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In Umfragen liegen Stephan Weil und seine SPD knapp vorn.

Niedersachsen-Wahl

Stephan Weil soll die SPD-Talfahrt beenden

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Die Wahl in Niedersachsen beginnt. Sollte Ministerpräsident Stephan Weil sie gewinnen, wäre das ein wichtiger Motivationsschub für die SPD. Doch wofür steht der Spitzenkandidat eigentlich?

Ein Mann mit grauen Haaren und im schwarzen Sakko ist ganz nah an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil herangetreten. Er habe keine Frage, sondern eine Bitte und eine Einladung, sagt Wilhelm Laaf, Chef des Kreissportbundes in Peine. Die Bitte: mehr Geld für den Sport. Und: „Ich möchte Sie einladen, im nächsten Jahr ihr Sportabzeichen in Peine zu machen.“ Das habe schon einmal ein niedersächsischer Ministerpräsident getan, „der dann die Karriereleiter aufgestiegen ist: zum Bundeskanzler und zum Aufsichtsratsvorsitzenden einer russischen Firma“, sagt Laaf. Gemeint ist, natürlich, Gerhard Schröder.

„Also, ich denke, du musst nicht alle Punkte dieser Karriereleiter erklimmen“, sagt die Moderatorin von der Peiner SPD, die durch das Bürgergespräch Weil in der Fußgängerzone führt. „Ach, ich soll nur Aufsichtsratsvorsitzender werden?“, scherzt Weil. Gelächter und Applaus im Publikum.

Die Landtagswahl am Sonntag in Niedersachsen ist eine besondere – aus drei Gründen. Erstens findet sie unter außergewöhnlichen Umständen drei Monate früher statt als geplant. Die Grünen-Abgeordnete Elke Twesten – enttäuscht, weil ihre Partei sie nicht noch mal zur Wahl aufstellen wollte – ist im August zur CDU gewechselt. Damit war die Ein-Stimmen-Mehrheit von Rot-Grün im Landtag verloren. Twesten selbst soll gegenüber Grünen gesagt haben, sie habe ein unmoralisches Angebot erhalten. Das Klima zwischen SPD und CDU, in Niedersachsen ohnehin schlecht, ist seitdem unterirdisch.

Zweitens wird ein sehr knappes Rennen erwartet. Die niedersächsische SPD, die im August in Umfragen zwölf Prozentpunkte hinter der CDU lag, hat gegen den Bundestrend stark aufgeholt. Drittens könnte damit Stephan Weil – dieser nüchterne, oft unscheinbar wirkende 58-Jährige – zu einem sehr einflussreichen Mann in der SPD werden, die sich nach ihrem historisch schlechten Bundestagswahlergebnis wieder selbst finden muss.

Weil bringt mit seinen Reden keine Halle zum Beben. Der niedersächsische Ministerpräsident ist kein Charismatiker, aber er kann gut auf Menschen zugehen. Er lächelt einladend, als er in Peine durch die Fußgängerzone läuft und rote Rosen verteilt – flankiert von Jusos in roten Kapuzenpullovern, aber auch von alten Herren, von denen einer eine Krawatte mit dem Aufdruck „SPD Sechzig Plus“ trägt. Weil kommt keinem der Passanten nahe, lässt sich aber umarmen, wenn Menschen das wollen. Das sind meist ältere Frauen. Zwei Männern in den Fünfzigern, die keine rote Rose haben wollen, sagt er: „Doch. Für Sie auch. Wir Jungs müssen zusammenhalten.“ Der eine schaut etwas verdutzt, der andere grinst. Beide nehmen die Rose.

Wofür steht Weil inhaltlich? Er selbst sieht sich als Linken mit Grundsätzen, aber auch als Pragmatiker. Weil ging in die neunte Klasse, als er wie so viele wegen Willy Brandt seine Zuneigung zur SPD entdeckte. Der 58-Jährige erinnert sich bis heute noch gut an den 27. April 1972, den Tag des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt. Um sich die Debatte dazu im Fernsehen anzuschauen, schwänzte Stephan Weil damals das erste Mal in seinem Leben die Schule – mit Erlaubnis seiner Mutter.

Im Jahr 1980 trat Weil dann als Jura-Student in Göttingen in die SPD ein. Erst viele Jahre später erfuhr er, dass er bei den Jusos dort einen Spitznamen hatte: Helmut Schmidt. Damals hat sich niemand getraut, ihm den ins Gesicht zu sagen. Denn Anfang der 80er war das nicht unbedingt ein Ehrentitel. Weil führt seinen Spitznamen heute darauf zurück, dass er schon damals ein Pragmatiker gewesen sei. „Die anderen schrieben für die Wahlzeitung zu den AStA-Wahlen nicht enden wollende Artikel über die spätkapitalistische Krise. Ich dagegen habe mich um die Karikaturen in der Wahlzeitung gekümmert“, sagt Weil. Er setzt süffisant hinzu: „Ich glaube, die interessierten auch mehr Leute.“

Weil sitzt in einem schwarzen Kleinbus zurück von Peine nach Hannover, während er all das erzählt. Der Bus ist natürlich ein VW. Also ein Produkt jenes Konzerns, der dem Land Niedersachsen zum Teil gehört. Und der mit dem Skandal um Manipulationen zur Umgehung von Abgaswerten weltweit Verbraucher vor den Kopf gestoßen hat. Weil sitzt als oberster Landespolitiker im Aufsichtsrat des Konzerns. Als Ministerpräsident muss er einerseits den vielen Niedersachsen eine Stimme geben, die enttäuscht über den Konzern sind. Gleichzeitig muss er alles tun, um Arbeitsplätze bei VW und bei Zulieferern zu schützen.

