LANGFASSUNG

Der Stamm im Staat

Der Zerfall der gesellschaftlichen Institutionen in Irak hat den Einfluss tribalistischer Strukturen belebt /Von Faleh A. Jabar

Der Sturz des Regimes von Saddam Hussein am 9. April 2003 schien in sozialer Hinsicht die Büchse der Pandora zu öffnen: Plötzlich erschienen schiitische Geistliche, Sippen- und Stammesführer sowie selbsternannte Bürgermeister auf der politischen Bildfläche des Irak. Die einzige Bevölkerungsgruppe, die zu fehlen schien, waren die Vertreter der westlich gebildeten Mittelschicht. Da die Retribalisierung der irakischen Gesellschaft, die Saddam Hussein in den letzten Jahren seiner Herrschaftszeit gefördert hat, einen wichtigen Bestandteil der komplexen gesellschaftlichen Realität des Nachkriegsirak darstellt, möchte dieser Beitrag einen soziologischen Erklärungsversuch zum Phänomen des Stammeswesens im Irak leisten.

Schon seit einigen Jahren fällt dem Besucher Bagdads oder anderer großer Städte des Irak sogleich auf, dass man im Vergleich zu früher vermehrt Menschen sieht, welche die traditionelle Stammestracht tragen - weißer Umhang, schwarzer Wollmantel und stammestypische Kopfbedeckung. Die Zahl der Effendis, das heißt der europäisch gekleideten und Hosen tragenden Gebildeten, hat offenbar abgenommen. Darüber hinaus ersuchen die Opfer von Diebstahl oder Gewaltverbrechen heutzutage nicht mehr die Polizei um Hilfe, sondern einen Stammesführer, der inzwischen nicht mehr in einem aus Lehm gebauten Gästehaus auf dem Land, sondern in einer Stadtwohnung lebt. Die Tageszeitungen druckten bis zum Sturz Saddam Husseins im April 2003 tagein, tagaus Ergebenheitsadressen an den Präsidenten, die statt von den modernen Parteien oder Verbänden von Stammesoberhäuptern unterzeichnet waren. Die Nachfrage nach historischer Literatur über die Stämme ist sehr groß. Bürger, die keinem Stamm angehören, werden ermutigt, in der Vergangenheit nach längst vergessenen "Ahnen" ihres Stammes oder einer "edlen" Herkunft nachzuforschen. Bis 1988 war von all dem noch nichts zu sehen. Das Erstarken der Stämme, des Tribalismus und die wachsende Anzahl von Stammesvertretern scheinen Teil eines allgemeinen sozialen und kulturellen Wandels zu sein, der seit dem Ende des Golfkriegs von 1991 für den Irak kennzeichnend ist. Populäre Formen der Religion haben ebenfalls an Einfluss gewonnen. Die Armen überfluten die Moscheen, wo sie sich Brot, Grütze und Erlösung erhoffen. Die verschiedensten Arten von Magie, Hexerei und Wahrsagerei sind zum blühenden Geschäft geworden. Das zivile, säkulare Geflecht der irakischen Gesellschaft dagegen scheint zerrissen oder bis zur Unkenntlichkeit deformiert.

Ein spekulativer Ansatz

Seit den osmanischen Reformen Ende des 19. Jahrhunderts haben die Stämme im Irak kontinuierlich an politischem Einfluss und sozialer Macht verloren. Unter den Mitgliedern der Stämme war das osmanische Gebiet des heutigen Irak geradezu als "Friedhof" der Stämme und Klans berüchtigt. Die Stämme und Klans gediehen dort, wo es keine Zentralmacht gab, und so wurde die arabische Halbinsel zu ihrer Zuflucht. Warum kam es dann nach etwa hundert Jahren, die geradewegs zu ihrem Verschwinden zu führen schienen, zu einem erneuten Anwachsen der Stämme und ihrer Bedeutung?

Auf den ersten Blick scheint dieses Wiederemporkommen traditioneller sozialer Organisationsformen den linearen Forschungsansatz zu diskreditieren und für eine Variante des Weberschen Essentialismus bei der Analyse des Irak und der Gesellschaften des Mittleren Ostens überhaupt zu sprechen. Aber jenseits dieser Polarität könnte sich ein dritter, spekulativer Ansatz als fruchtbarer erweisen, um diese bizarre Abnormität zu erklären. Dabei sollten die Analysen ihren Blick auf zwei Hauptakteure konzentrieren: zum einen auf den Staat selbst als politische Ordnung und nationale Einheit und zum anderen auf die Sozialorganisation unterhalb der Staatsebene, nämlich die Stammesnetzwerke und die Ideologie der Abstammung, die sich bis jetzt in ländlichen und provinziellen Kleinstädten, in denen 28 Prozent der Bevölkerung leben, gehalten haben.

Die Stämme und ihre historischen Wurzeln

Der Stamm ist das vielleicht dauerhafteste und zugleich umstrittenste soziale Gebilde im Mittleren Osten. Vom Aufstieg der schriftsprachlichen, zentralisierten politischen Systeme der Agrarepoche bis zur Ära der Industriegesellschaft und der Nationalstaaten hat der Stamm unablässig Veränderungen standgehalten. Was genau ist daher also ein Stamm, und was ist Tribalismus? Schon im 14. Jahrhundert hat der Soziologe Ibn Khaldun dazu eine sehr einflussreiche Theorie vorgelegt. Im Verlauf des so genannten Khaldunschen Zyklus eroberten durch asabiya (Stammesbewusstsein und Solidarität) geeinte Stämme periodisch die Zentren der Zivilisation, um dann ihrerseits zivilisiert zu werden. Ibn Khaldun sah Nomadentum (badawa) und Stadtleben (hadara) als entgegengesetzte Pole eines dynamischen Gleichgewichts. Unter diesem Blickwinkel gewannen die Stämme nur aus dem Gegensatz zum Stadtstaat ihre Bedeutung.

