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Mitglieder des von den USA eingesetzten provisorischen Regierungsrates, der am 13. Juli 2003 in Bagdad die Arbeit aufgenommen und damit die Rückkehr des Irak zur Selbstregierung eingeleitet hat. Der Rat mit 25 Mitgliedern, in dem alle wichtigen Ethnien, Religionen und politischen Richtungen des Landes vertreten sind, ist laut US-Verwalter Paul Bremer der erste Schritt beim Aufbau einer Übergangsregierung.

Der Stamm im Staat

Der Zerfall der gesellschaftlichen Institutionen hat in Irak den Einfluss triablistischer Strukturen belebt / Von Faleh A. Jabar

(. . .) Der Stamm ist das vielleicht dauerhafteste und zugleich umstrittenste soziale Gebilde im Mittleren Osten. Vom Aufstieg der schriftsprachlichen, zentralisierten politischen Systeme der Agrarepoche bis zur Ära der Industriegesellschaft und der Nationalstaaten hat der Stamm unablässig Veränderungen standgehalten.

(. . .) Während der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft bildeten starke Stämme im Irak mobile Ministaaten, die über militärische Macht und beträchtliche Weidegründe verfügten und in der Lage waren, von den besiedelten Gebieten Tribut einzutreiben. Es entwickelte sich ein auf Subsistenzwirtschaft basierendes hierarchisches System, an dessen Spitze die Stämme der Kamelzüchter standen, nach ihnen kamen die Schafzüchter, weiter unten die Bauern und am Ende der Skala die Sumpfbewohner. Wo der Ackerbau überwog, gab es eine andere Hierarchie mit den Reisbauern an der Spitze, gefolgt von den Gemüsebauern und den Handarbeitern. Die Heirat zwischen diesen Gruppen war verboten oder verpönt.

Die stabile Herrschaft und das Schießpulver der Osmanen (. . .) veränderten die Machtverhältnisse zu Gunsten der besiedelten Gebiete. Die Osmanen machten aus den Stammesoberhäuptern der Kamelzüchter Steuer zahlende Bauern; sie erkannten die Zentralmacht an und trieben nun statt des früheren Tributs Steuern für den Staat ein. Zusammen mit der Einführung des Privateigentums an Gemeindeland führten diese Veränderungen dazu, dass die Spaltungen zwischen den Stämmen sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Gegensatz zwischen Landbesitzern und Landlosen entwickelten. (...) Unterdessen bemächtigte sich der Kolonialstaat schrittweise früherer Stammesfunktionen, wie der Registrierung von Land, der Wasserverteilung sowie der Durchsetzung von Recht und Ordnung. Außerdem beanspruchte er das Gewaltmonopol.

Auf sozialer Ebene verschwand der Stamm und wurde durch Dorfgemeinschaften ersetzt, die auf Familienverbänden oder Unterklans und Abstammung basierten. Diese Gemeinschaften behielten oft ihren Stammesnamen bei, waren aber dem landwirtschaftlichen Markt und nicht der Subsistenzwirtschaft verbunden. Mit der Migration vom Land in die Stadt wurden Formen der Dorfsolidarität in die angrenzenden Städte verpflanzt, in denen sich der Prozess der Enttribalisierung sehr langsam vollzog. (. . .)

Das Stadtleben mit seiner fragmentierenden Arbeitsteilung, seiner kommerzialisierten Wirtschaft, seinem fremden Lebensstil und seinem feindlichen Umfeld stärkte diesen kulturellen Tribalismus.

Ein dauerhafter kultureller Tribalismus lebte in friedlicher Symbiose mit den zeitgenössischen Ideologien und sozialen Bewegungen und fand zum Beispiel sowohl in kommunistisch geführte Gewerkschaften als auch in islamische Moscheen Eingang. (. . .) Bis 1970 verzeichnete man einen ständigen Rückgang des Stammeseinflusses. Die Übernahme der Macht durch die Baath-Partei lenkte jedoch das Geschick der Stämme in neue Bahnen. Diverse Formen des Tribalismus wurden nunmehr vom Staat konstruiert, ermutigt oder manipuliert.

