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Das Sterben der Pyramiden

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Von: Martin Gehlen

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An den Ausgrabungsstätten sind Arbeiter mit den türkisblauen Schubkarren des Katar-Programmes unterwegs.
An den Ausgrabungsstätten sind Arbeiter mit den türkisblauen Schubkarren des Katar-Programmes unterwegs. © Katharina Eglau

Ist das Kulturerbe des Sudans noch zu retten? Finanzspritzen aus Katar und Expertise aus Deutschland sollen helfen. Doch in Khartum fehlen politischer Wille und Wissen um den eigenen kulturellen Reichtum.

Vor einiger Zeit gab es in Kairo eine ganz besondere Premiere. Zum ersten Mal trafen sich führende Archäologen aus Ägypten und dem Sudan zu einer dreitägigen Konferenz, um sich über die Lage ihrer Zunft auszutauschen. Seit Jahrtausenden ist das Verhältnis von Ägypten und Sudan von Rivalität geprägt. Ägypten mit seinen Pyramiden, dem Tal der Könige, den imposanten Tempeln war stets die mächtigere und berühmtere Macht am Nil, die auf die südlichen Nachbarn Kush und Nubien herabschaute. Gerne wurden deren Bewohner mit wulstigen Lippen und niedriger Stirn dargestellt, die gefesselt im Staub liegen. Nur einmal – 730 vor Christi – konnten die Nubier den Spieß umdrehen und drei Generationen lang Ägypten beherrschen, als die sogenannten schwarzen Pharaonen der 25. Dynastie. Die meiste Zeit jedoch stand der Sudan im Schatten des großen Nachbarn im Norden, ein Gefälle, das bis heute spürbar ist – auch in der Archäologie.

Und so waren die Poster von den sudanesischen Kulturorten, die während der Konferenz im Foyer des Kairoer Antikenministeriums ausgestellt waren, eher ein großer Wunschkatalog, als eine stolze Präsentation wissenschaftlicher Erfolge. „Es fehlen Strategien zum Schutz und zum Management des Ausgrabungsgeländes“, hieß es unter fast jedem Text. Und in der Tat, wer die antiken sudanesischen Stätten entlang des Nils abfährt, findet kaum ein ordentliches Hinweisschild oder eine Infotafel für Besucher. Die kleinen Museen stauben und dämmern vor sich hin. Touristen kommen nur selten vorbei, weil Sudan nichts tut, um den paar tausend Kulturinteressierten im Jahr das Reisen zu erleichtern. Gleichzeitig wird nach der Sezession des ölreichen Südsudan 2011 die wirtschaftliche Lage des Nordens immer desolater. Die Währung verfällt.

Gegen Staatschef Omar al-Bashir liegt ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag vor, wegen des Verdachts auf Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die USA verhängten Sanktionen. Europa leistet keine direkte Entwicklungshilfe. Westliche Beobachter schätzen, dass mittlerweile 60 bis 75 Prozent des Staatshaushaltes für Militär, Polizei und Geheimdienste drauf gehen und damit für den Schutz des Regimes. Für den Schutz des antiken Erbes dagegen ist kaum etwas übrig. Obendrein steht an der Spitze des zuständigen Ministeriums für Altertümer, Tourismus und Tierwelt mit Mohammed Zeid Mustafa ein islamistischer Hardliner, der weder etwas von vorislamischer Geschichte hält, noch allzu viele Ausländer durch seine Heimat fahren sehen will. Trotzdem erlebte die sudanesische Archäologie in den letzten drei Jahren einen ungewöhnlichen Aufschwung – dank eines plötzlichen Geldsegens aus dem Golfstaat Katar. Dessen superreicher Herrscher-Clan hatte im Sommer 2013 nach dem Sturz des ägyptischen Muslimbruder-Präsidenten Mohammed Mursi seinen Einfluss in Ägypten verloren und drohte im Nahen Osten in die Rolle des Außenseiters zu geraten. Und so sagte Katar dem südlichen Rivalen Ägyptens die Summe von 135 Millionen Dollar für 40 Projekte zu, mit denen fünf Jahre lang das kulturelle Erbe Sudans erforscht und geschützt, sowie das Nationalmuseum in Khartum renoviert werden sollen. Politisch schlug Doha damit zwei Fliegen mit einer Klappe. In der arabischen Welt zog man den Sudan auf seine Seite und in der kulturellen Welt machte man positive Schlagzeilen.

„Die Gelder sind sehr großzügig“, urteilt die Berliner Wissenschaftlerin Cornelia Kleinitz. Zusammen mit zwei Dutzend Fachkräften vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) arbeitet sie auf der Insel Meroe, wo sich die Königsstadt mit dem Pyramidenfeld sowie die beiden liturgischen Zentren Naqa und Musawwarat befinden. Neben Gebel Barka, dem Heiligen Berg am Ufer des Nils, ist dieses 2400 Jahre alte Ensemble das zweite Weltkulturerbe des Sudan. Zehn Jahre lang lag hier alles brach. Das Grabungshaus der Sudanesen war verfallen. „Die meisten Türen zu den Grabkapellen der Pyramiden (...) waren kaputt oder verschwunden, die Fußwege für Besucher von Sanddünen bedeckt“, bilanzierten die deutschen Archäologen 2013 nach ihrer Ankunft.