Während der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft bildeten starke Stämme im Irak mobile Ministaaten, die über militärische Macht und beträchtliche Weidegründe verfügten und in der Lage waren, von den besiedelten Gebieten Tribut einzutreiben. Es entwickelte sich ein auf Subsistenzwirtschaft basierendes hierarchisches System, an dessen Spitze die Stämme der Kamelzüchter standen, nach ihnen kamen die Schafzüchter, weiter unten die Bauern und am Ende der Skala die Sumpfbewohner. Wo der Ackerbau überwog, gab es eine andere Hierarchie mit den Reisbauern an der Spitze, gefolgt von den Gemüsebauern und den Handarbeitern. Die Heirat zwischen diesen Gruppen war verboten oder verpönt.

Die stabile Herrschaft und das Schießpulver der Osmanen machten dem Khaldunschen Kreislauf im Irak ein Ende und veränderten die Machtverhältnisse zugunsten der besiedelten Gebiete. Die Osmanen machten aus den Stammesoberhäuptern der Kamelzüchter Steuer zahlende Bauern; sie erkannten die Zentralmacht an und trieben nun statt des früheren Tributs Steuern für den Staat ein. Zusammen mit der Einführung des Privateigentums an Gemeindeland führten diese Veränderungen dazu, dass die Spaltungen zwischen den Stämmen sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Gegensatz zwischen Landbesitzern und Landlosen entwickelten. Die Grundbesitzer legten sich zur Durchsetzung ihres Willens Streitkräfte zu, die von den Stämmen unabhängig waren, während das britische Kolonialrecht die ländlichen Gebiete des Irak bis 1958 aus dem nationalen Rechtssystem ausschloss. Unterdessen bemächtigte sich der Kolonialstaat schrittweise früherer Stammesfunktionen, wie der Registrierung von Land, der Wasserverteilung sowie der Durchsetzung von Recht und Ordnung. Außerdem beanspruchte er das Gewaltmonopol.

Auf sozialer Ebene verschwand der Stamm und wurde durch Dorfgemeinschaften ersetzt, die auf Familienverbänden oder Unterklans und Abstammung basierten. Diese Gemeinschaften behielten oft ihren Stammesnamen bei, waren aber dem landwirtschaftlichen Markt und nicht der Subsistenzwirtschaft verbunden. Mit der Migration vom Land in die Stadt wurden Formen der Dorfsolidarität in die angrenzenden Städte verpflanzt, in denen sich der Prozess der Enttribalisierung sehr langsam vollzog. Die bäuerlichen Migranten, die in den fünfziger Jahren Umara und Kut verließen, ließen sich in den östlichen Vororten Bagdads nieder. Ihre Vorstadt Madinat al-Thawra (Stadt der Revolution) bestand aus Parallelstraßen, die von kleinen Straßen und Gassen durchzogen waren. Jede Allee oder Straße war nach Art der Straßen in New York City nummeriert. Innerhalb eines Jahres waren Stammesnamen an die Stelle dieser Straßennummern getreten, die die Taxi- und Minibusfahrer sowie die Staatsbeamten nun lernen mussten. Das Stadtleben mit seiner fragmentierenden Arbeitsteilung, seiner kommerzialisierten Wirtschaft, seinem fremden Lebensstil und seinem feindlichen Umfeld stärkte diesen kulturellen Tribalismus. Ein dauerhafter kultureller Tribalismus lebte in friedlicher Symbiose mit den zeitgenössischen Ideologien und sozialen Bewegungen und fand zum Beispiel sowohl in kommunistisch geführte Gewerkschaften als auch in islamische Moscheen Eingang.

Fortgesetzte Desintegration

Der Verlauf der Stammesauflösung erschien geradlinig und von Dauer. Große Stammesföderationen, wie die Muntafiq im Süden des Irak, begannen in Einzelsegmente zu zerbrechen. Scheichs verwandelten sich in abwesende Grundbesitzer, einfache Stammesmitglieder in Landarbeiter oder Pachtbauern. Eine zentralisierte Regierung übernahm verschiedene Funktionen, die bis dahin die Stämme ausgeübt hatten, darunter die Bereiche Rechtswesen, Schlichtung von Streitigkeiten über Land und Wasser, Registrierung von Land, Bildung und öffentliche Ordnung. Die Migration, das moderne Bildungswesen, die Kommerzialisierung der bäuerlichen Wirtschaft und eine starke staatliche Verwaltung schwächten den Stammeszusammenhalt noch zusätzlich. In der Mehrzahl der Fälle reduzierten sich die Stämme auf kleine Familienverbände, Dorfgemeinschaften oder einen gemeinsamen Familiennamen mit historischen Anklängen. In den ländlichen Gebieten und kleinen Provinzstädten behielten die Reste alter gesellschaftlicher Organisationsformen ihr Wertesystem, ihren Lebensstil und ihre Verwandtschaftsideologie jedoch bei.

Die den Stämmen angehörigen Grundbesitzer wurden durch aufeinander folgende negative Ereignisse geschwächt. Verschiedene Agrarreformen beraubten sie ihrer wirtschaftlichen Macht, und der Sturz der Monarchie 1958 beseitigte ihren politischen Einfluss. Bis 1970 verzeichnete man einen ständigen Rückgang des Stammeseinflusses. Die Übernahme der Macht durch die Baath-Partei lenkte jedoch das Geschick der Stämme in neue Bahnen. Diverse Formen des Tribalismus wurden nunmehr vom Staat konstruiert, ermutigt oder manipuliert.