Das Baath-Regime hat verschiedene Formen des Tribalismus geschaffen oder manipuliert. Erstens baute es einen staatszentrierten oder politischen Tribalismus auf. Durch diesen Prozess wurde Saddam Husseins eigene Stammesverwandtschaft und -organisation in den Staat integriert, um die Macht einer fragilen, verwundbaren herrschenden Elite zu stärken. Dieser Prozess war exklusiver Natur und förderte bestimmte sunnitisch-arabische Klans und Verwandte der Elite. Die Entfaltung des staatszentrierten Tribalismus begann in den siebziger Jahren und dauerte bis Anfang der neunziger Jahre. Er spielt immer noch eine Rolle, zeigt aber bereits Anzeichen von Schwäche und Überalterung.

Zweitens leitete die Baath-Partei eine Wiederbelebung des militärischen Tribalismus in die Wege. Das Baath-Regime entdeckte den militärischen Tribalismus der Kurden für sich und beutete ihn aus. Bereits 1974 wurden Aghas (Oberhäupter) der Stämme der Sorchy, Mezouri, Doski, Herki und Zibari als Söldner im Kampf gegen die nationalistische kurdische Bewegung rekrutiert. Solche militärischen Dienstleistungen wurden während des Kriegs zwischen dem Irak und dem Iran (1980-1988) sogar noch wichtiger. (. . .)

Die Förderung des politischen und militärischen Tribalismus durch die Baath-Partei kehrte den Niedergang der Stammeschefs und der Stammesideologie um. Der politische Tribalismus löste die Menschen zunächst aus ihren Verwandtschaftsgruppen heraus, um sie in Staatsinstitutionen einzugliedern. Sobald sie aber einmal zu Reichtum und Macht gekommen waren, zog ihre Stammesverwandtschaft Nutzen und Vorteile aus ihrem Patronatsrecht. Sie wussten, dass das Baath-Regime sie ausbeutete und taten ihrerseits umgekehrt dasselbe.

Im Fall des militärischen Tribalismus vermehrten die vom Staat begünstigten Aghas ihren Reichtum und ihre Macht. Sie fungierten nicht nur als die Arbeitgeber ihrer ärmeren Stammesgenossen oder ihrer Dorfvasallen, sondern auch als unentbehrliche Vermittler bei den staatlichen Institutionen. (. . .)

Anders als die ersten beiden Formen stellt die dritte Form des Tribalismus, der soziale Tribalismus, eine Wiederbelebung, Manipulation oder Erfindung von Stammesstrukturen dar, die aus kulturellen verwandtschaftlichen Netzwerken und Werten hervorgehen, wie sie in den Dörfern oder - wichtiger noch - unter bäuerlichen Migranten oder in Provinzstädten vorhanden sind. Während des Irak-Iran-Kriegs entdeckte das Regime die Vitalität der arabischen Stämme im Süden, die sehr erfolgreich gegen die iranischen Streitkräfte kämpften. Sie wurden sehr bald kollektiv umworben, mit dem Ziel, die Herrschaft der Baath-Partei im Irak zu unterstützen. Ein weiteres Kennzeichen des sozialen Tribalismus war der seit Ende der achtziger Jahre vor sich gehende Aufstieg der Stammesnotabeln im gesellschaftlichen Leben - ein Ergebnis des Niedergangs moderner zivilgesellschaftlicher Vereinigungen und Einrichtungen. Während die Organisation der Baath-Partei schwächer wurde, belebten sich ursprünglichere Netzwerke neu, um die soziale Leere zu füllen.

Kultureller Tribalismus war keine Erfindung des Staates, sondern vielmehr Teil des sozialen Gefüges einer Gesellschaft, die eine schnelle und destruktive Übergangsphase durchmachte. Die Einmischung des Staates ermöglichte es dem kulturellen Tribalismus, neue Rollen zu übernehmen. Nachdem sie vom Staat ermutigt wurden, für Recht und Ordnung zu sorgen, nahmen die alten Stammesfamilien ihre Aufgabe sehr ernst. Diese Wiederherstellung der - realen oder fiktiven - Stämme breitete sich rasch aus. Ironischerweise fand diese Wiederherstellung nunmehr in einem urbanisierten, bürgerlichen Milieu statt.

