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Einmarsch durch Ruinen: Die US-Soldaten finden am 25. März ein zerbombtes Darmstadt vor; nur jede vierte Wohnung in der Stadt ist noch intakt.
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Einmarsch durch Ruinen: Die US-Soldaten finden am 25. März ein zerbombtes Darmstadt vor; nur jede vierte Wohnung in der Stadt ist noch intakt.

"Die Stadt war nur noch eine einzige rauchende Ruine"

Zeitzeugen erinnern sich: Vor 60 Jahren ging mit dem Einmarsch der Amerikaner der Krieg in Darmstadt zu Ende"Den sägenden Ton der Maschinengewehre, das Heulen der Geschosse und Prasseln werde ich zeit meines Lebens hören." Aus dem Tagebuch von Franz Best aus Eberstadt, 24. März 1945.

Franz Best aus Eberstadt schrieb in sein Tagebuch: "Am Samstag, 24. März, starke Feindfliegertätigkeit. Die Kunde ist am Nachmittag durchs Ort gegangen, dass die Panzerspitzen der Amerikaner schon vor Pfungstadt stehen. Ich fahre um 16 Uhr zum Bahnhof. Dort sind die Bunker unter der Brücke überfüllt von ängstlichen Menschen, die nicht wussten, was in nächster Minute mit ihnen geschieht. Frauen und Kinder heulten. Die sich Pfungstadt nähernden Panzer schossen schon bis an den Galgen. Man hörte dort Geschosse krepieren. Die Chaussee nach Pfungstadt war menschenleer. Auf dem schnellsten Weg machte ich mich nach Hause. Es war kurz nach 17 Uhr. Oben auf dem Frankenstein brannte es in der Burg. In Eiltempo fuhr ich davon. Es war grässlich, etliche Flugmaschinen sausten dicht über die Dächer dahin und schossen wie wahnsinnig mit Bordwaffen. Alles flüchtete in die Häuser. Die Menschen waren ganz verzweifelt. Von Pfungstadt her näherten sich die ersten Panzer. Ein Flugzeug warf drei Bomben ab. Eine fiel in den Garten des Dentisten Stange und Bäcker Achenbach. Dentist Stange war auf der Stelle tot. Unaufhörlich prasselten die Geschosse an die Häuserwände, den sägenden Ton der Maschinengewehre, das Heulen der Geschosse und Prasseln werde ich zeit meines Lebens hören. Ich fuhr wie wahnsinnig darauf los, um den Luftschutzkeller im Gasthaus Zum Schwanen zu erreichen. Noch ein Sprung, und ich war im Keller. Da ging keine Maus mehr hinein, so überfüllt war er. Ein vollkommener, in Angst aufgelöster Menschenklumpen."

Walburga Strecker-Schmidt aus der Eberstädter Villenkolonie erinnert sich: "Am Palmsonntagmorgen weckte uns die ungewohnte tiefe Stille. Wir wagten uns in den Garten und sahen, wie die ganze Nachbarschaft desgleichen in ihren Gartentüren stand. Und alle starrten gebannt auf den ersten Panzer! Er stand sichernd etwa in Höhe des Hauses Dornburg" auf der Landstraße. Ein Spähwagen erkundete vorsichtig unsere Villenkolonie. Er kam durch die Schillerstraße abwärts, bei uns vorbei und holte den Panzer in die Schlangenschneise am Nungesser"schen Garten. Und da blieb er erstmal stehen. Weit entfernt war die letzte Straßenbahn steckengeblieben, ungefähr am Waldrand bei der Pelzschneise. Sie wurde von den Amis sorgfältig mit dem Glas abgesucht. Auch sie konnten sich von der Harmlosigkeit bald überzeugen lassen. Wir alle standen wie die kleinen Kinder innerhalb unserer Gartenzäune und warteten einfach auf die Dinge, die da kommen sollten. Aber schon bald lösten sich ein paar Mutige aus dem Bann und begannen die erste Unterhaltung mit den Feinden". Bald saßen die ersten Mädchen am Straßenrand, und die ersten Kinder lutschten die erste Schokolade, bald rauchten erste Amizigaretten". Bald lagen die ersten Spuren neuer Zivilisation, Büchsen und Schachteln, am Straßenrand. Schon im Laufe des Vormittags kamen dann Panzer auf Panzer und Wagen auf Wagen, eine endlose Kolonne an unserem Haus vorbei."