Staatszentrierter, militärischer und sozialer Tribalismus

Das Baath-Regime hat verschiedene Formen des Tribalismus geschaffen oder manipuliert. Erstens baute es einen staatszentrierten oder politischen Tribalismus auf. Durch diesen Prozess wurde Saddam Husseins eigene Stammesverwandtschaft und -organisation in den Staat integriert, um die Macht einer fragilen, verwundbaren herrschenden Elite zu stärken. Dieser Prozess war exklusiver Natur und förderte bestimmte sunnitisch-arabische Klans und Verwandte der Elite. Die Entfaltung des staatszentrierten Tribalismus begann in den siebziger Jahren und dauerte bis Anfang der neunziger Jahre. Er spielt immer noch eine Rolle, zeigt aber bereits Anzeichen von Schwäche und Überalterung.

Zweitens leitete die Baath-Partei eine Wiederbelebung des militärischen Tribalismus in die Wege. Das Baath-Regime entdeckte den militärischen Tribalismus der Kurden für sich und beutete ihn aus. Bereits 1974 wurden Aghas (Oberhäupter) der Stämme der Sorchy, Mezouri, Doski, Herki und Zibari als Söldner im Kampf gegen die nationalistische kurdische Bewegung rekrutiert. Solche militärischen Dienstleistungen wurden während des Kriegs zwischen dem Irak und dem Iran (1980-1988) sogar noch wichtiger. Insgesamt 100 000 bis 150 000 Kurden wurden zu Bataillonen der Nationalen Verteidigung (Afwaj al-Difa al-Watani) zusammengestellt. Die Förderung des politischen und militärischen Tribalismus durch die Baath-Partei kehrte den Niedergang der Stammeschefs und der Stammesideologie um. Der politische Tribalismus löste die Menschen zunächst aus ihren Verwandtschaftsgruppen heraus, um sie in Staatsinstitutionen einzugliedern. Sobald sie aber einmal zu Reichtum und Macht gekommen waren, zog ihre Stammesverwandtschaft Nutzen und Vorteile aus ihrem Patronatsrecht. Sie wussten, dass das Baath-Regime sie ausbeutete und taten ihrerseits umgekehrt dasselbe. Im Fall des militärischen Tribalismus vermehrten die vom Staat begünstigten Aghas ihren Reichtum und ihre Macht. Sie fungierten nicht nur als die Arbeitgeber ihrer ärmeren Stammesgenossen oder ihrer Dorfvasallen, sondern auch als unentbehrliche Vermittler bei den staatlichen Institutionen. Der staatszentrierte Tribalismus war dem Wesen nach exklusiv und beschränkte sich auf die verwandtschaftlichen Netzwerke der herrschenden Elite. Im Gegensatz dazu breitete sich der militärische Tribalismus vor allem - aber nicht nur - unter den kurdischen Stämmen aus.

Anders als die ersten beiden Formen stellt die dritte Form des Tribalismus, der soziale Tribalismus, eine Wiederbelebung, Manipulation oder Erfindung von Stammesstrukturen dar, die aus kulturellen verwandtschaftlichen Netzwerken und Werten hervorgehen, wie sie in den Dörfern oder - wichtiger noch - unter bäuerlichen Migranten oder in Provinzstädten vorhanden sind. Während des Irak-Iran-Kriegs entdeckte das Regime die Vitalität der arabischen Stämme im Süden, die sehr erfolgreich gegen die iranischen Streitkräfte kämpften. Sie wurden sehr bald kollektiv umworben, mit dem Ziel, die Herrschaft der Baath-Partei im Irak zu unterstützen. Ein weiteres Kennzeichen des sozialen Tribalismus war der seit Ende der achtziger Jahre vor sich gehende Aufstieg der Stammesnotabeln im gesellschaftlichen Leben - ein Ergebnis des Niedergangs moderner zivilgesellschaftlicher Vereinigungen und Einrichtungen. Während die Organisation der Baath-Partei schwächer wurde, belebten sich ursprünglichere Netzwerke neu, um die soziale Leere zu füllen.

Kultureller Tribalismus war keine Erfindung des Staates, sondern vielmehr Teil des sozialen Gefüges einer Gesellschaft, die eine schnelle und destruktive Übergangsphase durchmachte. Die Einmischung des Staates ermöglichte es dem kulturellen Tribalismus, neue Rollen zu übernehmen. Nachdem sie vom Staat ermutigt wurden, für Recht und Ordnung zu sorgen, nahmen die alten Stammesfamilien ihre Aufgabe sehr ernst. Diese Wiederherstellung der - realen oder fiktiven - Stämme breitete sich rasch aus. Ironischerweise fand diese Wiederherstellung nunmehr in einem urbanisierten, bürgerlichen Milieu statt.

Dieser Prozess trat 1992 öffentlich zutage, als eine Reihe von Stammesführern Saddam Hussein in seinem Palast ihre Aufwartung machte. Saddam Hussein entschuldigte sich für die Agrarreformen der vergangenen 30 Jahre und versprach eine Aussöhnung. Im Gegenzug hissten die Stammesscheichs ihre Fahnen und legten einen Treueschwur auf den Präsidenten ab, der damit eine Reinkarnation als Oberhaupt der Stammesführer erlebte. Die Stammeschefs wurden vom Militärdienst befreit, erhielten aber leichte Waffen sowie Kommunikations- und Transportmittel, um in ihren Bezirken für Recht und Ordnung zu sorgen.

