Kollegiale Konkurrenz: Joe Biden (L) und Bernie Sanders.
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Kollegiale Konkurrenz: Joe Biden (L) und Bernie Sanders.

US-Demokraten

Staatsmann auf der Zielgeraden

  • Karl Doemens
    vonKarl Doemens
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Bei der Kandidatenkür der US-Demokraten könnte Joe Biden am Dienstag den entscheidenden Sieg einfahren.

Die Stehpulte auf der Bühne waren 1,80 Meter auseinandergerückt, im Saal saßen keine Zuschauer, und die beiden Kontrahenten begrüßten sich per Ellbogen-Schlag: Die elfte TV-Debatte im Präsidentschaftsrennen der US-Demokraten stand ganz im Zeichen der Coronakrise, die die Kandidatenkür derzeit nicht nur medial in den Hintergrund drängt. Zwar sollen die Vorwahlen in vier Bundesstaaten an diesem Dienstag noch planmäßig stattfinden, doch Georgia und Louisiana, die als nächste an der Reihe wären, haben die Abstimmungen schon verschoben.

Der Weg zur Kür des Trump-Herausforderers auf dem Parteitag im Juli in Milwaukee ist damit ungewisser denn je. Niemals zuvor hat es einen Vorwahlkampf gegeben, bei dem laut behördlicher Empfehlung nicht mehr als 50 Menschen im Raum sein dürfen. Doch das Ergebnis des Wettkampfs, dessen Bewerberfeld sich von ursprünglich mehr als 20 inzwischen auf zwei ernsthafte Kandidaten verkleinert hat, scheint zunehmend absehbar: Vizepräsident Joe Biden ist klarer Favorit, und er könnte am Dienstag einen entscheidenden Sieg einfahren.

Nach den Vorwahlen in 24 Bundesstaaten kommt Biden auf 890 Delegierte. Sein Rivale, der linke Senator Bernie Sanders, hat 736 Mandate gesammelt. In Arizona, Florida, Illinois und Ohio werden nun 577 weitere Plätze vergeben. Überall liegt Biden in den Umfragen deutlich vorne. Der Datenguru Nate Silver erwartet, dass der Ex-Obama-Stellvertreter zwei Drittel der Mandate abräumt. Das würde seinen Vorsprung zementieren und wäre auf dem Weg zur erforderlichen Mehrheit von 1991 Stimmen wohl kaum mehr aufzuholen.

Bei der Fernsehdebatte leistete sich der für seine Versprecher bekannte Biden keine Patzer, die diesen Erfolg gefährden würden. Zwar musste der 77-Jährige, der seit vier Jahrzehnten politisch aktiv ist, einige Kritik vom 78-jährigen Sanders für frühere Positionen zum Irak-Krieg und zu Einschnitten ins soziale Netz wegstecken. Doch über weite Strecken der Diskussion wirkte Biden gelassen und souverän. Dass er am Ende von einer Bekannten berichtete, die mit ihrem mit dem Coronavirus infizierten Mann nur per Zeichensprache durch das Krankenhausfenster kommunizieren könne, brachte seine größte Stärke zum Vorschein – eine Empathie, die Amtsinhaber Donald Trump komplett abgeht.

„Wir sind in einer Krise. Wir sind im Krieg mit dem Virus“, stimmte Biden früh einen Ton an, der alle innerparteilichen Auseinandersetzungen nebensächlich erscheinen ließ. Er kritisierte die chaotische Politik von Trump und warb in Staatsmannpose für die Unterstützung des Militärs, den raschen Ausbau der Krankenhausbetten-Kapazität und weitere Bundeshilfen für kleine Unternehmen und Arbeitnehmer, die nun vom Jobverlust bedroht sind. Auch Sanders forderte Sofortmaßnahmen, versuchte jedoch die Debatte auf die strukturellen Probleme des US-Gesundheitswesens zu lenken: „Diese Krise macht eine ohnehin schlechte Situation noch schlimmer“. Deswegen sei seine Forderung nach einer staatlichen Bürgerversicherung aktueller denn je.

Vize soll weiblich sein

Eine Systemdebatte will Biden verhindern: „Die Menschen wollen Resultate und keine Revolution.“ Angesichts der Meldungen in der Coronakrise und der politischen Chancenlosigkeit des Sanders-Projekts „Medicare for all“ dürfte er damit die öffentliche Stimmung gut getroffen haben. Dass er zudem versprach, eine Frau zu seiner Stellvertreterin zu machen, brachte Sanders in Zugzwang. Ob er ebenfalls mit einer weiblichen Running Mate plane, wurde er gefragt: „Meine starke Tendenz ist, in diese Richtung zu gehen“, stammelte er.

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