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Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin auf einem Luftbild vom 15. Dezember 2004. Das Holocaust-Denkmal nach einem Entwurf des US-Architekten Peter Eisenman wird am 10. Mai 2005 eingeweiht.
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Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin auf einem Luftbild vom 15. Dezember 2004. Das Holocaust-Denkmal nach einem Entwurf des US-Architekten Peter Eisenman wird am 10. Mai 2005 eingeweiht.

"So still wie die Menschen in Auschwitz"

Das Holocaust-Mahnmal soll das Grauen erahnen lassen / Eröffnung am 10. MaiMehr als anderthalb Jahrzehnte nach der ersten Initiative für ein Holocaust-Mahnmal steht das Werk nun in Berlin vor der Vollendung. Und wenn es nach dem Urheber Peter Eisenman geht, ist das Einzige, was das Mahnmal den Nachgeborenen sagen kann, dass es nichts sagen will.

Von VERENA SCHMITT-ROSCHMANN (BERLIN, AP)

Nach der Ankunft kam die Auswahl der Arbeitsfähigen unter den Todgeweihten. Dann die Desinfektion. Die Rasur des Kopfes. Das Eintätowieren der Nummer. "Ich war seither die Nummer 105613", erinnert sich der Auschwitz-Überlebende Alex Deutsch Jahrzehnte nach der Verschleppung in das Konzentrationslager, nach Hungerqual, Todesangst, vernichtenden Arbeitseinsätzen, der Ermordung von Frau und Kind. "Den Menschen mit dem Namen Alex Deutsch gab es nicht mehr."

Wie lässt sich erinnern an derartiges Grauen, 60 Jahre nach der Befreiung des Lagers und Hunderte Kilometer entfernt im demokratischen Berlin? Das offizielle Deutschland hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, hat sich in bewährter bundesrepublikanischer Selbsterforschung durch Grundsatzdebatten und Scheinargumente gequält.

Mehr als anderthalb Jahrzehnte nach der ersten Initiative für ein Holocaust-Mahnmal steht das Werk nun in Berlin vor der Vollendung. Und wenn es nach dem Urheber Peter Eisenman geht, ist das Einzige, was das Mahnmal den Nachgeborenen sagen kann, dass es nichts sagen will. "Es soll so still sein wie die Menschen in Auschwitz", sagt der Architekt. Aufs Äußerste abstrakt, entrückt, jeder Deutung unzugänglich hat Eisenman seinen Plan des Denkmals für die ermordeten Juden Europas angelegt. 2.711 Stelen aus hochverdichtetem grauen Beton, in unterschiedlicher Höhe auf 19.000 Quadratmetern welligem Grund: Wie eine von Riesenhand erschütterte Ordnung taucht das "wogende Feld" plötzlich vor flanierenden Touristen hinter der Baustelle der US-Botschaft und hinter dem Hotel Adlon auf - ein Wundmal im Herzen Berlins zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz.

"Ausmaß und Maßstab des Holocaust machen jeden Versuch, ihn mit traditionellen Mitteln zu repräsentieren, unweigerlich zu einem aussichtslosen Unterfangen", hat Eisenman einmal über seinen Entwurf gesagt. "Heute können wir die Vergangenheit nur durch eine Manifestation in der Gegenwart verstehen." Das Abstrakte soll Besucher einschüchtern. Im Labyrinth der bis zu 4,70 Meter hohen Quader sollen sie sich verloren fühlen, einen Moment lang erahnen, wie sich Millionen in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten gefühlt haben müssen. Vielleicht, ein klein wenig.

Erklärung des Unbeschreiblichen

Dem Deutschen Bundestag, der sich 1999 für die Realisierung von Eisenmans Idee entschied und knapp 28 Millionen Euro dafür bewilligte, reichte dies allerdings nicht ganz. Ein wenig Erklärung des Unbeschreiblichen soll schon sein, befanden die Parlamentarier, und beschlossen die Ergänzung des Stelenfelds um einen unterirdischen Ort der Information. Auf rund 800 Quadratmetern soll dort das Abstrakte doch wieder konkret werden. Mit möglichst vielen Namen von ermordeten Juden sollen Besucher konfrontiert werden, mit exemplarischen Lebens- und Familiengeschichten, mit Hinweisen auf die "authentischen Stätten des Gedenkens".

Nach der Vollendung des Stelenfelds mit dem symbolischen Setzen des letzten Quaders Mitte Dezember ist es dieser Ort der Information am südöstlichen Ende des Geländes, an dem nun noch fieberhaft gearbeitet wird. Die Ausstellung sei fertig konzipiert, sagt ein Sprecher der Mahnmal-Stiftung. Nun gehe es um die technische Umsetzung, teils mit traditionellen, teils mit neuen multimedialen Mitteln. Bis zur geplanten Eröffnung des Mahnmals am 10. Mai - 60 Jahre nach Kriegsende - werde alles fertig, und zwar im Rahmen der geplanten Kosten, sind sich die Macher sicher.

Dann finden sich dort vielleicht Schicksale wieder wie die des Berliner Juden Alex Deutsch, Sohn des kaisertreuen Schneiders Josef Deutsch, verschleppt nach Auschwitz am 27. Februar 1943, geknechtet im Arbeitslager Auschwitz-Monowitz im Auftrag der IG Farben. Der Hass auf die Mörder seiner Frau und seines zweieinhalb Jahre alten Sohns, die noch vor seiner Ankunft in den Gaskammern des Vernichtungslagers starben, habe ihn am Leben erhalten, schreibt er in seinen Erinnerungen. "Wer verzweifelte, starb. Ich aber wollte leben, überleben. Jeden Morgen hoffte ich, den Abend zu erleben. Jeden Abend hoffte ich, den Morgen zu erleben." Für ihn fand das Grauen nach der Verlegung aus Auschwitz nach Westen am 20. April 1945 in Halberstadt ein Ende.

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