Dieser Prozess trat 1992 öffentlich zutage, als eine Reihe von Stammesführern Saddam Hussein in seinem Palast ihre Aufwartung machte. Saddam Hussein entschuldigte sich für die Agrarreformen der vergangenen 30 Jahre und versprach eine Aussöhnung. Im Gegenzug hissten die Stammesscheichs ihre Fahnen und legten einen Treueschwur auf den Präsidenten ab, der damit eine Reinkarnation als Oberhaupt der Stammesführer erlebte. Die Stammeschefs wurden vom Militärdienst befreit, erhielten aber leichte Waffen sowie Kommunikations- und Transportmittel, um in ihren Bezirken für Recht und Ordnung zu sorgen.

(. . .) Sämtliche Stämme wurden ermutigt, als verlängerter Arm der staatlichen Organe zu fungieren. Die Wiederbelebung der Stämme als soziale Akteure ergibt sich aus der Notwendigkeit, die durch die Zerstörung der gesellschaftlichen Institutionen geschaffene Leere ebenso wie das aus dem Verfall des Staates als Garant für Recht und Sicherheit resultierende Vakuum auszugleichen. Diese neu belebten oder erfundenen Stämme operieren nicht in ihrer traditionellen Umgebung, den ländlichen Gebieten, sondern in den städtischen Zentren und zerstören somit eine verstädterte und gebildete Gesellschaft.

Die heutigen Stämme im Süden des Irak sind keine zusammenhängenden sozialen Gruppen, sondern sie sind vertikal gespalten. Dabei kann der eine Teil sich für die Regierungsarbeit begeistern, während ein anderer Teil sie bekämpft. Diese vertikalen Spaltungen machen es unmöglich, eine Liste von Stämmen aufzustellen, die für beziehungsweise gegen das Regime sind. Saddam Hussein hat die Stammesorganisationen wiederbelebt, um ein Gegengewicht zu anderen Kräften sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch des Staates zu schaffen, die das Fortbestehen seiner Herrschaft hätten gefährden können.

Aber dieser Prozess kann leicht in sein Gegenteil umschlagen. So waren beispielsweise im Dienst der Regierung stehende kurdische Söldner führend an dem Aufstand von 1991 beteiligt. (. . .)

Zu den wichtigsten Merkmalen des irakischen Staates seit der Kolonialzeit gehört seine Loslösung von einer breiten sozialen Basis. Die britische Militärmacht und nach ihr der massive Ölreichtum versetzten den Staat in die Lage, die wohlhabende Gesellschaftsschicht zu vernichten oder ihren Einfluss zu reduzieren und den Großteil des gesellschaftlichen Reichtums zu kontrollieren, wodurch autoritäre Tendenzen freigesetzt wurden, die eine gleiche Verteilung der Macht in einer multiethnischen, multireligiösen Gesellschaft verhinderten. Als Staat auf der Suche nach einer Nation gewährte die Monarchie den traditionellen Statusgruppen einige partizipatorische Mechanismen, überging dabei aber die sich entwickelnde Mittelschicht und die Arbeiter. Die radikalen Regime, die auf den Sturz der Monarchie folgten, stärkten die Repräsentation der Mittelklasse, versäumten aber eine Integration ethnischer und religiöser Gruppen, was Instabilität erzeugte.

Die neue, sich (1968) um die Baath-Partei gruppierende Elite zeichnete sich durch vier Merkmale aus: 1) Sie stammte aus den kleinen Provinzstädten, wo die Stammessolidaritäten am stärksten ausgeprägt sind, 2) sie war sich der Macht des Militärs bewusst, 3) sie hatte Erfahrungen im politischen Umgang mit den Massen, 4) sie wusste um ihre eigene Schwäche. Die Elite lebte in ständiger Angst, ihre Macht wieder zu verlieren. (. . .)

Das Regime begegnete dieser Herausforderung, indem es die Mitgliederschaft der Partei in weniger als acht Jahren massiv auf 1 800 000 aufstockte und die Militär- und Sicherheitsorgane mit Familien- und Klannetzwerken durchsetzte. (. . .) Mit diesem staatszentrierten Tribalismus löste der Staat Stammeselemente aus ihrer ursprünglichen Umgebung heraus und baute sie in den Staat selbst ein. (. . .) Aber der staatszentrierte Tribalismus zerstörte die Stammessolidaritäten nicht vollständig. Stattdessen stiegen die Stammesangehörigen, während sie innerhalb des Staates Reichtum und Macht anhäuften, in ihrem eigenen Klan in höhere Positionen auf, während der Klan sie seinerseits als Sprungbrett für wirtschaftliche und politische Macht benutzte.

