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Will Präsidentin werden: Julia Timoschenko.

Julia Timoschenko

Die Stehauffrau der Ukraine

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Krisen sind ihr Lebenselixier: Julia Timoschenko mischt wieder einmal die ukrainische Politik auf ? ein Porträt.

Krisenzeiten sind demoskopisch oft gute Zeiten für Präsidenten. Sie haben die Chance, sich als Macher zu präsentieren. Die Opposition sieht dann meist blass aus. Allzu laute Kritik droht auf sie selbst zurückzufallen. In einem jungen Staat wie der Ukraine ist auch der Vorwurf des Vaterlandsverrats nicht weit. Umso höher einzuschätzen ist, welches Kunststück Julia Timoschenko am Montag in der Obersten Rada gelang, dem Parlament in Kiew. Im Angesicht der militärischen Konfrontation mit Russland im Asowschen Meer führte die Stehauffrau der ukrainischen Politik Präsident Petro Poroschenko phasenweise vor.

Der Staatschef hatte die Einführung des Kriegsrechts für 60 Tage beantragt. Am Ende blieben ihm 30 Tage „Kriegsrecht light“. Timoschenko, die in der Rada nur noch eine Kleinpartei anführt, ritt in der Debatte einen Frontalangriff gegen Poroschenkos offene Flanke: „Das Kriegsrecht darf nur der Verteidigung gegen einen Aggressor dienen, nicht dem Kampf gegen die eigenen Bürger.“ Sie griff damit ausgerechnet den russischen Vorwurf auf, Poroschenko betreibe mit seiner Außenpolitik Wahlkampf. Timoschenko verließ dennoch als Siegerin die Rada und konnte am Dienstag ausgelassen ihren 58. Geburtstag feiern.

All das wäre kaum mehr als eine Randnotiz des aktuellen russisch-ukrainischen Konflikts, wäre Timoschenko nicht Poroschenkos stärkste Herausforderin bei der Präsidentenwahl im März. Seit Monaten führt sie alle Umfragen an. Meist geben zwar nur rund 20 Prozent der Befragten an, sie wollten Timoschenko ihre Stimme geben. Aber in einem Feld von fast zwei Dutzend Kandidaten heißt das viel. Auf Platz zwei etwa folgt der Schauspieler Wolodymyr Selenskyi mit nur elf Prozent, noch vor Poroschenko.

Als Präsidentin der Ukraine gehandelt

So sagen es die Demoskopen voraus. Allerdings wurde Timoschenko schon öfter als erste Präsidentin der unabhängigen Ukraine gehandelt. 2004 etwa führte die Frau mit dem berühmten Haarkranz, den sie inzwischen aufgelöst hat, die Revolution in Orange an – und musste am Ende ihrem Mitstreiter Viktor Juschtschenko den Vortritt lassen. 2010 war wieder ein Viktor stärker: Timoschenko bekriegte sich regelrecht mit dem prorussischen Kandidaten Viktor Janukowitsch – und verlor. 2014 schließlich, als die Ukrainer auf dem Kiewer Maidan eine weitere Revolution entfachten, tauchte der unverbrauchte Poroschenko als Hoffnungsträger auf.

In all diesen Fällen unterlag Timoschenko männlichen Widersachern. Aufgeben kommt für die zierliche, nur 1,60 Meter große Frau aber nicht infrage. „Sie lebt nur im Kampf“, sagte einst der Schriftsteller Juri Andruchowitsch über sie. Jetzt also lebt sie wieder. Und ihr Anspruch an politisches Handeln ist seit 2004 nicht geringer geworden. Im Vorwahlkampf kündigte sie kürzlich an: „Wir werden das gesamte System demontieren, das es uns nicht ermöglicht, zu leben wie wir leben wollen.“

Das System, von dem Timoschenko spricht, ist die sogenannte Oligarchie, die Herrschaft einiger weniger Wirtschaftsmagnaten, die hinter den Kulissen auch die Fäden in der Politik ziehen. Präsident Poroschenko gehört als milliardenschwerer Unternehmer selbst dazu, bei seinen Vorgängern war es nicht anders. Allerdings trägt auch Timoschenko die Bürde mit sich, dass sie in den 90er Jahren im Kampf um das ehemalige sowjetische Volkseigentum, als in der Ukraine blutige Mafiakriege tobten, an vorderster Front mitmischte.

Sie stieg damals zur milliardenschweren „Gasprinzessin“ auf, und am Hungertuch nagt sie bis heute nicht, auch wenn sie in den politischen Kämpfen der vergangenen Jahre einen Großteil ihres Vermögens einbüßte. 2011 ließ Präsident Janukowitsch seine Erzrivalin von einer willfährigen Justiz in einem Schauprozess aburteilen. Zweieinhalb Jahre saß sie in Haft, trat phasenweise in den Hungerstreik und kam erst frei, als die Maidan-Revolution Janukowitsch 2014 aus dem Land trieb. In Kiew folgten unter Poroschenko fünf Jahre ohne den erhofften politischen Aufbruch. Nun hat Timoschenko eine neue Chance.

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