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Stichwahl zwischen Macron und Le Pen in Frankreich: „Die meisten jungen Menschen sind völlig desillusioniert“

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Von: Sabine Hamacher

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„On en a marre“: Frankreichs Jugend hat genug. Thomas Coex/afp
„On en a marre“: Frankreichs Jugend hat genug. Thomas Coex/afp © AFP

Zwei französische Studierende sprechen im Interview über die Präsidentschaftswahl, ihre Wut auf Emmanuel Macron und darüber, warum sie ihn nicht als „kleineres Übel“ wählen wollen.

Am Sonntag entscheidet sich das Präsidentschaftsrennen in Frankreich in der Stichwahl zwischen Amtsinhaber Emmanuel Macron und der rechtsextremistischen Marine Le Pen. In der ersten Runde holte Macron 27,84 Prozent der Stimmen, Le Pen bekam 23,15 Prozent. Dritter wurde der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon mit 21,95 Prozent; ihn wählten mehr als 40 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Mélenchons Wählerschaft kommt nun nach Einschätzung von Fachleuten bei der Stichwahl eine entscheidende Rolle zu. Der 70-Jährige hat dazu aufgerufen, nicht Le Pen zu wählen, sprach aber keine Empfehlung für Macron aus. Viele gerade der sehr jungen Wählerinnen und Wähler planen, eine ungültige Stimme („vote blanc“) abzugeben.

Frau Lacroix, Herr Emeric, Sie wollen in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl weder Macron noch Le Pen, sondern „blanc“ (weiß) wählen. Warum bleiben Sie nicht einfach zu Hause, sondern machen sich die Mühe, einen Stimmzettel auszufüllen?

Cyprien Emeric: Bis vor kurzem hatte ich noch vor, gar nicht wählen zu gehen. Ich wollte diese Wahl in keiner Weise unterstützen und mich weigern, ein System am Leben zu erhalten, das ich als „republikanische Monarchie“ bezeichne und für sehr fragwürdig halte. Aber gar nicht zu wählen ist immer noch sehr verpönt, da kommt dann immer die Ansage: „Wenn du nicht wählen gehst, beschwere dich hinterher auch nicht.“ Was ich im Übrigen verstehe. Die Medien interessieren sich zwar mehr für diejenigen, die gar nicht wählen, aber auch die sogenannte weiße Stimme ist eine Form von Protest gegen das System.

Lou Lacroix: Das Wählen ist mir als staatsbürgerliche Handlung sehr wichtig – auch wenn es die bewusste Abgabe eines ungültigen Stimmzettels bedeutet. Ich möchte damit zeigen, dass ich beide Alternativen im zweiten Wahlgang ablehne. Das soll aber nicht als Desinteresse an der Politik verstanden werden, wie es bei einer Enthaltung der Fall sein könnte.

Warum können Sie sich nicht dazu durchringen, für das „kleinere Übel“, also Emmanuel Macron, zu stimmen, um Marine Le Pen zu verhindern?

Lacroix: Emmanuel Macron zu wählen, würde für mich bedeuten, gegen meine Prinzipien und Werte zu stimmen. Das bringe ich nicht über mich. Genauso wenig wie ich mich an der Wahl von Marine Le Pen beteiligen möchte, möchte ich zu seiner Wahl beitragen.

Emeric: Fünf Jahre lang war Emmanuel Macron das Trittbrett für Marine Le Pen. In den Medien und in der Gesellschaft waren rechtsextremistische Ideen noch nie so präsent. Macron und seine Regierung haben nicht nur nichts getan, um diese Verharmlosung zu bremsen, sondern sie haben sich aktiv daran beteiligt. Deshalb ist das Duell zwischen Le Pen und Macron nur die logische – und vielleicht sogar vom aktuellen Präsidenten erhoffte – Folge dieser Politik. Und jetzt soll die extreme Rechte verhindert werden, indem man für denjenigen stimmt, der sie befeuert hat? Dieses Spiel mache ich nicht mit. Je besser Emmanuel Macron im zweiten Wahlgang abschneidet, desto stärker kann er sich legitimiert fühlen. Das gestehen ihm viele nicht zu, und dazu gehöre auch ich.