(. . . Doch) wie alle Formen gesellschaftlicher Zusammenschlüsse sind auch die Stammessolidaritäten anfällig für ein Auseinanderbrechen und heftige Machtkämpfe. Selbst der Beijatklan von Saddam Hussein ist in Subklans und Familienverbände aufgeteilt, auf die er sich besonders verlassen konnte. Von der "Tikrit-Bande" zu sprechen, wie dies in den Medien oft getan wurde, ist jedoch irreführend, da die Stämme in Tikrit in drei unterschiedliche Gruppen aufgeteilt sind: erstens die Albu Nasr, zweitens die so genannten "ursprünglichen oder historischen Tikritis", die ihre Herkunft von der römischen Garnisonsstadt ableiten, und schließlich die Nachfahren der Dulaym. Albu Nasr ist heute der fiktive Stamm, dessen Führung der Beijatklan beansprucht. Dieser Klan besteht aus zehn Familien. Als Ahmad Hassan al-Bakr 1968 Präsident der Republik wurde, eroberte seine Bakr-Gruppe die Führung im Klan. Mit der Entmachtung Bakrs ging die Macht an drei Familien über, eine davon war die Familie der Albu Khattab, derjenige Teil des Klans, von dem Saddam Hussein und seine Halbbrüder abstammen.

Laut Ibn Khaldun beginnt die asabiya in dem Augenblick zu zerbrechen, in dem der Stamm sich den Reichtum des Staates aneignet. In einem modernen, wirtschaftlich auf den Öleinnahmen beruhenden Staat kommt dieses Auseinanderbrechen schneller zum Vorschein und nimmt eine andere Form an. (. . .)

Wo der staatszentrierte Tribalismus bewusste Politik war, versuchte der Staat, die außerhalb seiner selbst liegende Stärke des Stammes zu eliminieren. Das Einparteiensystem des Baath-Regimes absorbierte alle gesellschaftlichen Institutionen wie Gewerkschaften, Berufsverbände, unabhängige Presse, Handelskammern und Industrieverbände. Das durch die allgegenwärtige Hegemonie des Staates geschaffene Vakuum reaktivierte die verwandtschaftlichen Netzwerke als Schutzschilde, Sicherheitsgarantien und Einkommensquellen. Die Notwendigkeit von verwandtschaftlichen Netzwerken war umso stärker, je schwächer die sozialen Leistungen des Staates unter dem Einfluss von Krieg und Sanktionen wurden.

(. . .) Mit dem zweiten Golfkrieg 1991 verlor der Staat einen Großteil seiner wirtschaftlichen und militärischen Stärke. (. . .) Der unkontrollierte Handel nahm zu, ebenso die Armut. Der Staat als Kontroll- und Regierungsinstrument nahm schweren Schaden: Die Armee wurde auf weniger als ein Drittel ihrer Stärke vor dem Krieg beschnitten, die Partei zerfiel, und die Sicherheitsdienste mussten während und nach den Aufständen vom März 1991 schwere Verluste hinnehmen. Besonders in den ländlichen schiitischen Gegenden, wo die staatliche Kontrolle am schwächsten war, aber auch in den bäuerlichen sunnitischen Gebieten, entwickelte sich ein voll ausgebildeter Tribalismus, der die von dem totalitären Regime hinterlassenen Lücken füllte. (. . .)

Die tatsächliche Wiederherstellung "authentischer" Stammesgruppen, die sich um einen Kern anerkannter Ältester scharten, war oft schwer zu bewerkstelligen. Migration, widersprüchliche wirtschaftliche und soziale Interessen sowie Veränderungen im Lebensstil und in den Wertesystemen hatten die alten kulturellen wie räumlichen Orientierungspunkte von Klan und Stamm beinahe ausgelöscht. Dennoch waren die alten Stammesnamen und -symbole von einigen alten Familien dem Namen nach beibehalten worden. Die neuen Möglichkeiten, die das Regime den Stammesoberhäuptern einräumte, ermutigte sie, die verschiedensten nominellen Stammesmitglieder um sich zu versammeln und ihnen den alten Stammesnamen zu verleihen.

