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Kalkulierte Konfrontation: Demonstranten und Polizisten in Berlin nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, April 1968.

68er-Rebellion

Starke Erbschaft

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Beim Rückblick auf die Rebellion geht es nicht um ein Firmenjubiläum. Angebracht ist eine dialektische Bilanz mit scharfem Blick auf die Gegenwart.

Immer schon sind die 68er stark gewesen. In diesen Wochen und Monaten müssen sie besonders stark sein. Geht doch ein Gag um, ihre Erbschaft, ihre Erinnerungen betreffend: Genossen, lasst das Glorifizieren sein, kommt runter, ordnet 68 sachlich ein. 

Hört, hört! Aber so sagt es ein Partywitz dieser Tage, eine Parodie, etwas holprig der Reim, gewiss, aber in der Sache nicht vollkommen verfehlt, wenn er sich an die Fraktion der Selbstgefälligen unter den 68ern richtet. Die sind eine besonders selbstbewusste Alterskohorte, dafür bekannt, dass sie protestierend durch die Straße lief, um zu provozieren: Bürger, lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein. 

Wer da rief, war ausgestattet mit einem robusten Doppelbewusstsein, einem gehörigen Generationsbewusstsein ebenso wie einem ausgeprägten Avantgardebewusstsein. Als 68er war man was, als 68er war man wer. Denn eine besondere Generation gewesen zu sein, darauf haben die 68er nicht nur gegenüber den feist, faul oder vermeintlich faschistisch in den Fenstern liegenden Bürgern gepocht, sondern auch nach zehn Jahren, gegenüber den 78ern – einer Generation von Nachgeborenen, Nachzüglern, Schlusslichtern der Rebellion. 

Gerade im Wettstreit mit der Nachhut des Aufruhrs hat sich das Avantgardebewusstsein der 68er noch einmal zu behaupten versucht. Einen ausgeprägten Avantgardebewusstseinsstolz haben sich nicht wenige 68er-Aktivisten erhalten, bis heute, was immer „68“ als Chiffre, als Jahrgangsbezeichnung auch war: Studentenbewegung, Jugendrebellion, Generationenrevolte, Sozialprotest, Kulturrevolution, Emanzipationsbewegung, gelebter Antikapitalismus, Provokation, Lebensstilreform. Eine Vielzahl an Grenzüberschreitungen. Vielfältige Entgrenzungen.

Groß der Glaube an eine gelebte Utopie, immens die intellektuellen Energien, die dafür von den 68ern aufgebracht wurden. Von den 68ern? Im Nachhinein könnte man glauben, 68 sei bereits 1968 auf die Tagesordnung gesetzt worden, als Generationenaufruhr, als politischer Aufstand gegen Militarismus und Kapitalismus, nicht zuletzt als kulturelle Auflehnung. Tatsächlich setzte sich die Redeweise, man mag es im Rückblick kaum glauben, erst in den 1980er Jahren durch, als Etikett, als politisches Rubrum, als Kampfbegriff, ja, auch – auf jeden Fall zur Bezeichnung für einen so vielfältigen wie vibrierenden Aufstand, in dem echte Empörung und anarchischer Unernst zusammenkamen. Die 68er Bewegung „unterlief und umging“, so der britische 68er-Historiker Richard Vinen kürzlich, „bestehende Strukturen und betonte Spontaneität gegenüber Förmlichkeit“. 

Das allerdings ist nur eine Zwei-Drittel-Wahrheit. Denn man unterlief nicht nur, umging nicht bloß, sondern suchte die direkte Konfrontation. Zur Wahrheit gehört auch, dass im Rückblick auf die eigene Geschichte viele 68er recht gern sehr förmlich oder schmallippig werden. Ein Rückfall, ein Fall von Regression sogar hier und da, gemessen an besagtem Doppelbewusstsein, einem Generations- und Avantgardebewusstsein.

Wegen dieses Doppelbewusstseins hat 68 zweifellos eine immense Fortschrittsgeschichte geschrieben, angefangen mit mehr Bildungsgerechtigkeit. Und wenn der Politologe Claus Leggewie, ein 68er, weitere Errungenschaften aufzählt, darunter einen kulturellen Pluralismus, der es versteht, subkulturelle Minderheiten zu verstehen, dann führt er obendrein einen weiteren Punkt an. „Zwischen den Generationen und Geschlechtern bestehen weit mehr Freiheiten und Spielräume.“ Nicht euphorisch ist das gesagt, vielmehr erhellend. 

