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Cafés und Fahrradwege statt dicht gedrängtem Autoverkehr - sieht so eine lebenswertere Stadt aus?
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Cafés und Fahrradwege statt dicht gedrängtem Autoverkehr - sieht so eine lebenswertere Stadt aus?

FR-Serie

Stadtplanung für Menschen statt Autos: Was eine neue Regierung ändern könnte

  • Ruth Herberg
    vonRuth Herberg
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Ragnhild Sørensen vom Verein „Changing Cities“ über Urbanisierung, Vernetzung von Nachbarinnen und Nachbarn und erste Schritte zu autofreien Innenstädten.

Deutschlands Städte wachsen. Bis zum Jahr 2040 leben Prognosen zufolge knapp vier Millionen Menschen in Berlin, fast zwei Millionen in Hamburg und gut 1,5 Millionen in München. Auch Köln, Leipzig oder Frankfurt ziehen immer mehr Menschen an, die sich den begrenzten Platz teilen müssen. Wie lässt sich die Stadt trotzdem für alle möglichst lebenswert gestalten? Der Berliner Verein „Changing Cities“ setzt auf Verkehrsberuhigung: Wenn in den Vierteln weniger Autos fahren und parken, so die Logik, entsteht Raum für Neues; für was genau, wissen die Menschen vor Ort am besten. Ragnhild Sørensen von Changing Cities erläutert, wie das funktionieren kann.

Frau Sørensen, was sehen Sie, wenn Sie aus Ihrem Fenster schauen?

Ich habe das große Glück, in einer sehr schönen Straße zu wohnen. Ich sehe viele Bäume und Kopfsteinpflaster auf dem Boden. Aber ich sehe auch sehr, sehr viele Autos, die dort parken. Einige Menschen sind aber auch zu Fuß unterwegs, es ist nämlich eine Nebenstraße.

Wie würde Ihre Straße im Idealfall aussehen, was wäre anders?

Vorn an der Hauptstraße ist ein Supermarkt, der beliefert wird von gigantischen Lkw, die durch unsere Straße fahren. Das müsste man ändern, denn es kann nicht sein, dass solche Lkw durch ein Wohngebiet fahren. Außerdem würde ich die Anzahl der Parkplätze reduzieren. 96 Prozent der Zeit steht ein Auto in der Stadt nur rum. Den Leuten muss klar werden, dass sie Autos haben, die sie eigentlich kaum nutzen. Die nehmen in der Stadt unglaublich viel Platz weg. Für die allermeisten würde ab und zu ein geteiltes Kfz auch reichen.

Ragnhild Sørensen ist Sprecherin des Vereins „Changing Cities“.

Genau da setzen Sie mit Ihrer „Kiezblock-Kampagne“ in Berlin an. Was hat es damit auf sich?

Ein Kiezblock ist ein Wohnviertel, das durch Hauptverkehrsstraßen oder zum Beispiel Bahngleise abgegrenzt ist. In solchen Kiezblocks setzen sich die Menschen dafür ein, dass es keinen Durchgangsverkehr mehr geben soll. Damit die Kinder sicher und selbstständig zur Schule laufen können; damit Senior:innen besser geschützt sind; und damit alle Menschen die Straße besser nutzen können. Es geht darum, die Wohnviertel aufzuwerten für die Menschen, die dort leben.

Die „Kiezblocks“ sind angelehnt an die „Superilles“ (Superinseln) genannten Viertel in Barcelona, mit denen die Stadt auf die hohe Luftverschmutzung reagiert. Mehrere Häuserblöcke werden dort zu einem Quartier zusammengefasst, Autos dürfen – mit Ausnahme der Anwohner:innen und des Lieferverkehrs – nur noch außen herumfahren. Der innere Bereich wird zu einem Aufenthaltsraum für die Menschen mit Grünanlagen, Spielplätzen, Cafés und gut ausgebauten Fahrradwegen. Ähnlich geht die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo vor: Sie will die Metropole zur 15-Minuten-Stadt machen, in deren Vierteln die Menschen alle wichtigen Anlaufstellen wie Supermärkte, Schulen, Arztpraxen und Restaurants in einer Viertelstunde erreichen – ohne Auto.

Zur Person

Ragnhild Sørensen, 56 ,ist Sprecherin des Vereins „Changing Cities“, der sich für lebenswerte Städte einsetzt. Weitere Informationen zu dem Projekt gibt es unter www.changing-cities.org und www.kiezblocks.de

Wie unterstützen Sie die Menschen, die in ihren Vierteln etwas verändern wollen?

