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Übergangswohnungen für jüdische Siedler aus dem Gazastreifen: die Siedlung in Nitzan.

Staubige Perspektiven

Manche Gaza-Siedler beziehen die neue Bleibe in Israel, andere ziehen ins Protestcamp

Von INGE GÜNTHER (NITZAN)

Von weitem sieht das neue Nitzan aus, als ob man eine Spielzeugstadt in den Sandkasten gesetzt hätte. Hunderte Fertighäuser mit ockerfarbenen Hauswänden und adretten roten Spitzdächern bestücken ein gewaltiges Rechteck vor den Wanderdünen an der Mittelmeerküste von Aschkelon.

So sehen also die "Caravan-Villas" aus, die die israelische Abzugsbehörde Sela für 320 Siedlerfamilien aus Gaza hierher verfrachten ließ. Nicht besonders einladend auf den ersten Blick. Wer sich die Musterwohnungen anschauen will, die eine 60, die andere 90 Quadratmeter groß, bleibt leicht mit dem Absatz auf den frisch geteerten Zufahrten hängen und schluckt eine Menge Staub. Vor gut zwei Monaten war hier noch Wüste.

Drinnen wirkt die Sache schon besser. Angesichts der hellen Einbauküchen und gefliesten Böden zeigen sich nicht wenige der Wohninteressenten ganz angetan, andere beklagen die Enge. In Newe Dekalim, der Gaza-Siedlung, aus der die meisten von ihnen stammen, besaßen sie Platz zuhauf.

Es bedarf schon einer gewissen Vorstellungskraft, um sich wie Ami Uliel auszumalen, dass "in einem halben Jahr alles nett und heimelig sein wird". Uliel ist Direktor vom Südabschnitt des Jewish National Funds und verantwortlich für die Begrünung. 500 ausgewachsene Bäume haben seine Leute von Galiläa nach Nitzan verpflanzt, dazu 1200 Blumen und Sträucher und jede Menge Rasenrollen.

Uliel ist mit dem geleisteten Arbeitspensum zufrieden "In zwei Jahren werden manche gar nicht mehr weg wollen." Dann, wenn die "Caravan-Villas" wieder auf die Lkw-Hänger geladen werden und ihre Bewohner in für sie erbaute Dauerdomizile vis-a-vis einziehen sollen.

Das Angebot hat sich als attraktiv genug erwiesen, dass Nitzan bereits vor dem am Montag beginnenden Gaza-Abzug ausgebucht ist. Vor einigen Fenstern hängen schon Gardinen.

Tränen vor der Zwangsräumung

Rachel Saperstein, eine pensionierte Lehrerin, die sich vor acht Jahren in Newe Dekalim niedergelassen hat, um dort "meine goldenen Jahre" zu verbringen, zieht dennoch den Verbleib in einem Zelt vor. Denn in Sapersteins Augen kommt Israels Regierungsbeschluss zur Räumung der Gaza-Siedlungen einer "ethnischen Säuberung" gleich, dem sie sich als nationalreligiöse Zionistin zu widersetzen hat.

Die Sachen packen und freiwillig gehen, kommt für sie nicht in Frage. Saperstein liegt der theatralische Ton. Ob sie nun die Tränen schildert, die die Männer aus Newe Dekalim angesichts der bevorstehenden Zwangsräumung im Garten verdrückten. Oder ob sie vom Protestcamp, genannt "Freunde fürs Leben", schwärmt. "Es ist eine große Ehre, physisch hier zu sein, um das angenehme Leben mit einer dünnen Matratze in einem überfüllten Zelt oder Schulraum einzutauschen."

5000 Abzugsgegner, wenn nicht mehr, sollen inzwischen unerlaubt nach Gusch Katif eingedrungen sein, mit dem Ziel, die Räumung zu sabotieren - für Polizei und Armee eine weit größere Herausforderung, als mit den verbliebenen und meist staatstreuen Gaza-Siedlern fertig zu werden. Offen warb auch der Siedlerrat Yesha (eine Abkürzung für Judäa, Samaria und Gaza) bei der bislang größten Protestkundgebung am Donnerstagabend in Tel Aviv mit 150 000 Abzugsgegnern für eine neue Blockade-Strategie. Unter dem Motto "Morgendämmerung in Orange" (die Farbe der Siedlerbewegung) sollen sie ab Montag mit Sitzstreiks massenweise die Kissufim-Kreuzung lahm legen: die wichtigste Ausfahrt aus Gusch Katif.

Wirklich vereiteln lässt sich der Abzug damit nicht. Aber dem Siedlerrat geht es um anderes: den Exodus aus Gaza den Israelis als nationales Trauma ins Gedächtnis einzubrennen. "Gusch Katif ist verloren", wird unter der Hand eingeräumt. Jetzt müsse dafür gesorgt werden, dass es nicht noch einmal eine Regierung wagt, Siedlungen zu räumen.

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