Einige große, meist sunnitische Stämme wurden mit Aufgaben der nationalen Sicherheit betraut, während man kleineren Stämmen örtliche Pflichten übertrug: die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, die Schlichtung von Streitigkeiten und das Eintreiben von Steuern. Sämtliche Stämme wurden ermutigt, als verlängerter Arm der staatlichen Organe zu fungieren. Die Wiederbelebung der Stämme als soziale Akteure ergibt sich aus der Notwendigkeit, die durch die Zerstörung der gesellschaftlichen Institutionen geschaffene Leere ebenso wie das aus dem Verfall des Staates als Garant für Recht und Sicherheit resultierende Vakuum auszugleichen. Diese neu belebten oder erfundenen Stämme operieren nicht in ihrer traditionellen Umgebung, den ländlichen Gebieten, sondern in den städtischen Zentren und zerstören somit eine verstädterte und gebildete Gesellschaft.

Die heutigen Stämme im Süden des Irak sind keine zusammenhängenden sozialen Gruppen, sondern sie sind vertikal gespalten. Dabei kann der eine Teil sich für die Regierungsarbeit begeistern, während ein anderer Teil sie bekämpft. Diese vertikalen Spaltungen machen es unmöglich, eine Liste von Stämmen aufzustellen, die für beziehungsweise gegen das Regime sind. Saddam Hussein hat die Stammesorganisationen wiederbelebt, um ein Gegengewicht zu anderen Kräften sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch des Staates zu schaffen, die das Fortbestehen seiner Herrschaft hätten gefährden können.

Aber dieser Prozess kann leicht in sein Gegenteil umschlagen. So waren beispielsweise im Dienst der Regierung stehende kurdische Söldner führend an dem Aufstand von 1991 beteiligt. Ihre Rebellion kam durch eine in Dohuk geschlossene Stämmeallianz der Mezouri und Doski zustande. Ihre Meuterei veränderte die Kräfteverhältnisse in dieser Region dramatisch. Sie zwang irakische Armeeeinheiten im Norden, die Waffen niederzulegen, und erlaubte es aufgebrachten Zivilisten, die Büros der Regierung zu stürmen. Die arabischen Stämme im Süden rebellierten ebenfalls, spielten aber keine führende Rolle in der Bewegung. In der Konfrontation, die dem Irak nach Kriegsende bevorsteht, werden sie vielleicht eine größere Rolle spielen. In Nadjaf wurde noch zur Regierungszeit von Saddam Hussein ein starkes Bündnis zwischen wichtigen Stämmen des Südens und den religiösen Kreisen geschlossen. Auch sie standen in scharfer Opposition zum Baath-Regime.

Warum die Baath-Partei den Tribalismus benötigte

Zu den wichtigsten Merkmalen des irakischen Staates seit der Kolonialzeit gehört seine Loslösung von einer breiten sozialen Basis. Die britische Militärmacht und nach ihr der massive Ölreichtum versetzten den Staat in die Lage, die wohlhabende Gesellschaftsschicht zu vernichten oder ihren Einfluss zu reduzieren und den Großteil des gesellschaftlichen Reichtums zu kontrollieren, wodurch autoritäre Tendenzen freigesetzt wurden, die eine gleiche Verteilung der Macht in einer multiethnischen, multireligiösen Gesellschaft verhinderten. Als Staat auf der Suche nach einer Nation gewährte die Monarchie den traditionellen Statusgruppen einige partizipatorische Mechanismen, überging dabei aber die sich entwickelnde Mittelschicht und die Arbeiter. Die radikalen Regime, die auf den Sturz der Monarchie folgten, stärkten die Repräsentation der Mittelklasse, versäumten aber eine Integration ethnischer und religiöser Gruppen, was Instabilität erzeugte. Noch gravierender wirkte sich die Auflösung institutioneller Strukturen wie des Parlaments und des Oberhauses auf den Aufbau einer Nation aus.

Das Militär besaß die Gewaltmittel und damit die einzige Chance zum Machtgewinn innerhalb der neuen Regime. Das Offizierskorps war jedoch aufgrund von sozialen, kulturellen und ideologischen Gegensätzen zerrissen. Die Serie von Putschen und Militärregierungen in den sechziger Jahren fand niemals eine soziale Basis, die es dem jeweiligen Regime ermöglicht hätte, interner Opposition standzuhalten. Die Initiatoren der zweiten Machtübernahme der Baath-Partei im Juli 1968 sollten diesen Mangel dann beheben. Die neue, sich um die Baath-Partei gruppierende Elite zeichnete sich durch vier Merkmale aus: 1) Sie stammte aus den kleinen Provinzstädten, wo die Stammessolidaritäten am stärksten ausgeprägt sind, 2) sie war sich der Macht des Militärs sehr bewusst, 3) sie hatte Erfahrungen im politischen Umgang mit den Massen, 4) sie wusste um ihre eigene Schwäche. Die Elite lebte in ständiger Angst, ihre Macht wieder zu verlieren. Wie Saddam Hussein einmal bemerkte: "Wir dürfen es nicht drei oder vier Offizieren überlassen, mit einigen Panzern anzukommen und sich die Macht zurückzuholen."

Das Regime begegnete dieser Herausforderung, indem es die Mitgliederschaft der Partei in weniger als acht Jahren massiv auf 1800 000 aufstockte und die Militär- und Sicherheitsorgane mit Familien- und Klannetzwerken durchsetzte. Die Rekrutierung für diese Organe erfolgte durch drei Körperschaften: das Militärbüro der Partei, das immer von Mitgliedern des Beijatklans von Saddam Hussein oder deren engen Verbündeten geleitet wurde, das Büro für Öffentlichkeitsarbeit (Maktab al-Alaqat al-Amma), das unter dem persönlichen Vorsitz Saddam Husseins sämtliche Sicherheitsdienste koordinierte, und das Komitee der Stämme, das mit der Überwachung der syrisch-irakischen Grenze beauftragt war. Dadurch, dass er diese drei Körperschaften in seiner Hand vereinigte, gewann Hussein die Möglichkeit, Mitglieder der armen Familienverbände und Klans in den sunnitischen Gebieten des Irak buchstäblich zu kaufen. Die Mitglieder des Beijatklans wurden bevorzugt für empfindliche Sicherheitsorgane wie die Republikanische Garde, das Verteidigungsministerium, die Bagdad-Garnison und die Luftwaffe rekrutiert. So brachten die aus früherer Zeit stammenden Netzwerke in die durch zahlreiche vorherige Putschversuche entstandene verschwörerische Atmosphäre dringend benötigte Tugenden wie Loyalität und Vertrauen ein.