Wir von Changing Cities helfen mit Know-how und mit Vernetzung. Es geht konkret um Einwohner:innen-Anträge, die man hier in Berlin schreiben und in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) einreichen muss. Kommen 1000 Unterschriften zum Beispiel für Verkehrsberuhigung zusammen, muss sich die BVV damit beschäftigen. Wir versuchen die Initiativen zu bündeln, damit aus Einzelinitiativen eine Bewegung wird, die für die Politik schwer zu ignorieren ist.

Den Durchgangsverkehr aus den städtischen Vierteln zu verbannen, ist der erste Schritt. Was passiert danach?

Es entsteht ein Diskurs unter den Anwohner:innen. Wo Menschen früher nur Nachbar:innen waren, fangen sie an, gemeinsam zu überlegen, was alles möglich ist – damit das Viertel schöner wird, damit es sicherer wird. Allein dieser Dialog ist ein Riesenschritt nach vorn, denn die Menschen übernehmen Verantwortung für ihr eigenes Wohngebiet. Und dann kann eine Menge passieren: Ein zentraler Platz wird in einen Garten umgestaltet. Parkplätze fallen weg. Da sind Tausende Dinge denkbar. Die Menschen vor Ort wissen am besten, was ihr Viertel braucht.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umwelt- freundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden. Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das Erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de . Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um soziale Ungleichheit. Sie erscheint am Freitag, 21. Mai

Bisher erschienen: Der Auftakt der Serie zum Thema Demokratie am Samstag, 15. Mai.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/bundestagswahl

Verschiebt das das Problem nicht nur? Wenn in immer mehr Vierteln der Verkehr und die Anzahl der Parkplätze reduziert werden, dürften einige Autofahrer:innen einfach in umliegende Viertel ausweichen. Dann wird das Problem dort doch noch größer.

Jein. Wissenschaftlich ist das noch nicht geklärt. Es gibt aber eine Untersuchung aus England, die zeigt: Die Verkehrsberuhigung in einem Bereich führt eher dazu, dass die Leute insgesamt weniger Auto fahren. Angenommen, es gibt mehrere Kiezblocks nebeneinander, und der Verkehr fließt außen rum. Ich müsste nun mit dem Auto einen Umweg in Kauf nehmen. In der Studie wurde festgestellt, dass die Leute dann tatsächlich lieber den Bus nehmen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß den Kiez durchqueren.

Was muss nach der Bundestagswahl also als Erstes passieren in puncto Stadtentwicklung?

Es geht hier um ein unglaublich komplexes Thema, bei dem Gesetze und Richtlinien verschiedener Ebenen ineinandergreifen. Die Zuständigkeiten sind schlecht verteilt, zu verstreut und zu kompliziert. Wir merken ja, dass es nicht vorangeht. Die Straßenverkehrsordnung müsste beispielsweise geändert werden. Denn Kommunen können auf Hauptverkehrsstraßen immer noch keine Tempo-30-Zone einrichten, um den Verkehr in einem Viertel zu beruhigen. Es muss im Prinzip ein Moratorium geben, die neue Bundesregierung muss sämtliche Regeln und Gesetze auf Klimaverträglichkeit überprüfen. Städte müssen lebenswerter und nachhaltiger werden, denn auch Corona wird den Urbanisierungstrend nicht aufhalten. Autos gehören dabei zum Problem, sie sind nicht die Lösung.

Weiterlesen: Ein Bewohner des „Mietshäuser-Syndikats“ erzählt, wie sozial verträgliches Wohnen aussehen könnte – auch unter einer neuen Regierung.

Wie sieht eine Stadt aus, die für alle ideal ist?

Das ist schwer zu sagen, denn Stadt ist divers. Ein Ort, an dem keine Konflikte existieren, hat nichts mit Stadt zu tun, da dürfen wir uns keine Illusionen machen. Die Stadt muss nach wie vor der Ort sein, an dem unterschiedliche Möglichkeiten vorhanden sind. Das bedeutet auch Enge. Die ist aber erträglicher, wenn der Platz, den der Autoverkehr im öffentlichen Raum einnimmt, zurückgeht und wir Menschen diesen Raum für andere Zwecke nutzen können. Wir müssen auch an die Menschen denken, die an Hauptverkehrsstraßen wohnen, und schauen, wie wir solche Orte aufwerten und lebenswerter machen können. Es muss nicht ganz ohne Autos gehen, aber eben mit viel, viel weniger als heute. Die ideale Stadt ist also viel ruhiger und grüner als heute, aber sie wird divers und vielfältig bleiben.

Interview: Ruth Herberg

Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Interviews war eine Textpassage fälschlicherweise als Antwort der Interviewpartnerin markiert. Wir haben den Fehler korrigiert.

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