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60 JAHRE DANACH

Stille Helden

Yolanda de Nobile lebte vom Mai 1940 bis 1943 als "Evakuierte" in der Gascogne. Dort wirkte ihr Vater als Gewerkschafter im Résistance-Netz mit.

Am 18. Dezember 1939 bin ich in einer französisch-italienischen Mischehe in Jeumont im Norden Frankreichs geboren. 1959 heiratete ich einen Deutschen und lebe seit 1985 in Frankfurt/Main.

Vom Mai 1940 bis 1943 lebten wir als "Evakuierte" in der Gascogne. Dort wirkte mein Vater als Gewerkschafter im Résistance-Netz mit. 1943 kamen wir nach Jeumont zurück. Wir wohnten keine 50 Meter weit von der belgischen Grenze entfernt und direkt an der Eisenbahnlinie Paris - Moskau.

Eines morgens, so März/April 1945, waren alle auf den Beinen. Ich werde nie vergessen, wie plötzlich alle riefen, von Haus zu Haus: "Sie kommen, Sie kommen." Die Straße füllte sich mit Polizisten, Krankenschwestern und Soldaten. Unsere Väter waren auch da und nicht auf der Arbeit. Alle redeten aufgeregt, laut, gaben Anweisungen und besorgten alles Mögliche. Die Mütter kochten eimerweise Chicoreekaffee, organisierten Decken, Wäsche, Brote und Stühle ... Es war laut und lustig für uns Kinder der Straße. Wir genossen die bunte Geschäftigkeit nach den dunklen Jahren in Kellern und Chausseegraben.

Endlich sahen wir den Zug von weitem ankommen. Alle rannten hin, wollten als erste vorne sein, aber als der Zug langsam einfuhr, wurde es still. Die Türen aller Güterwaggons wurden aufgemacht. Ich höre noch heute die Stille, die dann jeden ergriff. Männer weinten, Krankenschwestern flüsterten, die Mütter bewegten vorsichtig ihre Kaffeekannen. Stille, nur leise Töne jetzt.

Wir Kinder durften endlich hin. Auf Stroh liegend, in Decken gehüllt, sahen wir sie, die Menschen mit grauen Gesichtern in graugestreifter Kleidung, die uns schweigend zulächelten. Sie sagten nichts. Stille. Wir blieben stumm.

Der Zug musste lange stehen, bis alle Grenzformalitäten erledigt waren. Dann fuhr er langsam weiter, nach Paris Gare du Nord, wo ein großer Empfang organisiert wurde. Alle redeten noch wochenlang über das Ereignis.

Später verstand ich die, die in der Résistance aktiv waren und ihr Tun als selbstverständlich verstanden. Die Helden waren für uns diese Überlebenden.

Yolanda de Nobile, Frankfurt am Main

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten 60 Jahre danach

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