Mit diesem staatszentrierten Tribalismus löste der Staat Stammeselemente aus ihrer ursprünglichen Umgebung heraus und baute sie in den Staat selbst ein. Ursprüngliche Netzwerke wurden somit in die Bürokratie der Partei, der Verwaltung und des Militärs integriert. Der große Patriarch wurde nun zum Führer der Partei und Oberhaupt des Staates. Aber der staatszentrierte Tribalismus zerstörte die Stammessolidaritäten nicht vollständig. Stattdessen stiegen die Stammesangehörigen, während sie innerhalb des Staates Reichtum und Macht anhäuften, in ihrem eigenen Klan in höhere Positionen auf, während der Klan sie seinerseits als Sprungbrett für wirtschaftliche und politische Macht benutzte. Die favorisierten Klangruppen erhielten lukrative Verträge mit der Regierung und verbanden sich mit der Schicht der neuen Reichen. Vorläufige Forschungen deuten darauf hin, dass der Beijatklan und seine Verbündeten nunmehr zur Schicht derer gehörten, die durch Regierungsaufträge Millionäre geworden waren - ihre Zahl war bis zum Ende des Irak-Iran-Kriegs 1988 auf 3000 angewachsen. Gewisse Familien wurden nun in die Lage versetzt, ihre durch Stammesbeziehungen konzentrierte soziale und wirtschaftliche Macht gerade dann verstärkt einzusetzen, wenn der Staat geschwächt war.

Stamm gegen Partei

Diese beiden Logiken des staatszentrierten Tribalismus, nämlich die der modernen Bürokratie und die der Stammesloyalität, können zwar friedlich nebeneinander existieren, mussten aber unter dem Baath-Regime schließlich frontal zusammenstoßen. Während der ersten vier Jahre der Baath-Herrschaft waren keinerlei Anzeichen einer Opposition gegen die umfassende Integration von Stammesmitgliedern in die Bürokratie zu sehen. Tatsächlich hieß die Partei jedes Mittel zur Stärkung ihrer Reihen willkommen. Aber zwei Episoden sollten bald auf die Unzufriedenheit mit der Partei hinweisen, nämlich der im Juli 1973 vom früheren Generaldirektor des Sicherheitsdienstes Nazim Gizar organisierte fehlgeschlagene Putsch und die von den Mitgliedern des Revolutionären Kommandorats (RKR) Muhammad Ayish und Adnan Hussein geführte so genannte "Verschwörung" gegen Saddam Hussein im Juli 1979. Zu den auslösenden Faktoren dieser Revolte von Parteiapparatschiks aus der Mittelschicht gehörte auch der Ärger über die Macht des Beijatklans, einschließlich Saddam Husseins und seiner Verwandten aus Tikrit. Die Unzufriedenen in der Partei strebten nach praktischer politischer Macht, indem sie mit bedeutenden Stammesgruppen ein Bündnis eingingen, statt sie zu stürzen. 1979 versuchte die Parteiopposition, einen Angehörigen des Beijatklans, Präsident Bakr, gegen Saddam Hussein und seine Halbbrüder durchzusetzen. Der Erfolg des Beijatklans und seiner Stammesverbündeten bewies, wie Recht Ibn Khaldun hatte, als er schrieb: "Diejenigen, welche die Solidarität des Stammes haben, führen" (al-riasa fi ahl al-asabiya).

Wie alle Formen gesellschaftlicher Zusammenschlüsse sind auch die Khaldunschen Stammessolidaritäten anfällig für ein Auseinanderbrechen und heftige Machtkämpfe. Selbst der Beijatklan von Saddam Hussein ist in Subklans und Familienverbände aufgeteilt, auf die er sich besonders verlassen konnte. Von der "Tikrit-Bande" zu sprechen, wie dies in den Medien oft getan wurde, ist jedoch irreführend, da die Stämme in Tikrit in drei unterschiedliche Gruppen aufgeteilt sind: erstens die Albu Nasr, zweitens die so genannten "ursprünglichen oder historischen Tikritis", die ihre Herkunft von der römischen Garnisonsstadt ableiten, und schließlich die Nachfahren der Dulaym. Albu Nasr ist heute der fiktive Stamm, dessen Führung der Beijatklan beansprucht. Dieser Klan besteht aus zehn Familien. Als Ahmad Hassan al-Bakr 1968 Präsident der Republik wurde, eroberte seine Bakr-Gruppe die Führung im Klan. Mit der Entmachtung Bakrs ging die Macht an drei Familien über, eine davon war die Familie der Albu Khattab, derjenige Teil des Klans, von dem Saddam Hussein und seine Halbbrüder abstammen.