Es war ein herrlicher Sonnentag, dieser Palmsonntag, der 25. März 1945, an dem die amerikanischen Panzer durch Darmstadt rasselten. In der Menge, die zu beiden Seiten die Rheinstraße säumte, während Panzer aus Richtung Autobahn zum Marktplatz rollten, stand ... der Buchhändler Robert d" Hooghe, Darmstädter mit britischem Paß. Er hatte die Amerikaner längst erwartet, denn schon am Abend zuvor hatte er von der Ludwigshöhe die Panzerketten durchs Mühltal rasseln hören.

Robert d" Hooghe berichtet: "Natürlich war es ein Hochgefühl, befreit zu werden. Aber man war überwältigt und betäubt zugleich, offenbar unfähig zu gestenreichen Reaktionen. Alle standen staunend, stumm und abwartend, ohne Zeichen von Zustimmung. Obwohl wir an diesem Tag natürlich noch gefeiert haben. Das war abends, da ging ich zu Freunden ... und verkündete: Für uns ist der Krieg aus." Und dann haben wir eine Flasche entkorkt und angestoßen."

Anneliese Gunschmann, Witwe des Malers Carl Gunschmann, erlebte den Einmarsch der Amerikaner in der Nieder-Ramstädter Straße: "Die Panzer rollten vorbei, und wir standen da, schauten zu und waren glücklich. Ja, wir standen, wir winkten nicht, wir waren einfach glücklich. Aber da war natürlich auch die Furcht. Man wusste inzwischen von Auschwitz und rechnete mit amerikanischer Vergeltung. Aber mehr noch war in diesen Stunden und Tagen eine andere Furcht verbreitet, die vor den eigenen Volksgenossen. Unglaublich viele waren sicher, dass die Wunderwaffe noch käme und die Situation schlagartig ändern würde. Was aber, wenn sich die Front wieder verschöbe, wenn Partei und SS Rache nehmen würden, wenn die schlimmen Gerichte wieder zusammenträten? Deshalb haben viele nicht gejubelt. Aber froh waren sie trotzdem, denn es war eine echte Befreiung. Eine Befreiung zumindest vom Krieg, den ständigen Alarmen, den Fliegerangriffen."

Major Ehrenclou und Sergeant S. A. Douglass haben die Erinnerungen auf amerikanischer Seite festgehalten: "Darmstadt war in einer mitleiderregenden Lage, Deutsche und DPs (Displaced Persons = verschleppte Zwangsarbeiter) hatten alle Lebensmittelvorräte und alle Eisenbahnwaggons geplündert. Die Schätzung, wonach 80 Prozent der Stadt zerstört seien, erwies sich als zutreffend. Die Stadt war buchstäblich nur noch eine einzige rauchende Ruine. ...

Das Leben in der Stadt war komplett zum Stillstand gekommen, und alles wartete auf die Militärregierung, um es wieder in Gang zu setzen. Es gab keine Polizei und keine Feuerwehr. Die Banken waren geschlossen. Ebenso alle Geschäfte und Industriebetriebe. Licht, Gas und Wasserversorgung waren ruiniert oder stark zerstört. Die Essenszuteilung war außer Betrieb. Die Wohnsituation war kritisch mit 40 000 Menschen in zerstörten und rauchenden Ruinen. Wie in den meisten Gebieten Deutschlands ... war auch hier das schlimmste Problem das mit den befreiten Displaced Persons, Hitlers Sklavenarbeiter aus Russland, Polen, Frankreich, Belgien, Holland oder anderen Ländern. ...

Verständlicherweise überglücklich vor Freude über ihre neue Freiheit, angetrieben vom Hunger und gerechterweise voller Misstrauen gegenüber den Deutschen für die Leiden der zurückliegenden Zeit, strichen Banden von DPs durch die Stadt Darmstadt, plünderten, raubten, zerstörten Lebensmittelgeschäfte und stürmten besonders Schnapsläden, wobei sie Deutsche angriffen, wo immer sie sie finden konnten."

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