Auch wenn es nicht möglich ist, eine „einfache Kosten-Nutzen-Kalkulation aufzumachen“, so einer der Historiker der 68er, Wolfgang Kraushaar, denn Zeitgeschichte funktioniere nun mal nicht nach den Gesetzen der Betriebswirtschaft, so könne man doch einige gesellschaftliche Gewinne ausmachen, darunter zwei elementare Errungenschaften, nämlich Modernisierung und Liberalisierung. 

Weitere Gewinne sind wiederum für Leggewie ein Internationalismus, der den politischen Horizont erweitert habe; eine, gemessen am deutschen Militarismus bis 45, „strukturelle Friedfertigkeit“; es habe sich, wogegen nicht von ungefähr der Rechtspopulismus polemisiert, ein antitotalitärer Konsens durchgesetzt; nicht zuletzt bestehe eine „Sensibilität für soziale Ungleichheit“. 68 hat sich als verdammt stark erwiesen, die Demokratisierung der Bundesrepublik beflügelt, und dazu zählten eine „Beteiligungsrevolution“ und die „Entstehung einer selbstbewussten Bürgergesellschaft“, so Leggewie. 

1968 war für viele ein Machtkampf

Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann, aber noch mal zurück zu einem Bewusstsein, das sich als Vorhut wähnte und einen elitären Dünkel an den Tag legte. Denn daraus hat sich ein Habitus entwickelt, der, heute noch, vorgibt, etwas Besseres zu sein als der Konservative oder diskrete Bürger. Im Grunde hat sich das Avantgardebewusstsein stets auf der Seite des Fortschritts gesehen. Ungeschrieben ist bis heute die Geschichte, inwieweit die Technikeuphorie, in die die späteren 68er seit den frühen 50er Jahren hineinwuchsen, ein Pendant auch bei den Rebellen fand. 

Es wurde ihnen leicht gemacht, sich als Sozialingenieure eines neuen Menschen zu fühlen, denn ungebrochen der Glaube an eine grenzenlos gestaltbare, an eine optimierte Welt. Kaum beachtet bis heute, dass ein naturwissenschaftlicher Fortschrittsbegriff sein geschichtsphilosophisches Pendant fand. Dieser Optimismus kollidierte nicht von ungefähr kräftig mit dem strukturellen Pessimismus, der seit Ende der 1970er Jahre die Ökologie- und Friedensbewegung auf die Straßen brachte und seit den frühen 1980er Jahren in die ersten Parlamente. 

What’s left? Wegen eines ausgeprägten Gesinnungsüberschusses ist die eigene Geschichte immer rebellisch verteidigt worden – erst recht gegen „Verräter“. 68 hat ein bösartiges Vokabular nicht in die Welt gesetzt, wohl aber aus der stalinistischen Propaganda übernommen. Auch das ein Erbe (und wer es abstreitet, hat etwas zu verbergen). Um in der repräsentativen Demokratie anstelle einer Räterepublik anzukommen, war es ein längerer Gewöhnungsprozess, echte Überwindung kostete die Anerkennung des Gewaltmonopols des Staates. Es war da lange regelrecht ein Widerwille, und nicht nur unter den Strategen vorsätzlicher Destabilisierung des bürgerlichen Rechtsstaats. Welche Ironie der Dialektik: Eine vormals linksradikale Vision träumen heute die Rechtsextremen. 

68 war für viele ein Machtkampf. Um den Machtwechsel herbeizuführen, spielte, so hat es der gewiss linksradikale Verleger Klaus Wagenbach ausgedrückt, die Suche „nach der extremsten Gegenposition“ eine entscheidende Rolle. Wenn die friedlichen Proteste, heute, das spielerische und fantasievolle Potenzial von 68 wiederbeleben, dann die verbissenen die dogmatische Seite von 68. Nicht zu vergessen die Selbstermächtigung von Teilen der 68er, die vermeintliche Bestallung zum Systemwechsel. Die verschwiemelten Relativierungen linksextremistischer Gewalt, ein wiederkehrendes Ritual nicht nur während der Chaostage von Hamburg, zählen zur Ambivalenz von 68, zu dessen jämmerlichem Erbe. 

