möchte mich aber davor verwahren, als Mensch einer kultivierten Nation christlicher Herkunft besonders als rachsüchtig gelten zu sollen. ...

18.2.44: Wir erreichen weit im Hinterland den Ort Zwettl/Niederdonau, Ostmark. 28.4. Abstellung ins Reich, nach Guben/Niederlausitz. 5. Mai: Alles denkt nur an die und spricht von der Invasion der Anglo-Amerikaner auf dem Kontinent. (Das Folgende wurde im Tagebuch auf englisch geschrieben, übersetzt:) Die Amerikaner haben recht. Das gesamte deutsche Volk ist schuldig geworden... Hör zu, wenn der einfache Landser von den Orgien beim Erschießen von Juden und Russen erzählt. Alle zusammen taten es - sie sind schuldig geworden. Und so bekamen sie Angst, den Krieg zu verlieren, hoffen, ihn zu gewinnen. ...

Anfang Februar 1945: Am 19. Dez. '44 sage ich zum Unteroffizier: "Vor dem lieben Gott und der Verpflegung sind alle gleich, auch Unteroffiziere und Soldaten!" Anzeige. Zum Kommandeur. "Das haben Sie gesagt?" Ja, der Mann habe sich beim Brotfassen vorgedrängt. "Festnahme, Kriegsgericht, Staatspolizei verständigen!" 6. Januar Kriegsgericht Frankfurt/Oder. Strafe zwischen 14 Tagen Arrest und Todesstrafe, weil Feldgebiet, wegen "Stiftung von Missvergnügen und Befehlsverweigerung", man müsse exemplarisch an mir vorgehen. "Frontbewährung?" - "Jawohl." Am 20. Januar verkündet mir der Unteroffizier von der Strafsachenabteilung, nach sechs Wochen Arrest werde ich zur kämpfenden Truppe abgestellt.

21.2.45: Zwei Monate sind um, und ich bin frei. Jetzt stehe ich im Graben Wache, an der Straße, in der eine meiner Freundinnen wohnte. Mein Los? Heimatlos, besitzlos, ehrlos, so wollte man mich. Alles, was ich bin und was ich habe, dank ich Dir, mein Vaterland!

1.3.45: Ein Dorf hinter der Front, unweit der Neiße: Erschießung eines deutschen Unteroffiziers durch ein Exekutionskommando des Kriegsgerichts, das den wegen "Plünderung" einer Villa in Guben Angeklagten zum Tode verurteilt hatte. Quasi Standgericht, keine Möglichkeit des Antrags einer Begnadigung, weil Frontgebiet. "Stillgestanden!" Befinde mich im dritten, hintersten Glied der Kompanie. Starre geradeaus am Stahlhelm des Vordermanns vorbei auf den Schuppen im Hof. Vor dem Schuppen der Kamerad, in Unterhemd und Unterhose. Ein Hauptmann bindet ihm das schwarze Tuch um den Kopf, Stirn und Augen bedeckend. "Fertigmachen!" Regungslos die Kompanie im Quadrat des Hofes. "Legt an!" Schaue nieder auf den Sandboden, die Kumpels stehen auf den Schuhspitzen, um sich nichts entgehen zu lassen. "Gebt Feuer!" Zehn Karabiner krachen. Der Hauptmann gibt dem vor der Scheune Liegenden den Fangschuß, den Gnadentod. Die Leiche liegt am Fuß einer Buche im Dorf, auf dem Zettel am Stamm steht: "So geht es allen Verrätern!" ...

"Ein schöner Tod..."

21.3.45: Man kommt aus dem Dreck nicht mehr heraus. Zwei Monate die Wäsche nicht mehr gewechselt, Nacht für Nacht drin geschlafen, nur kalte Waschungen im Hof an der Pumpe, Lager im Stroh, viel Fliegeralarm, die Maschinen aus England in Richtung Berlin brausen über uns hinweg. Die Abstellung in östlicher Richtung an die Front. 23. März, bin in Schlesien. ...Grantwerfereinschläge, "Hurrä" der angreifenden Russen, MP-Salven, detonierende Handgranaten. Holpernd knarrt der Leiterwagen von vorn ans Lazarett, der Krankenträger bringt die Schimähre vorm Wagen zum Stehen. Oben, nebeneinander, Landser, Offiziere, Feldwebel, auf Stroh, teilweise übereinander. Beine baumeln lose, wie von Stoffpuppen, über den Rand, aus den Verbänden quillt Blut, geschlossene Augen, schwarzbläuliche Lippen, die sich schwach regen und etwas sagen wollen. "Abladen!" Der Oberarzt operiert weiter, seit elf Stunden, amputiert, schneidet auf, Tote und Verwundete... Es regnet. Ein Russe unter den Verwundeten, um die dreißig, nur noch Teile eines Menschen, der Oberarzt tritt aus dem Zelt, raucht, tritt näher, zuckt mit den Schultern, läßt sich eine Spritze geben und sticht die Nadel dem Russen in den Arm. "Ein schöner Tod ist der beste Lebenslauf." ...

6.5.45: Ich freue mich, dass meine Prophezeiungen über den Ausgang des Krieges eingetroffen sind. Es musste auch so kommen. Am 9. Mai, letzter Wehrmachtsbericht, seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Mein Karabiner liegt im Chausseegraben. Iwan nimmt mich gefangen. ...

3.8.: Die Heimkehr. Alles spült sich von der Seele.

Joachim Seyppel, Hamburg

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten 60 Jahre danach

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