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Klimaschutz

Stille und Frust

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Tirol will seine Gemeinden vor zu vielen Durchreisenden schützen – und verärgert damit als allererstes die Bayern.

Alfons Rastner erinnert sich: „An Pfingsten war das ganze Wipptal ein einziger Stau.“ Wohnwagengespanne sind da durch die engen Straßen der Orte gefahren, sie passten aber nicht vorbei an entgegenkommenden Kleinlastwagen. „Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge hatten keine Chance, an die Einsatzorte zu gelangen“, erzählt der Bürgermeister der österreichischen Gemeinde Mühlbachl, von deren Ortskern es nur 100 Meter zur Brennerautobahn sind. „Es war einfach zu viel“, sagt er, „selbst die Landwirte haben das Heu nicht mehr in die Tenne gebracht.“

Seit Jahrzehnten leitet der 63-Jährige die Geschicke der Tiroler Gemeinde mit ihren 1400 Einwohnern, die Lokalpresse bezeichnet Rastner als „politisches Urgestein des Wipptals“.

An einem nebeligen Dezembermontag ist nicht viel los in den Gassen von Mühlbachl. Auch auf der Hauptstraße im Nachbarort Matrei, der Brennerstraße mit ihren schmucken Fachwerkhäusern, ist es ruhig. So soll es bleiben, das sagen hier die Hoteliers, die Feuerwehrleute und mit ihnen die größte Mehrheit der anderen Einheimischen. So soll es bleiben, auch wenn in den Weihnachtsferien die Urlaubermassen mit ihren Autos wieder die Brennerautobahn verstopfen. Für den Frieden in den Dörfern nahe der Trasse sorgt ein Verkehrsgesetz des Bundeslands Tirol, das speziell Politiker der CSU in Bayern im Verbund mit Autofahrerlobbyisten in glühende Wut treibt: die Fahrverbote.

In den Sommerferien waren sie erstmals verhängt worden: An den Wochenenden durften Durchreisende nicht mehr von der überquellenden Autobahn und der gleichfalls verstopften Bundesstraße auf die kleinen Landesstraßen ausweichen, sie wurden von der Polizei zurückgewiesen. Dieses Fahrverbot wird nun wieder eingeführt von den Weihnachtsferien an bis hinein in den April.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) schäumt deshalb und wertet es als „Diskriminierung“. Der ADAC spricht von einer „Hiobsbotschaft für Winterurlauber“. Da hat sich einiges angestaut an den Alpen zwischen Österreich und hauptsächlich dem bayerischen Teil Deutschlands. Fahrverbote, Lkw-Blockabfertigungen, deutsche Grenzkontrollen mit Rückstaus, die wegen der erfolgreichen österreichischen Klage gescheiterte Ausländermaut in Deutschland – die Nerven liegen blank. Und in den geschundenen Alpen wachsen die Verkehrsprobleme immer weiter.

„Das war schon eine Notsituation“, sagt Tanja Gassner-Stadler über die Zeit bis zum vergangenen Sommer. Sie ist die Chefin des „Traditionshotels“ Krone mit angeschlossenem Restaurant. Das Haus liegt an der Durchgangsstraße in Matrei, keine zwei Kilometer von Mühlbachl entfernt. Not – das Wort hört man hier oft. Tirols Landeshauptmann Günther Platter von der konservativen ÖVP etwa nennt die Fahrverbote eine „Notmaßnahme“.

Die Hotelleiterin Gassner-Stadler setzt sich an einen freien Tisch in der Restaurantstube und erklärt ihre Sicht der Dinge, die durchaus zwiegespalten ist. „Wir wollen Gäste über mehrere Tage hier haben“, schließlich bemühe sich das Wipptal um sanften Tourismus, gerade in den Seitentälern könne man wunderbar wandern. Solche Urlauber bekommen die ruhigen Zimmer nach hinten raus. Allerdings meint die Frau mit dem blonden Pagenschnitt auch: „Wir leben vom Durchreiseverkehr.“ Die „Krone“ ist seit 570 Jahren in Familienbesitz, ohne den seit Jahrhunderten existierenden Nord-Süd-Verkehr würde es das Haus längst nicht mehr geben. Reisende halten hier an, essen, übernachten.