Laut Ibn Khaldun beginnt die asabiya in dem Augenblick zu zerbrechen, in dem der Stamm sich den Reichtum des Staates aneignet. In einem modernen, wirtschaftlich auf den Öleinnahmen beruhenden Staat kommt dieses Auseinanderbrechen schneller zum Vorschein und nimmt eine andere Form an. Im Irak kam der erste Schnitt mit der Säuberung der Tikritis selbst, die unter anderem den Exverteidigungsminister Hardan Abd al-Ghaffar al-Tikriti, der 1971 in Kuwait ermordet wurde, und den Exangehörigen des Revolutionären Kommandorats Salah Umar Ali betraf, der 1970 auf einen unbedeutenden diplomatischen Posten in die USA abgeschoben wurde. Das zweite wichtige Ereignis im Rahmen der Spaltungen innerhalb des Beijatklans war der erzwungene Rücktritt Ahmad Hassan al-Bakrs im Juni 1979. In diesen Fällen wurden Partei und Klan wechselseitig gegeneinander ausgespielt.

Der dritte Riss in der Stammesstruktur der Tikritis wurde im Zusammenhang mit der Flucht beziehungsweise Rückkehr und der am 23. Februar 1996 erfolgten Ermordung der Schwiegersöhne Saddams, Hussein Kamil und Saddam Kamil, offenbar. Hier konnte man die Spaltung des Klans am besten beobachten. Dabei war es zwischen den Familien der Schwiegersöhne Saddam Husseins, den Majids und den Albu Khattabs, zu Spannungen gekommen. Die aus der väterlichen Linie stammenden Cousins des Präsidenten entfernten die Albu Khattabs aus dem Sicherheits- und Geheimdienstapparat. Saddam Husseins Söhne Qussai und Udai, deren Stern am Aufsteigen war, verwiesen sowohl Saddam Husseins Halbbrüder als auch seine Cousins aus der Majidgruppe entweder auf zweitrangige Positionen oder verdrängten sie ganz.

Diese Antagonismen wurzelten zum Teil in Verbindungen durch Heirat. Saddam Hussein hat drei Töchter und zwei Söhne. Ihre Ehen brachten eine Neuverteilung der politischen Macht mit sich, bei der sämtliche Familien miteinander um die Vorherrschaft konkurrierten. Bei seinen beiden ältesten Töchtern entschied sich der Präsident für den Familienzweig seines Vaters und verheiratete sie - sehr zum Missvergnügen anderer Gruppen, besonders seiner Halbbrüder, die sich in ihrer Macht bedroht fühlten - mit den Kamils. Als dann auch noch Hussein Kamils jüngerer Bruder der dritten und jüngsten Tochter des Präsidenten einen Antrag machte, protestierten sogar die anderen zur Majidgruppe gehörenden Familien gegen diese außergewöhnliche Machtkonzentration. Der blutige Sturz der Kamils sorgte für bittere Zwietracht in der Familie des Präsidenten.

Der Stamm anstelle des Staates

Wo der staatszentrierte Tribalismus bewusste Politik war, versuchte der Staat, die außerhalb seiner selbst liegende Stärke des Stammes zu eliminieren. Das Einparteiensystem des Baath-Regimes absorbierte alle gesellschaftlichen Institutionen wie Gewerkschaften, Berufsverbände, unabhängige Presse, Handelskammern und Industrieverbände. Das durch die allgegenwärtige Hegemonie des Staates geschaffene Vakuum reaktivierte die verwandtschaftlichen Netzwerke als Schutzschilde, Sicherheitsgarantien und Einkommensquellen. Die Notwendigkeit von verwandtschaftlichen Netzwerken war umso stärker, je schwächer die sozialen Leistungen des Staates unter dem Einfluss von Krieg und Sanktionen wurden.

In den achtziger Jahren schwächten Parteiapparatschiks die lokale Stärke der Stämme, indem sie Rollen übernahmen, die bis dahin Notabeln der Gemeinschaften innehatten. Dieses Eindringen von Staat und Partei störte die Stammeshierarchie in mehrerer Hinsicht. So regierte etwa ein Parteikader aus einem der niederen Klans (zum Beispiel ein Bewohner der Sumpfgebiete) über Stammesgruppen, die einen höheren Status genossen. Dieses Eindringen war indes nur von begrenzter Dauer.

Während des Irak-Iran-Kriegs (1980-1988) waren Parteimitglieder innerhalb der Stämme dünn gesät, da sie massenhaft für die Kriegsmaschinerie rekrutiert worden waren. Als sich die wirtschaftliche Lage zuspitzte, kehrten alte Führungsmuster wieder zurück. Die staatlichen Medien trugen zu diesem Trend bei, indem sie die populärsten Formen der Stammesdichtung zum Thema Krieg propagierten. Da die Soldaten größtenteils Stammesmitglieder waren, konzentrierte sich die Propagandaabteilung des Verteidigungsministeriums auf Stammesbegriffe wie männliche Tapferkeit, militärisches Können, Rache und Ehre.

Mit dem zweiten Golfkrieg 1991 verlor der Staat einen Großteil seiner wirtschaftlichen und militärischen Stärke. Seiner Einnahmen beraubt, zog er sich aus den sozialen Dienstleistungen zurück, und die lohnabhängigen mittleren und unteren Schichten in Stadt und Land litten besonders stark unter der Hyperinflation und der neu eingeführten hohen Besteuerung. Der unkontrollierte Handel nahm zu, ebenso die Armut. Der Staat als Kontroll- und Regierungsinstrument nahm schweren Schaden: Die Armee wurde auf weniger als ein Drittel ihrer Stärke vor dem Krieg beschnitten, die Partei zerfiel, und die Sicherheitsdienste mussten während und nach den Aufständen vom März 1991 schwere Verluste hinnehmen. Besonders in den ländlichen schiitischen Gegenden, wo die staatliche Kontrolle am schwächsten war, aber auch in den bäuerlichen sunnitischen Gebieten, entwickelte sich ein voll ausgebildeter Tribalismus, der die von dem totalitären Regime hinterlassenen Lücken füllte.