Während "authentische" Stammesführer hohes Ansehen genießen, sind die "künstlichen" natürlich Gegenstand öffentlicher Verachtung. Zu ihrer Verspottung wurde sogar der höhnische Ausdruck "Oberhaupt made in Taiwan" geprägt.

Ob falsch oder echt, die wiederhergestellten Stämme haben wenig mit dem alten Stamm gemein. Das neue Gebilde ist eine vorwiegend städtische Erscheinung. Es basiert nicht mehr auf der Landwirtschaft und besitzt kein klar abgestecktes Territorium. Die Führer sind zum größten Teil Gebildete der Mittelschicht, Staatsbeamte und Ähnliches. (. . .)

Die neuen Stämme sorgen für Recht und Ordnung und regeln Streitigkeiten unter ihren Mitgliedern sowie zwischen Stammesmitgliedern und anderen Klans. Solche Streitigkeiten reichen von wirtschaftlichen bis zu kriminellen Vergehen, einschließlich von Blutzollauseinandersetzungen. Angesichts der Korruption innerhalb der Polizei und der Justiz wendet man sich an mächtige und einflussreiche Stämme, wenn es darum geht, schwierige Streitigkeiten zu regeln oder um Schutz nachzusuchen. Diese Dienstleistungen sind zugleich lukrativ. Die neuen Stämme verschaffen sich so ganz offensichtlich eine unabhängige Einkommensquelle.

Die Bündnisse mit den neuen Stämmen mögen den Staat gestärkt haben, aber die Beziehung ist voller Spannungen. Die nicht mehr einem Stamm angehörenden gesellschaftlichen Schichten fürchten, dass die neuerdings mächtigen Stammesführer das alte Gewohnheitsrecht in den städtischen Gebieten einführen. Ebenfalls Besorgnis erweckt das Bandenwesen mancher Stämme in den ländlichen Gebieten. (. . .) Die Rate der Gewaltverbrechen ist so rasant gestiegen, dass die Strafverfolgungsbehörden und die neuen Stämme in Schwierigkeiten geraten. So ist es kein Wunder, dass aus den Reihen der Partei bis zum Ende des Regimes von Saddam Hussein viele Proteste gegen das Erstarken der Stämme kamen.

Ebenso wie früher die klassischen Stämme bilden die neu geschaffenen Stämme eine Hierarchie, in der die Bündnisse ständig wechseln. (. . .) Dabei zeigt die Lösung von Streitigkeiten unter den Stämmen die Schwäche des Staates auf. So einigten sich in Bagdad einige Stammesgruppen in einem Prozess, der auf merkwürdige Art an die Funktionsweise der Zivilgesellschaft anderswo erinnert, auf eine Zusammenarbeit, die auf einem vom Staat unabhängigen System der Belohnung und Umverteilung beruht. Dieses Erbe der Selbstverwaltung könnte die Entwicklung der irakischen Gesellschaft zur Autonomie gegenüber dem Staat stärken, vorausgesetzt, der soziale Wohlstand bleibt von der politischen Macht unberührt.

Die unklaren Grenzen zwischen der Zuständigkeit von Staatsfunktionären und Stammesführern haben zu direkten Zusammenstößen zwischen staatlichen Behörden und der Macht der Stämme geführt. (. . .) Die Fusion von Staat und Stamm hat eine Wechselwirkung von Stammes- und institutionellen Konflikten erzeugt. Diese Überlappung war das natürliche Resultat der wechselseitigen Auswirkungen von staatszentriertem und sozialem Tribalismus. (. . .)

Die Retribalisierung hat demnach zutiefst widersprüchliche Ergebnisse gezeigt: einen Konflikt zwischen Staat und Stämmen, einen Konflikt zwischen tribalistischen und nichttribalistischen Gesellschaftsschichten, einen Konflikt unter den Stämmen selbst und schließlich Zusammenstöße innerhalb des Staates.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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