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Sterben für Brot

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Von: Peter Rutkowski

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Die Kriegsgräuel mehren sich. Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj ordnet eine tägliche Gedenkminute an.

Der Chefpropagandist im Kreml ist weit weg vom Frontgeschehen in der Ukraine: „Der Westen wird es nicht schaffen, globale Dominanz zu erlangen“, wurde Wladimir Putin am Mittwoch zitiert, Tag 21 seines Krieges zur vermeintlichen Rekonstruktion eines russischen Reiches. Zum Kontrast: Im umkämpften Tschernihiw im Nordosten des Landes standen an diesem Tag zehn Menschen vor einer Bäckerei um Brot an. Dann schoss die russische Artillerie.

Am Abend trafen dann russische Raketen offenbar auch ein Theater in der Hafenstadt Mariupol, in dem sich „Hunderte unschuldiger Zivilistenversteckt haben“, twitterte Außenminister Dmytro Kuleba.

Da darf es nicht verwundern, dass der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, in die Ukraine gereist ist. Er sollte Vorwürfen russischer Kriegsverbrechen nachgehen und auch schauen, ob am russischen Vorwurf des „Genozids“ an Russischsprachigen dort was dran ist.

Nach einer Videokonferenz mit Präsident Wolodymyr Selenskyj ließ Khan wissen: „Wir sind uns einig, dass alle Anstrengungen nötig sind um sicherzustellen, dass das internationale humanitäre Recht respektiert wird, und um die zivile Bevölkerung zu schützen.“

Dieser Schutz aber wird nun immer mehr Wunschdenken. Daran wird wohl auch der Aufruf des Internationalen Gerichtshofs der UN zum sofortigen Ende der russischen Gewalt in der Ukraine nichts ändern.

Am Mittwochnachmittag wurde allein an 13 Orten Alarm gegeben, weil russische Raketen einschlagen könnten oder Kampfbomber gesichtet wurden. Russische Kriegsschiffe beschossen vier Dörfer an der Schwarzmeerküste südwestlich von Odessa. Charkiw liegt unter kontinuierlichem Beschuss, russische Panzer feuern im eingeschlossenen Mariupol in Wohnhäuser. In Berditschew wurden am Morgen zwei Menschen verletzt, als russische Bomben fielen. In Saporischschja, wohin sich Menschen aus Mariupol durch die unsicheren „humanitären Korridore“ haben retten können, feuerte an diesem Tag erstmals russische Artillerie hinein.

Im Kiewer Stadtteil Browary gingen drei PKW in Flammen auf durch Granatenbeschuss. In mehreren westlichen Vororten der ukrainischen Hauptstadt gab es wieder heftige Gefechte.

Die Propaganda aus Moskau dürfte bei den fortlaufenden Verhandlungen von Ukrainern und Russen irgendwo in Belarus oder im Netz nicht viel diplomatische Bewegung erbracht haben. Aber immerhin: Russlands Außenminister Sergej Lawrow sieht Chancen auf einen Kompromiss bei den Verhandlungen zwischen Moskau und Kiew. Die Gespräche seien aus offensichtlichen Gründen nicht einfach. „Dennoch besteht eine gewisse Hoffnung, einen Kompromiss zu erzielen“, sagte Lawrow am Mittwoch heimischen Medien. Es gebe bereits konkrete Formulierungen, „die meiner Meinung nach kurz vor der Einigung stehen“. Dabei geht es Lawrow zufolge darum, dass sich die Ukraine für neutral erklären soll. Dieses werde nun „ernsthaft diskutiert, natürlich in Verbindung mit Sicherheitsgarantien“. Auf das Wort „Neutralität“ haben sich die russischen Unterhändler nach und nach kapriziert. Die Vokabel „Sicherheitsgarantien“ halten ihre ukrainischen Gesprächspartner dem entgegen.

Konkret: Da just am Mittwoch auch Großbritanniens Premierminister Boris Johnson nochmal versichert hat, dass eine baldige Aufnahme der Ukraine in die Nato kein Gesprächsthema ist, wäre eine vor allem nach Moskau hin gesicherte Neutralität der Ukraine ein wünschenswertes Ziel. Eine etwaige mittelfristige Anbindung an die EU ist da nicht ausgeschlossen.

Und wie als Fingerzeig erscheint es da, dass an diesem 16. März 2022 das ukrainische Energienetz an das Europas angeschlossen wurde. Durch die Synchronisierung der ukrainischen und der moldawischen Netze ist damit die elektrische Versorgung der Ukraine gewährleistet. Das wird im Land als ein Schritt nach Westen gefeiert.

Aus der westlichen Welt gehen kontinuierlich zivile und militärische Hilfslieferungen in Richtung Ukraine. Aus übernommenen Sowjet-Beständen wurden diverse Typen von Boden-Luft-Raketen auf den Weg gebracht.

Die zehn, die in Tschernihiw Brot kaufen wollten, macht das nicht mehr lebendig. Präsident Selenskyj hat nun eine tägliche Schweigeminute für die Opfer des russischen Krieges angeordnet: Jeden Morgen um 8 Uhr mitteleuropäischer Zeit „werden wir der Ukrainer gedenken, die ihr Leben gaben“. Soldaten wie Zivilpersonen. „Alle, die noch leben könnten, wenn Russland diesen Krieg nicht begonnen hätte.“ (mit afp/dpa)

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