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Demokratische Praxis in der Ukraine (im Bild eine Stimmenauszählung in Kiew) verunsichert Russlands Führungsetagen.

Präsidentschaftswahl

Russland staunt über echten Wahlkampf in der Ukraine

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Russland verfolgt irritiert den sich zuspitzenden Kampf um die Präsidentschaft in der Ukraine.

In der Ukraine überschlagen sich die Ereignisse. Am Sonntag verlor Amtsinhaber Petro Poroschenko im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen überraschend deutlich gegen den Komiker Wladimir Selenski, der mit 30,24 Prozent fast doppelt so viele Stimmen bekam wie Poroschenko mit 15,95 Prozent. Am Dienstag forderte Selenski, der bisher öffentliche politische Auftritte tunlichst vermeidet, den Staatschef zum Rededuell hinaus – im 70 000 Zuschauer fassenden Kiewer Olympiastadion. Der nahm die Herausforderung in der Nacht zum Donnerstag an. Und nun erwartet nicht nur die Ukraine mit Spannung das monumentale politische Liveereignis.

Der kurvenreiche Wahlkampf zieht auch im benachbarten Russland zusehends Aufmerksamkeit auf sich. Zumal der russische Präsident Wladimir Putin vier siegreiche Wahlen, aber nie eine TV-Debatte gegen einen Gegenkandidaten absolviert hat. Mehrere Moskauer Medien prophezeiten noch am Mittwochabend, Poroschenko werde sich ebenfalls nicht zum Showdown gegen seinen Konkurrenten herablassen. Dass der nun doch ansteht, wird vielfach mit Sarkasmus kommentiert. „Das ist die Minute des Ruhms für die Ukraine. Für drei Stunden wird sie zum Zentrum der Welt, so eine Show hat es noch nie gegeben“, sagte der Kreml-Berater Sergei Markow der FR. „Und gleichzeitig ist es für die Bewohner der Ukrainer eine große Tragödie. Sie müssen sich zwischen zwei Clowns entscheiden.“ Vielleicht sei Poroschenko ein noch größerer als der TV-Komiker Selenski. „Auch er kontrolliert das Land nicht, die Ukraine wird von amerikanischen Geheimdiensten kontrolliert.“

Poroschenko gilt in den Moskauer Staatsmedien als Kriegstreiber und Alkoholiker, seine Umgebung als Junta von Bandera-Faschisten. Die russische Wahlberichterstattung widmet sich vor allem Stimmenkauf und Wahlbetrug zu seinen Gunsten.

Dass der Machthaber Poroschenko trotzdem drauf und dran ist, die Stichwahl am 21. April gegen den Komödianten Selenski zu verlieren, ruft eine gewisse Irritation hervor. „Moskau gehen Wahlen mit unvorhersehbarem Ausgang auf die Nerven“, schreibt die liberale Wirtschaftszeitung „Wedomosti“.

Der russische Staatssender Perwy Kanal mokierte sich angesichts von 39 Kandidaten im ersten Wahlgang über den „meterlangen Stimmzettel, auf dem es schwer ist, einen Kandidaten zu finden“, Senator Konstantin Kosatschjow schrieb auf Facebook, unter diesen Kandidaten sei keine einzige wirkliche Alternative gewesen. Er klammert sich weiter an die Möglichkeit, dass Poroschenko am Ende doch siegt: „Washington setzt auf den Präsidenten des Krieges, und diese Wette gewinnt ganz offensichtlich.“

Freie und faire Wahlen gelten in Moskaus staatstragenden Kreisen als geheuchelte Unmöglichkeit. „Bei jeder Wahl sieht man im Kreml die herrschende Staatsmacht als potenziellen Sieger, auch wenn sie extrem unpopulär ist“, schreibt der Jekaterinburger Publizist Fjodor Krascheninnikow. Bevor Donald Trump 2016 die Präsidentschaftswahl in den USA gewann, wetteten Moskauer PR-Experten eimerweise Flusskrebse auf Hillary Clinton: Es sei ausgeschlossen, dass das herrschende Establishment einen Sieg des Außenseiters Trump zulasse.

In der Ukraine wollen laut einer Umfrage nach der Abstimmung am Sonntag 49,4 Prozent der Wähler in der Stichwahl Selenski, lediglich 19,8 Prozent Poroschenko wählen. „Es sieht aus, als würde nach Trump wieder ein Showman Präsident“, sagt der liberale Moskauer Politologe Juri Korgonjuk. „Die Ukraine hat viele Probleme, aber wir müssen mit einem gewissen Neid eingestehen, sie hat ein Problem weniger als Russland: Sie ist demokratisch.“ Die russischen Klagen über Manipulationen bei den ukrainischen Wahlen aber stellten eigentlich eine Spiegelung der eigenen Verhältnisse dar.

Allerdings glaubt Korgonjuk nicht, dass die Führung in Moskau lange in Schockstarre verharren wird, falls ihr Lieblingsfeind Poroschenko wirklich die Macht an Selenski verlieren sollte: „Feindbilder sind Schuhe, die man bei uns auch im Laufen wechselt.“ Poroschenkos Stab hat sich derweil auch mit dem von Selenski geforderten Medizincheck vor der Stadion-Debatte einverstanden erklärt.

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