Inzwischen ist der Zaun um das Areal repariert, Ende Januar wurde ein neuer Besuchereingang mit Schautafeln eingeweiht. Und überall sind die türkisblauen Schubkarren des Katar-Programmes im Einsatz, obwohl auch dessen Geldfluss zwischenzeitlich stockte. 2013 und 2014 überwies das Emirat die angekündigten Summen, 2015 dagegen plötzlich gar nichts mehr, zum Glück ließen sich die Arbeiten mit Restmitteln aus den beiden Vorjahren überbrücken. Für 2016/2017 kam dann wieder Geld, allerdings spürbar weniger. Denn auch der märchenhaft reiche Golfstaat kämpft mit dem Verfall der Rohöl- und Gaspreise und muss gleichzeitig die dreistelligen Milliarden-Investitionen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 stemmen.

Auf sudanesischer Seite in Meroe zuständig ist Antikeninspektor Mahmud Suliman Bashir, einer von nur sieben einheimischen Spezialisten, die das gesamte historische Erbe des drittgrößten afrikanischen Landes im Blick behalten müssen. Der 45-jährige Familienvater hat in Norwegen an der Universität Bergen promoviert. Seine Kommilitonen nannten ihn den „Eisenmann“, weil er über die antike Eisenproduktion forscht, als Meroe das „Ruhrgebiet“ des alten Nubiens war. Jeden Tag kurz nach Sonnenaufgang erscheinen seine lokalen Helfer aus den umliegenden Dörfern auf dem Gelände, ihr Schwatzen ist über dem gesamten Plateau zu hören. Einer der herumliegenden Quader nach dem anderen wird freigelegt, fotografiert und katalogisiert, um sie später in einem Depot zu schützen.

Denn keine der kantigen, steilen Pyramiden ist noch unbeschädigt. Als vor 170 Jahren der preußische Ausnahmegelehrte Richard Lepsius hierher kam, besaßen manche der dunkelroten Steinriesen noch ihre Spitzen. Heute stehen sie alle geköpft da. Hauptschuldig für das Zerstörungswerk ist der italienische Arzt und Hobbyarchäologe Giuseppe Ferlini. Er fand 1834 unter der Pyramide der nubischen Königin Amanischacheto einen Grabschatz aus goldenen Armbändern, Ketten, Colliers und Siegelringen, den er nach Europa schmuggelte. Ein Großteil ist heute in den Ägyptischen Museen von München und Berlin zu sehen. Um seine Plünderer-Konkurrenten in die Irre zu führen, behauptete Ferlini damals, die Juwelen seien in der Pyramidenspitze eingemauert gewesen.

Heute sind es nicht mehr die Grabräuber, sondern Sand und Unwissen, die dem einzigartigen Erbe zusetzen. Reiche Sudanesen aus dem 200 Kilometer entfernten Khartum nutzten die antike Kulisse für Picknicks und Familienfeste. An Neujahr tummeln sich schon mal 5000 Menschen hier, klettern auf den Ruinen herum oder verewigen sich in dem rotbraunen Sandstein. Die wenigsten der Feiernden wissen, an welch einzigartigem Ort sie sich befinden. Denn der Geschichtsunterricht in Sudans Schulen beginnt in der Regel mit dem Jahr 1821, der Eroberung durch Ägypten und das Osmanische Reich. Das Meiste davor liegt in den Köpfen im Dunkeln.

Sand als Gefahr

Die größte Bedrohung für Meroe jedoch ist der Wüstensand. Vor 50 Jahren gab es hier noch keine Wanderdünen, jetzt fressen sie sich immer weiter in die Nekropole hinein, wo dreißig Könige und acht Königinnen begraben liegen. Vor allem die meterhohen Sandwirbel, die der Wind durch die Monumente treibt, schmirgeln die Reliefs ab und zerstören sie. Ein paar Ziegelmauern und eine Baggeraktion der deutschen Archäologen brachten zwar Atempausen. Nach einigen Monaten jedoch war vieles wieder kritisch.

Im Rahmen des Katar-Programms erarbeitete jetzt erstmals ein britischer Umweltexperte eine langfristige Rettungsstrategie. Um die Erosion zu stoppen, müssen in den nächsten Jahren die angrenzenden Wadis aufgeforstet und kultiviert werden, ein kostspieliges und langfristiges Unterfangen. Die Finanzspritze vom Golf reicht bestenfalls für die erste Etappe, dann müsste der sudanesische Staat die Kosten und die Verantwortung übernehmen. Doch danach sieht es bisher nicht aus. Denn Khartums Altertumsminister und Islamist Mohammed Zeid Mustafa kann sich aus ideologischen Gründen für das berühmteste Denkmal seines Landes einfach nicht erwärmen. Viele Jahre lang hat er jeden Besuch vermieden. Erst vor einigen Wochen war er das erste Mal dort. Aber nur, weil der angereiste Generalsekretär der UN-Weltorganisation für Tourismus dieses Menschheitserbe sehen wollte.

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