Als sich abzeichnete, dass es wegen des Wechsels der Grünen Twesten zu vorzeitigen Neuwahlen kommt, berichtete die „Bild am Sonntag“ darüber, dass Ministerpräsident Weil eine Regierungserklärung an VW zum Gegenlesen gegeben hatte. Die Opposition aus CDU und FDP kannte den Vorgang schon länger und hatte ihn vorher nicht öffentlich zum Thema gemacht. Dem Ministerpräsidenten ging es nach eigenen Angaben darum, dass – in einer kniffligen Situation für den Konzern, an dem das Land beteiligt ist – vorab Fakten und rechtliche Fallstricke geprüft wurden. Die CDU hatte in ihrer Regierungszeit auf ähnliche Art mit VW kooperiert. Weil sprach deshalb von einer Wahlkampfintrige, als der Vorgang öffentlich wurde.

Der Wechsel Twestens und der Streit um VW waren zwei entscheidende Faktoren, warum das TV-Duell in Niedersachsen – anders als jenes zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz – nicht zum Wattebäuschen-Werfen geriet. Es ging hart zur Sache. Bei den Themen Bildung, Straßenbau und innere Sicherheit hob Weil hervor, wie viel investiert worden sei. Sein CDU-Herausforderer Bernd Althusmann sah hingegen viele Mängel. Beim Thema VW hielt Althusmann Weil vor: „Sie haben von allem angeblich immer nur aus der Zeitung erfahren.“ Weil konterte: „Sie überblicken wirklich nicht die Dinge, über die Sie da reden. Da mache ich ihnen keinen Vorwurf, das ist ja auch komplex.“ Althusmann erwiderte: „Na, vielen Dank.“

Während CDU und SPD in Umfragen in der Schlussphase eng beieinander liegen, hat Weil – nicht ungewöhnlich für einen Amtsinhaber – die deutlich besseren persönlichen Werte. Auf der hinteren Tür seines Wahlkampfbusses ist ein großes Bild des Ministerpräsidenten. „Weil. Sturmfest und stark“, so steht es in weißen Großbuchstaben quer über die ganze Wagenseite gezogen. Wenn Weil keine Reporter im Wahlkampfbus mitnimmt, liest er oft auf den weiten Strecken im Flächenland. Jede Woche hat er ein neues Buch in der Hand. Denn, so erzählt es der Ministerpräsident: er geht seit Jahrzehnten in denselben Buchladen. Der Chef dort habe auf seinem Smartphone einen kleinen Ordner mit Lesetipps extra für ihn – „was für mich den Vorteil hat, dass ich nicht immer bei den Autoren stehen bleibe, die ich schon kenne“.

Weil hört gern Rockmusik, ganz besonders Bruce Springsteen. Es sei unglaublich, wie der es schaffe mit Zehntausenden Menschen Clubatmosphäre herzustellen. „Springsteen ist ein Motivator mit seiner Musik“, sagt Weil. „Mir gefällt, dass er Songs aus dem Alltag von normalen Leuten erzählt.“

Könnte Weil, falls es mit dem Wahlsieg klappt, selbst ein neuer Motivator für die SPD werden, zum Beispiel als stellvertretender Parteivorsitzender? Weil lacht – weil er dies so oft gefragt wird in diesen Tagen. Er gibt immer wieder dieselbe Antwort: „Sollte ich gewinnen, dann wird mein Wort in der SPD zählen – völlig unabhängig davon, ob ich ein Parteiamt habe oder nicht.“ Gleichzeitig dürfte er realistisch genug sein zu wissen, dass es ganz anders sein wird, wenn er verliert. Weil ist vergleichsweise spät Berufspolitiker geworden, er hat vorher als Staatsanwalt und Richter gearbeitet. „Ich habe nie Politik gemacht, um Karriere zu machen“, sagt er. Zumindest kann man sich vorstellen, dass er zu denen gehört, die auch noch etwas anderes mit ihrem Leben anzufangen wüssten.

Ein Sieg von Weil könnte übrigens genau das verhindern, was er mit Nachdruck einfordert: eine gründliche und kritische Bestandaufnahme bei der Bundes-SPD. Denn dann könnte sich womöglich wieder das Gefühl in der SPD oder zumindest bei vielen Parteifunktionären verbreiten, die Lage sei doch gar nicht so schlimm. Doch Weil warnt: „Wenn das auf die lange Bank geschoben wird, darf man mit Widerspruch aus Niedersachsen rechnen.“

Der SPD-Politiker beugt sich in seinem Sitz im Wahlkampf-Bus weit nach vorn, während er sagt: „Es besteht immer die Gefahr, dass jeder Einzelne in den Spiegel guckt, das Gesehene für gut befindet und das dann für eine Analyse hält.“ Er empfehle der Partei, sich vor allem auch von Partnern aus der Gesellschaft beraten zu lassen. Es gehe um Bürgerbeteiligung, aber auch darum, das Internet mehr für die innerparteiliche Diskussion zu nutzen. „Ein Patentrezept für die Neuausrichtung der SPD habe ich aber natürlich nicht“, gibt er zu.

Dann hat der Wahlkampf-Bus die Staatskanzlei in Hannover erreicht. Hier hat Weil ein wenig Zeit, bevor es weiter zu den Abendveranstaltungen geht. Leider hat er einen kleinen Kaffeefleck auf dem Hemd – und kein weiteres mehr im Büro auf Vorrat. Also noch mal nach Hause fahren? Oder ein Hemd bringen lassen? Nein. Weil wird an diesem Abend einen Schal tragen. Eine pragmatische Lösung.

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