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Ein Bauarbeiter beobachtet den Fortschritt des Projekts.

Versorgung

Gigantischer Staudamm: Ägypten und Äthiopien streiten um das Wasser des Nil

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Ein äthiopisches Staudammprojekt am Nil lässt Ägypten um seine Wasserversorgung fürchten. Es droht ein militärischer Konflikt.

  • Ägypten, Sudan und Äthiopien streiten um das Wasser des Nil.
  • Äthiopien baut einen Staudamm, Ägypten fürchtet um das Nil-Wasser.
  • Selbst ein militärischer Konflikt um den Nil-Staudamm ist möglich.

Ägypten/Äthiopien - Nur noch knapp acht Wochen, dann will Äthiopien beginnen, das gigantische Becken seines „Grand Ethiopian Renaissance Dam“ mit Nilwasser zu füllen – ohne Rücksicht auf die flussabwärts liegenden Anrainer Ägypten und Sudan. Die 4,8 Milliarden Dollar teure Staumauer ist zu drei Vierteln fertig. Die ersten beiden der 13 Stromturbinen sind einsatzbereit. Ende Juni, mit Beginn der Regenzeit, soll es losgehen, 2025 will man dann Volllast fahren.

Fast ein Jahrzehnt lang haben die drei Nationen versucht, ihre Streitigkeiten wegen des kolossale Bauprojekts zu entschärfen – allen voran die zeitliche Dauer der Befüllung, aber auch die garantierte jährliche Durchflussmenge für Sudan und Ägypten sowie die Verpflichtungen Äthiopiens, etwaigen Dürren entgegenzuwirken. Im November 2019 war die Lage dann so verfahren, dass die Regierungen sogar US-Präsident Donald Trump um Vermittlung baten.

Staudamm am Nil: Streit um das Wasser zwischen Äthiopien, Ägypten und Suden

Die Gespräche liefen gut, twitterte der alsbald. Doch dann ließen Äthiopien und Sudan Ende Februar – in letzter Minute – den fertigen Kompromiss doch noch platzen. „Die abschließenden Tests und die Befüllung sollten nicht beginnen ohne eine Einigung“, gab US-Finanzminister Steven Mnuchin den Delegationen aus Addis Abeba, Kairo und Khartum mit auf den Heimweg.

Mittlerweile jedoch hat die Corona-Krise den Nilstreit von der internationalen Agenda verdrängt. In Ägypten und im Sudan wächst die Angst vor inneren Unruhen durch eine Masseninfektion. Äthiopien dagegen will den globalen Ausnahmezustand offenbar nutzen, um von sich aus souverän Fakten zu schaffen. Vor allem in Kairo, das zu 95 Prozent vom Nilwasser abhängt, schrillen die Alarmglocken. Schon jetzt reicht Ägyptens gesamte Wassermenge für seine 100 Millionen Einwohner kaum mehr aus.

Ägypten ist abhängig vom Wasser des Nil - Staudamm gefährdet die Landwirtschaft

Würde der Fluss von diesem Sommer an für die nächsten fünf Jahre deutlich gedrosselt, könnten Felder im Niltal veröden, Trinkwasserbrunnen austrocknen und salziges Mittelmeerwasser in das dicht besiedelte Delta hineindrücken. „Äthiopien hat das Recht zu wachsen, Ägypten aber hat auch das Recht zu leben“, deklamierte eine ägyptische Onlinepetition, die bisher von mehr als 110.000 Menschen unterschrieben wurde.

Selbst eine militärische Konfrontation scheint nicht mehr ausgeschlossen. Die äthiopische Armee hielt kürzlich nahe dem Staudamm Manöver ab, die demonstrativ im Staatsfernsehen übertragen wurden. Ägyptens Generäle führen Gespräche mit Eritrea über einen Marinestützpunkt. Wasserminister Mohammed Abdel Aty droht, seine Regierung werde Äthiopien nicht erlauben, mit dem Befüllen ohne einen umfassenden und verbindlichen Vertrag zu beginnen. Der Nil sei eine Existenzfrage der Nation, deklamiert Staatschef Abdel Fattah al-Sisi. Ägyptens Verfassung definiert den Schutz der „historischen Rechte“ an dem Strom als ein Staatsziel.

Streit um Nil-Staudamm: Sudan zwischen Fronten von Ägypten und Äthiopien

Und der fragile Sudan steht zwischen diesen Fronten. Seine postrevolutionäre Führung ist in der Nilfrage gespalten. Der vor einem Jahr nach dem Sturz von Diktator Omar al-Bashir an die Macht gekommene zivile Ministerpräsident Abdalla Hamdok neigt der äthiopischen Seite zu, weil er lange in Addis Abeba gelebt und enge Kontakte zu Äthiopiens Premier Abiy Ahmed haben soll. Sudans Armeespitze dagegen sieht sich aus strategischen Gründen fest an der Seite Ägyptens und dessen Präsident Al-Sisi. Ende April will Hamdok nach Äthiopien und Ägypten reisen. Beide Länder umwerben den Besucher aus Khartum und wollen ihn mit dem Angebot von billigem Strom auf ihre jeweilige Seite ziehen. Ägypten hat seit dem Bau von drei Siemens-Gaskraftwerken Überkapazitäten.

Anders als Ägypten jedoch hat der Sudan kein Problem mit einem reduzierten Nilwasservolumen, im Gegenteil. „Dafür werden die Fluten künftig reguliert“, zitierte das ägyptische Onlineportal „Mada Masr“ einen sudanesischen Politiker, der ungenannt bleiben will.

Nil-Staudamm von Äthiopien: Sudan sieht Vorteile und will Ägypten helfen

Aus dessen Sicht hat der Sudan durch den neuen Damm nur Vorteile. „Wir bekommen enorm billigen Strom, den wir dringend für unsere Entwicklungspläne brauchen.“ Gleichzeitig würden die verheerenden Überschwemmungen gestoppt, was deutlich bessere Ernten im Ufergebiet ermögliche. „Wir würden Ägypten gerne helfen“, beteuert er. „Doch ich weiß nicht, wie wir das konkret tun könnten.“

Von Martin Gehlen

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