Staat und sozialer Tribalismus

Der soziale Tribalismus wurde vom Staat nicht erfunden, sondern lediglich entdeckt. Während der heftigen Kämpfe von 1982 bis 1985 an den Fronten von Basra und Umara leisteten die arabischen Stämme der Bezirke von Qurna und der Sumpfgebiete den iranischen Streitkräften freiwillig Widerstand. Dies entging auch dem wachsamen Auge des Regimes nicht. Der militärische Tribalismus der arabischen Schiiten unterschied sich von dem auf Bestechung basierenden Kampf der kurdischen Stämme gegen die nationalistischen Peschmerga. Er beruhte auf irakischem Nationalismus und erfolgte spontan.

Rawqan Ghaffur al-Majid, ein Neffe und Gehilfe von Präsident Saddam Hussein, wurde beauftragt, die schiitischen Stämme als nationale Verteidigungsstreitkraft auf den Schlachtfeldern von Basra, Umara und Kut sowie in den Sumpfgebieten zu bewaffnen. Das Regime versuchte, die kulturellen Widersprüche zwischen arabischem und persischem Schiismus auszunutzen. Der Schiismus im Iran war stets ein integraler Teil des iranischen Nationalismus gewesen und unterschied sich vom bäuerlichen Schiismus im Irak. Für die arabischen Stämme des Sumpflandes war der ethnische Unterschied immer von großer Bedeutung. Parteischreiben aus dieser Zeit lobten die Stämme für ihre Tapferkeit, ihre Männlichkeit, ihren Mut und ihr militärisches Können und priesen sie als Bastion eines unverfälschten Arabismus.

Als der Golfkrieg und die Aufstände von 1991 den Niedergang der Partei und den Wiederaufstieg der lokalen Autoritätsstrukturen deutlich machten, suchte das Baath-Regime nach einem Bündnis mit der aufsteigenden Macht. So wurde am 29. März 1991 zum ersten Mal in der modernen Geschichte des Irak ein hoher Abgesandter der Stammesführer im Präsidentenpalast empfangen. Dies geschah kurz nach der Niederlage des Irak im zweiten Golfkrieg und dem Scheitern der Aufstände, die nach der Niederlage ausgebrochen waren. Von da an besuchte ein Stammesgesandter nach dem anderen den Palast von Saddam Hussein, um seine Loyalität durch Symbole wie das Hissen der Stammesflagge (bayraq) und das Zurücklassen dieser Flagge im Palast zu demonstrieren. Bei einem dieser Zusammentreffen entschuldigte sich der Präsident für die früheren Agrarreformen, in deren Verlauf die Ländereien der Scheichs beziehungsweise Grundbesitzer aufgeteilt worden waren, und verfügte die Neuverteilung von Land zu deren Entschädigung. In den irakischen Zeitungen spiegelte sich die Rehabilitierung der Stämme auf verschiedene Art wider. Statt der üblichen Ergebenheitsadressen von Studentenorganisationen oder Gewerkschaften hatten die Stammesscheichs jetzt mehr Einfluss.

Retribalisierung?

Die tatsächliche Wiederherstellung "authentischer" Stammesgruppen, die sich um einen Kern anerkannter Ältester scharten, war oft schwer zu bewerkstelligen. Migration, widersprüchliche wirtschaftliche und soziale Interessen sowie Veränderungen im Lebensstil und in den Wertesystemen hatten die alten kulturellen wie räumlichen Orientierungspunkte von Klan und Stamm beinahe ausgelöscht. Dennoch waren die alten Stammesnamen und -symbole von einigen alten Familien dem Namen nach beibehalten worden. Die neuen Möglichkeiten, die das Regime den Stammesoberhäuptern einräumte, ermutigte sie, die verschiedensten nominellen Stammesmitglieder um sich zu versammeln und ihnen den alten Stammesnamen zu verleihen.

Während "authentische" Stammesführer hohes Ansehen genießen, sind die "künstlichen" natürlich Gegenstand öffentlicher Verachtung. Zu ihrer Verspottung wurde sogar der höhnische Ausdruck "Oberhaupt made in Taiwan" geprägt.

Ob falsch oder echt, die wiederhergestellten Stämme haben wenig mit dem alten Stamm gemein. Das neue Gebilde ist eine vorwiegend städtische Erscheinung. Es basiert nicht mehr auf der Landwirtschaft und besitzt kein klar abgestecktes Territorium. Die Führer sind zum größten Teil Gebildete der Mittelschicht, Staatsbeamte und Ähnliches. Statt des traditionellen Gästehauses dienen von den Stammesführern gemietete moderne Wohnungen als Zentren für das gesellschaftliche Stammesleben. Die neuen Stämme sorgen für Recht und Ordnung und regeln Streitigkeiten unter ihren Mitgliedern sowie zwischen Stammesmitgliedern und anderen Klans. Solche Streitigkeiten reichen von wirtschaftlichen bis zu kriminellen Vergehen, einschließlich von Blutzollauseinandersetzungen. Angesichts der Korruption innerhalb der Polizei und der Justiz wendet man sich an mächtige und einflussreiche Stämme, wenn es darum geht, schwierige Streitigkeiten zu regeln oder um Schutz nachzusuchen. Diese Dienstleistungen sind zugleich lukrativ. Die neuen Stämme verschaffen sich so ganz offensichtlich eine unabhängige Einkommensquelle.