Ein Mann am Nebentisch schaltet sich ein wie gerufen und erzählt, dass er von Ludwigsburg auf der Durchreise in die Abruzzen sei, wo er in seinem Ferienhaus stets die Wintermonate verbringe. „In Matrei gehe ich gerne mittagessen.“ Gassner-Stadler meint: „Der Süden wird immer ziehen.“ Und damit auch zu Verkehr führen.

Im Sommer hatte die Tiroler Polizei an den Autobahnabfahrten große elektronische Anzeigetafeln postiert, die auf die Fahrverbote hinwiesen und Durchreisende aufforderten, auf der Trasse zu bleiben. So wird es nun wieder sein. Trotzdem hatten insgesamt 27 000 Pkw-Fahrer in drei Bezirken versucht, auf den Schleichweg zu gelangen. An den Landesstraßen waren „Checkpoints“ errichtet, wie Markus Widmann von der Tiroler Polizei in Innsbruck berichtet.

Die Beamten erklärten den Reisenden – „sehr viele aus Deutschland und aus Bayern“, so Widmann – das Fahrverbot und die Gründe dafür. „95 Prozent der Verkehrsteilnehmer waren sehr einsichtig.“ Sie befolgten die Anweisung, wieder auf die Stau-Autobahn zu fahren. Unverschämt auftretende Autofahrer und „Wiederholer“ haben aber Strafgeldbescheide von 25 bis 60 Euro kassiert, davon wurden 150 verteilt. Noch ist die Polizei dabei, das Navi-Problem in Zusammenarbeit mit den Herstellern zu beheben. Bei Stau empfehlen die Geräte immer wieder, auf die Landesstraßen auszuweichen, auch wenn dort das Fahrverbot herrscht. Viele Fahrer ignorieren die Tafeln am Fahrbahnrand und glauben ihrem Navi mehr.

Am Brenner gibt es elf Millionen Pkw- und drei Millionen Lkw-Fahrten pro Jahr, das sind täglich 40 000 im Schnitt. Bürgermeister Rastner merkt an: „Jedes Jahr fahren 80 000 Italiener nach München aufs Oktoberfest, und zwar immer am Wochenende.“

„Wir sind ein Gastland. Aber wir müssen uns schützen.“

In Mühlbachl hatten sie normalerweise 1000 Motorräder täglich als Durchgangsverkehr, an Pfingsten in diesem Jahr waren 3000 gezählt worden. „Ist auf der Autobahn Stau, dann fliehen die Fahrer auf die Bundesstraße. Die ist eine Stunde später zu, dann geht es auf die Landesstraßen.“ Sein Bürgermeisterkollege Paul Hauser aus Matrei merkt an: „Früher sind die Leute ein Mal im Jahr in die Ferien gefahren. Heute machen sie drei oder vier kürzere Urlaube, gerade viele Bayern in Italien.“

Vor den Fahrverboten sei es so gewesen, „dass der Notarzt nicht durchgekommen ist zu Sterbenden“, meint Hauser. „Wir sind weiterhin ein Gastland, aber wir müssen uns schützen.“ Er traf einmal auf eine Gruppe schimpfender Motorradfahrer. Mit ihnen suchte er das Gespräch und erklärte, warum die Anwohner nicht begeistert seien über das Geknatter von morgens bis abends: „Ich habe sie überzeugt.“ Den vergangenen Sommer mit den Fahrverboten empfand Hauser als „sehr erleichternd“.

„Wir im Wipptal sind tiefschwarz“, meint er über die Politik. Wie der Bürgermeister Rastner gehört auch er der ÖVP an. In Matrei seien acht der elf Gemeinderäte konservativ und drei bei der SPÖ. Die rechte FPÖ stellt keinen Vertreter, ebenso die Grünen. Auf Landesebene aber bilden ÖVP und Grüne eine Koalition. Für den Verkehr ist die Vizelandeshauptfrau und Grünen-Politikerin Ingrid Felipe zuständig. Sie beurteilt die Fahrverbote durchweg positiv: „Reisende, die Tirol nur durchfahren, um an ihr Ziel zu kommen, bleiben damit auf der dafür vorgesehenen Autobahn und landen nicht in engen Dorfstraßen.“