Sie riskieren damit, dass Le Pen Präsidentin wird – die Chefin einer nationalistischen, rechtsextremistischen Partei mit großer Nähe zu Putins Russland. Ist das – gerade in Zeiten des Ukraine-Kriegs – nicht eine gefährliche Entscheidung, die im schlimmsten Fall eine weitere Spaltung Europas zur Folge hätte?

Emeric: Ein Sieg von Marine Le Pen ist alles andere als wünschenswert, das ist klar, und wer weiß, welche Folgen er haben könnte. Aber ich weigere mich, in die Falle dieser vermeintlich zwingenden Logik zu tappen. Man kann mir das vorwerfen, das weiß ich, aber so funktioniert eine Wahl einfach nicht. Der nächste entscheidende Termin sind die Parlamentswahlen im Juni. Das wird die Gelegenheit sein, Marine Le Pen Steine in den Weg zu legen, falls sie unglücklicherweise zur Präsidentin gewählt werden sollte. Aber ich glaube nicht, dass ich in diesem Fall irgendwelche Schuldgefühle haben müsste.

Lacroix: Ich setze auf die Gegenkräfte, die eine zu große Machtkonzentration verhindern können. Deshalb ist es so wichtig, sich an den Parlamentswahlen zu beteiligen.

Zur Person

Lou Lacroix (links, 20 Jahre) und Cyprien Emeric (19) studieren am Institut d’Ètudes Politiques Aix-en-Provence. Wie viele andere junge Französinnen und Franzosen haben beide im ersten Wahlgang Jean-Luc Mélenchon gewählt und wollen am Sonntag eine ungültige Stimme abgeben. sha

Warum stößt Macron gerade bei jungen Menschen auf so vehemente Ablehnung? Immerhin hat er es zum Beispiel geschafft, die Arbeitslosigkeit zu verringern.

Lacroix: Was die Arbeitslosenquote betrifft, ist seine Bilanz zwar recht positiv, aber in vielen anderen Bereichen ist das nicht der Fall. Da fällt mir als erstes sein Plan ein, die Universitäten kostenpflichtig zu machen.

Emeric: Die Themen, die den Jungen am meisten am Herzen liegen, sind weniger die Arbeitslosigkeit als vielmehr die Umwelt oder eben die prekäre Lage der Studierenden. In dieser Hinsicht war die fünfjährige Amtszeit Macrons katastrophal. Die Bildungspolitik war so realitätsfremd wie selten zuvor, und der Bürgerkonvent zum Klimaschutz kam mir vor wie eine einzige Farce.

Was genau stört Sie?

Emeric: Wir haben den Eindruck, dass wir ständig über den Tisch gezogen und für dumm verkauft wurden. Die Jungen haben die Verachtung, die Abgehobenheit und die Absurdität, die diese Amtszeit geprägt haben, mit voller Wucht zu spüren bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass Macron soziale Errungenschaften infrage gestellt und den öffentlichen Diskurs nach rechts gerückt hat. Die meisten jungen Menschen sind völlig desillusioniert und verzweifelt, weil sie das Gefühl haben, dass man ihnen ihre Zukunft stiehlt.

Jean-Luc Mélenchon ist in der ersten Runde ausgeschieden. Warum kommt er besonders bei jungen Wählerinnen und Wählern so gut an?

Emeric: Ich glaube, dass er für viele eine Art „Licht am Ende des Tunnels“ verkörpert hat. Er hat die notwendige Reform eines institutionellen und politischen Systems in Aussicht gestellt, in dem wir uns nicht mehr wiederfinden.

Lacroix: Mélenchons Programm war im Gegensatz zu dem von Macron sozial und umweltfreundlich.

Emeric: Er hat eine umfassende Vision. Allerdings darf man nicht vergessen, dass viele von uns vor allem deshalb für Mélenchon gestimmt haben, weil er von allen Linken die besten Chancen hatte und auch der einzige war, bei dem sich eine echte Dynamik entwickelt hat. Ich selbst fühle mich und meine Werte eigentlich viel besser von dem Grünen Yannick Jadot vertreten, aber diese Wahl war einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um dessen Partei EELV zu wählen.

Interview: Sabine Hamacher

Lou Lacroix.
Lou Lacroix. © privat
Cyprien Emeric.
Cyprien Emeric. © privat

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