Stammheimer Anstaltsarzt hatte wiederholt vor kollektivem Selbstmord gewarnt

"Aber Justizministerium kümmerte sieh mehr um Lebensmittelzulagen" / Beamter erfuhr erst aus dem Fernsehen von Funktion als Sicherheitsbeauftragter

Von unserer Korrespondentin Renate Faerber

STUTTGART. Schwer belastet wurden Justizministerium und Anstaltsleitung am Montagabend im Stuttgarter Landtag vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuß, der die Stammheimer Selbstmorde aufklären soll. Gefängnisarzt Helmut Henck, Facharzt für Psychiatrie, der Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe lange kannte, sorgte durch seine Aussage für die erste Sensation in den Vernehmungen. Mit schriftlichen Beweisen belegte er den verblüfften Parlamentariern, wie oft er in den letzten Monaten vor der Gefahr eines Kollektiv-Selbstmordes gewarnt hatte. Seine Warnungen waren unter anderem an die Fachabteilung des baden-württembergischen Justizministeriums gegangen, zum Beispiel an Ministerialdirigent Reuschenbach, der aber, so berichtete Henck sichtlich erregt, als zentrales Problem nicht die Selbstmordgefahr gesehen habe, sondern sich mehr um die Lebensmittelzulagen der Gefangenen gekümmert habe, die er während der Kontaktsperre drastisch reduziert sehen wollte.

Zum letzten Mal habe Baader ihm gegenüber am 10. Oktober von einem kollektiven Selbstmord (der am 18. Oktober erfolgte) gesprochen. Henck gab diese Äußerung, die er sehr ernst genommen hat, unter anderem an den Gefängnisbeirat weiter. Am 6. Oktober hatte Henck nach einer Visite bei Jan-Carl Raspe an den Anstaltsleiter geschrieben: 'Eine echte suizide Handlungsbereitschaft liegt vor. Ich bitte um Hinweise, wie ein Selbstmord verhindert werden könnte.' Henck erklärte, während er bis zum 6. Oktober 'eher unterschwellige Befürchtungen' gehabt habe, sei für ihn nach dem 6. Oktober die Gefahr akut gewesen.

Der Leiter der Zentralstelle des Justizministeriums, mit dem er ebenfalls über seine Sorgen gesprochen habe, habe ihm vorgeschlagen, die Gefangenen in die Beruhigungszellen zu stecken. Er habe dies abgelehnt, sagte Henck, weil dadurch die Haftbedingungen noch weiter verschärft worden wären. Sein wiederholter Vorschlag sei gewesen, die Gruppe zu trennen und die Gefangenen in verschiedene Anstalten zu verlegen, um wenigstens die Gefahr eines kollektiven Handelns auszuschließen. Durch die Trennung hätten nach Meinung des Arztes die Selbstmorde verhindert werden können. 'Ich habe kein Verständnis dafür, wenn so nachlässig gehandelt wird', sagte der Arzt.

Die Anzeichen, daß bald etwas passieren würde, häuften sich für Henck in alarmierender Weise seit August. Wenige Tage vor den Selbstmorden habe Baader zu ihm gesagt: 'Noch ein paar Tage, dann gibt es Tote'. Für ihn als Psychiater sei es keine Frage gewesen, daß, was immer es auch sei, gemeinschaftlich geschehen würde. 'Ich kannte die Leute seit 1974. Nie hat einer allein einen Beschluß gefaßt. Auch während der Kontaktsperre war bei allen die gleiche Thematik da - heute wissen wir, warum', sagte Henck.

Der Arzt schilderte, wie eng (er sprach von 'schicksalsverknüpft') die Gruppe miteinander verbunden war. 'Der geistige Kopf war Gudrun Ensslin mit ihren vielen Ideen und ihrer Phantasie. Ulrike Meinhof als frühere Journalistin hat das zu Papier gebracht. Andreas Baader hat, wie ein Napoleon, genehmigt oder abgelehnt. Jan-Carl Raspe stand schon im zweiten Glied, spielte die Rolle des Hausburschen. Mit seinen Chemiekenntnissen wurde er zwangsläufig zum Bombenbastler der Gruppe', sagte Henck.

Kriminalhauptkommissar Alfred Klaus vom Bundeskriminalamt bestätigte am Dienstag die Aussagen Hencks. Klaus berichtete von Gesprächen am 27. September mit Raspe und am 8. Oktober mit Baader, in denen beide deutlich von Selbstmordabsichten gesprochen hätten, die er, Klaus, ernst genommen habe. Bei einem Gespräch mit Gudrun Ensslin am 15. Oktober will er den Eindruck gehabt haben, 'als ob sie das alles nichts mehr anginge, als lebe sie schon in einer anderen Welt'

Klaus meinte, trotz der Selbstmorddrohungen sei Baader wohl noch bereit gewesen, um eine Befreiung zu kämpfen. Der Kriminalbeamte hielt es für möglich, daß er 'deshalb beharrlich den Besuch des Staatssekretärs Manfred Schüler gefordert' habe, um Gelegenheit zu einer letzten Verzweiflungstat zu bekommen, etwa indem er Schüler als Geisel nehmen wollte.

Klaus legte dem Ausschuß Zellenzirkulare vor, in denen beispielsweise Gudrun Ensslin schon früher über Selbstmorde als Kampfmittel geschrieben hatte. Während eines Hungerstreiks habe sie vorgeschlagen, daß sich die Gefangenen in Abständen von wenigen Wochen nacheinander das Leben nehmen sollten. In einem anderen Kassiber hatte Baader gefordert, man solle ihm eine Handgranate in die Zelle schmuggeln. Er wolle dann Rechtsanwalt Augstein zu sich bitten und als Geisel nehmen.

FR vom 30. November 1977

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