Bayerische Politiker locken die Touristen nun zu sich

Vor allem die CSU sieht sich aber in tiefem Streit mit Österreich. Neben den Fahrverboten empört sich Minister Scheuer auch über die Lkw-Blockabfertigungen an der österreichischen Seite am Grenzübergang Kiefersfelden/Kufstein. Diese seien „absolut inakzeptabel“. An verkehrsreichen Tagen lässt Österreich nur eine bestimmte Menge an Lkw ins Land, damit die Situation auf der Autobahn nicht völlig zusammenbricht. Die Folge: Staus auf deutscher Seite tief hinein nach Oberbayern.

Scheuer sieht damit EU-Recht verletzt, sein Haus bereitet eine Klage vor. Landeshauptmann Platter kontert in einem Interview in Anspielung auf das Mautdesaster: „Sie wollen klagen? Herzlich willkommen! Das wird die nächste schallende Ohrfeige.“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder rät derweil von Ferien in Österreich ab: „Offensichtlich ist es so, dass in Tirol die Straßen so überfordert sind, dass der Skiurlaub dort wenig Sinn macht.“ Er fragt: „Warum ungewollt in Österreich Geld lassen, wenn man in Bayern ein herzliches Dankeschön bekommt?“

Reinhold Rastner, 34, ist Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Mühlbachl – und Sohn des Bürgermeisters Alfons Rastner. So laufen manche familiären Bande im kleinen Wipptal. „Beim Stau sind wir gar nicht ins Feuerwehrhaus zum Einsatz gekommen“, erinnert er sich. „Und von dort wiederum nicht raus.“ Ein „Mordszeitverlust“ sei das gewesen, die Feuerwehren aus den Nachbargemeinden mussten dann einspringen, wenn sie besser an den Einsatzort gelangen konnten. Hochschwangere Frauen waren gewarnt: „Wenn es losgeht, sollten die nicht versuchen, mit dem Auto ins Krankenhaus zu kommen, sondern gleich den Hubschrauber alarmieren.“

Wissenswertes zu Sperrungen

Die Fahrverbote in Tirolgelten vom 21. Dezember bis zum Ostermontag 2020, das ist der 13. April, für Landes- und andere kleine Straßen. Sie beziehen sich nur auf Durchreisende. Wer dort wohnt, arbeitet oder Urlaub macht, darf die Straßen nutzen. Die Verbote gelten samstags von 7 bis 19 Uhr sowie sonntags und an Feiertagen von 8 bis 17 Uhr.

Betroffen sinddie Straßen nahe den Autobahnen in den drei Räumen Innsbruck, Reutte und Kufstein. Im Sommer gab es auch im Raum Salzburg Fahrverbote, für den Winter sind dort bisher keine vorgesehen.

So werden etwadie L211 (Unterinntalstraße, ab Kirchbichl in Fahrtrichtung Kufstein) und die
L7 (Jenbacher Straße, zwischen Lärchenwiese und Jenbach) für den Durchgangsverkehr gesperrt. 
Auf der Brennerstraße (B182), die parallel zur A13 (Brennerautobahn) verläuft, werden Dosierampeln den
Verkehr regulieren, ähnlich wie auf einigen Straßen rund um Kufstein. Im Bezirk Reutte sind die L69 und die L288 ab der Anschlussstelle Vils gesperrt.

Die Landesregierungin Tirol will so Staus und Behinderungen in kleinen Orten vermeiden – und nimmt dabei einen Verkehrsstreit mit Deutschland in Kauf. Insgesamt fallen die Regelungen aber nicht so umfangreich aus wie im Sommer.

Neben den Fahrverbotenan Wochenenden setzen die Tiroler an verkehrsreichen Tagen etwa auf eine Blockabfertigung von Lastwagen an der Grenze, was in Bayern oft zu Staus führt. Auch die Befreiung einiger grenznaher Autobahnabschnitte von der Maut soll kleine Orte in Tirol und in anderen Bundesländern entlasten – eine Maßnahme, die Pendlern und Skitouristen Vorteile bringt. (FR/dpa )

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