Im Mai 1996 machte sich das Regime daran, die Beziehungen zwischen Staat und Stamm in organisierte Bahnen zu lenken. Ein Planentwurf schlug einen hohen Rat der Stammesführer mit direktem Zugang zum Präsidenten vor, wobei die Scheichs im Austausch gegen ihre absolute Loyalität leichte Feuerwaffen, Land und Diplomatenpässe erhalten sowie vom Militärdienst freigestellt werden sollten. Neben polizeilichen und gerichtlichen Aufgaben vertraute man bestimmten Stämmen Aufgaben der nationalen Sicherheit an, wie bei dem militärischen Showdown zwischen dem Irak und den USA im November und Dezember 1998 zu sehen war. Bewaffnete Einheiten in Zivil und mit stammesüblicher Kopfbedeckung wurden an strategischen Punkten in Bagdad und anderen Städten postiert, um die speziellen Sicherheitskräfte bei der Durchführung von Plänen für den Ernstfall zu unterstützen. Solche Aktionen oblagen bis dahin der Volksarmee (Parteimiliz). Was immer diese Vorkehrung genau bedeutete, de facto hatte der Staat damit Macht an die örtlichen Führer abgegeben.

Stamm gegen Staat

Die Bündnisse mit den neuen Stämmen mögen den Staat gestärkt haben, aber die Beziehung ist voller Spannungen. Die nicht mehr einem Stamm angehörenden gesellschaftlichen Schichten fürchten, dass die neuerdings mächtigen Stammesführer das alte Gewohnheitsrecht in den städtischen Gebieten einführen. Ebenfalls Besorgnis erweckt das Bandenwesen mancher Stämme in den ländlichen Gebieten. So terrorisieren zum Beispiel Teile des Dulaymstamms Reisende auf der Route Bagdad-Amman. Autos und Busse müssen bei hellem Tageslicht in Konvois fahren, um nicht von Dulaymis überfallen zu werden. Die Rate der Gewaltverbrechen ist so rasant gestiegen, dass die Strafverfolgungsbehörden und die neuen Stämme in Schwierigkeiten geraten. So ist es kein Wunder, dass aus den Reihen der Partei bis zum Ende des Regimes von Saddam Hussein viele Proteste gegen das Erstarken der Stämme kamen.

Ebenso wie früher die klassischen Stämme bilden die neu geschaffenen Stämme eine Hierarchie, in der die Bündnisse ständig wechseln. Es besteht ein prekäres Gleichgewicht, das jedoch zerbrechlich ist und den heftigsten Gegensätzen standhalten muss. Dabei zeigt die Lösung von Streitigkeiten unter den Stämmen die Schwäche des Staates auf. So einigten sich in Bagdad einige Stammesgruppen in einem Prozess, der auf merkwürdige Art an die Funktionsweise der Zivilgesellschaft anderswo erinnert, auf eine Zusammenarbeit, die auf einem vom Staat unabhängigen System der Belohnung und Umverteilung beruht. Dieses Erbe der Selbstverwaltung könnte die Entwicklung der irakischen Gesellschaft zur Autonomie gegenüber dem Staat stärken, vorausgesetzt, der soziale Wohlstand bleibt von der politischen Macht unberührt.

Die unklaren Grenzen zwischen der Zuständigkeit von Staatsfunktionären und Stammesführern haben zu direkten Zusammenstößen zwischen staatlichen Behörden und der Macht der Stämme geführt. Stammeschefs haben Staatsbeamte wegen angeblicher Verletzungen des Gewohnheitsrechts, wie zum Beispiel bei körperlichen Schäden von Stammesmitgliedern, die wegen Fahnenflucht oder eines Verbrechens gesucht wurden, verklagt. Die Stämme reichten sogar Klagen gegen Staats- und Parteifunktionäre ein, in denen sie auf dem Stammesrecht beruhende Entschädigungen oder sogar Blutzoll verlangen. Militär- und Staatssicherheitsangehörige wurden wiederholt von rachsüchtigen Stammesgruppen mit Gewalt bedroht oder sogar ermordet. Im März 1997 sah sich der Revolutionäre Kommandorat zur Herausgabe der Resolution 24 veranlasst, in der den Stämmen untersagt wird, in irgendeiner Form gegen Staatsfunktionäre vorzugehen, die in Ausübung ihrer Pflicht die eine oder andere Person in irgendeiner Weise geschädigt haben.

Die Fusion von Staat und Stamm hat eine Wechselwirkung von Stammes- und institutionellen Konflikten erzeugt. Diese Überlappung war das natürliche Resultat der wechselseitigen Auswirkungen von staatszentriertem und sozialem Tribalismus. In der ersten Phase des staatszentrierten Tribalismus aus ihrer gewohnten Stammesumgebung herausgelöste Gruppen und Einzelpersonen wurden während der Blütezeit des sozialen Tribalismus wieder in diese Stammesbeziehungen eingebunden. Das Regime von Saddam Hussein musste jetzt befürchten, dass jeder Stammeskonflikt einen institutionellen Konflikt hervorbringen und dass umgekehrt jede institutionelle Auseinandersetzung Nachwirkungen auf Stammesebene haben könnte. Der Fall des Brigadegenerals Mazlum al-Dulaymi ist ein gutes Beispiel hierfür. Seine Hinrichtung führte in seiner Heimatstadt Ramadi zu massiven Protesten. Wie berichtet wurde, zettelten einige seiner Verwandten in der Militärbasis Abu Ghurayb dann einen militärischen Aufstand an, woraufhin Saddam Hussein Verteidigungsminister Ali Hassan al-Majid entließ.

Die Retribalisierung hat demnach zutiefst widersprüchliche Ergebnisse gezeigt: einen Konflikt zwischen Staat und Stämmen, einen Konflikt zwischen tribalistischen und nichttribalistischen Gesellschaftsschichten, einen Konflikt unter den Stämmen selbst und schließlich Zusammenstöße innerhalb des Staates.

Aus dem Englischen von Michael Schiffmann

11. Kapitel

Dossier: Irak nach dem Krieg

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