Trotz spektakulärer Ereignisse, es gab kein Datum der Indienststellung von 68. Es war ein langer Prozess der Demokratisierung beim langen Marsch durch die Institutionen, der zur Anerkennung der Institutionen geführt hat. Sowie zu der Einsicht, dass diese keine Einrichtungen eines faschistoiden Systems waren. Die Faschismusanalysen der 68er – ein besonders fatales Erbe. 

Allemal ist auf dem langen Marsch aus der Generation der 68er etwas geworden, kein Thema, auch wenn viele Teilnehmer von 68 ihr Misstrauen gegenüber Autoritäten hegen. Misstrauen als so etwas wie das gesunde 68er-Empfinden. Natürlich hat das auch mit Wachsamkeit zu tun, politischer Sensibilität. Was den Wachsamkeitsinstinkt angeht, monierte allerdings die kürzlich verstorbene Sylvia Bovenschen schon 1998, zum 30sten Jubiläum: „Wir sind die Generation, die das Ergebnis bewacht.“ Immer wieder wird ein nicht nur freundlicher Kümmererinstinkt an den Tag gelegt, weiterhin wird die Umgebung überwacht, um vermeintliche Renegaten auszumachen und abzustrafen. 

Vor zehn Jahren, 2008, ging es deswegen recht kontrovers zu, anders als in diesem Jahr. Bisher hat alles, zum 50., etwas von einem insgesamt recht freundlich begangenen Firmenjubiläum. Nur wenige Zynismen, keine post-tragische Perspektive, keine heroisch-monumentalen Auftritte, zum Glück. Auch ausgeblieben ist das selbstgerechte und von sich selbst berauschte Wohlgefallen. Wer allerdings gegen 68 lärmt und hetzt, ist der Rechtspopulismus. 

Auch der Rückblick auf 68 hatte seine Konjunkturen. Zum ersten Mal seit zwanzig von fünfzig Jahren verfügen 68er nicht mehr über eine satte Deutungshoheit. War dieser Rückblick auf 68 auch eine Fortschrittsgeschichte – vor allem eine solche der Reflexion? Dazu zählt auch das sogenannte Unabgegoltene, denn seit 68 beharren 68er auf dem Glauben an die Emanzipation des Menschen – was im Grunde ein richtig konservativer Zug der 68er ist. 

Festhalten an der Emanzipation: Das hat auch mit dem zu tun, was der 78er Christoph Möllers die „friedliche Totalpolitisierung“ der Gesellschaft genannt hat, die eine Zivilisierung und Liberalisierung hervorgebracht hat, wie leidlich auch immer im Ergebnis, wie wackelig auch immer im Alltag. 68 ist nicht der Garant für stabile Verhältnisse geworden, aber doch ein Konzept für eine strapazierfähigere Debattenkultur. Was für ein Gewinn!

Bei aller moralischen Eitelkeit, die starke Präsenz einer gesinnungsethischen Orientierung ist immerhin ein Garant gegen eine Neue Rechte, deren Unruheverbreitungsstrategien, deren Hetze, deren Anliegen einer gesellschaftlichen Totaldestabilisierung. Nicht von ungefähr hat 68 die Aggression der AfD auf sich gezogen, bei den Hassattacken auf eine angeblich „rot-grün versiffte 68er-Multikulti-Republik“ geht es nicht um das übliche 68er-Bashing, sondern um einen Kulturkampf. Der Republik soll die Frontstellung Sozialdarwinismus statt Solidarität aufgezwungen werden. 

Zur Ironie der Geschichte gehört, dass durch die AfD alles wieder Politik geworden ist. Angesichts dieser Frontstellung ist 68 nach einem halben Jahrhundert nicht nur aus Jubiläumsgründen an dem Punkt angekommen, wo es sich noch einmal stark zeigen muss. 68er sollten sich dabei allerdings nicht überschätzen. Die Republik wird nur stark sein, wenn sich nicht nur die Rebellen von einst über Errungenschaften von 68 und deren Entwicklung im Klaren sind. Deren Dialektik halt.

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