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Der SS-Mann und der Sohn des Opfers

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Nebenkläger Tuin de Groot, ein Sohn eines der Opfer.
Nebenkläger Tuin de Groot, ein Sohn eines der Opfer. © dpa

Auf diesen Moment hat Tuin de Groot (76) Jahrzehnte gewartet: Er wollte dem Mörder seines Vaters in die Augen blicken. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes.

Aachen. Auf diesen Moment hat Tuin de Groot (76) Jahrzehnte gewartet: Er wollte dem Mörder seines Vaters in die Augen blicken. Er wollte den SS-Mann Heinrich Boere sehen, der am frühen Morgen des 3. September 1944 bei der Familie schellte, eine Pistole zog und den Vater erschoss.

So muss es sich nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abgespielt haben. Tuin war erst elf, aber das Bild hat sich eingebrannt: Der erschossene Vater am Boden und der "schrecklich süßliche Geruch" des Blutes.

Nach 65 Jahren kam es am Mittwoch im Aachener Landgericht zu dieser Begegnung, bei einem der letzten NS-Kriegsverbrecherprozesse in Deutschland.

Boere ist angeklagt, als Mitglied des SS- Killerkommandos "Feldmeijer" im Juli und September 1944 drei Menschen erschossen zu haben: Den Apotheker Fritz Bicknese, den Fahrradhändler Tuin de Groot und den Prokuristen Frans-Willem Kusters, vermeintliche Männer des Widerstands. Auch die beiden Söhne des Apothekers sind Nebenkläger in dem Verfahren.

65 Jahre nach der Tat saß de Groot dem Mann gegenüber, der immer nur Phantom für ihn war: Heinrich Boere (88). Ein alter Mann im Rollstuhl, der Blick wach, manchmal verkniffen, die Mundwinkel hängend.

Früher Bergmann, heute Rentner in einem Eschweiler Altenheim bei Aachen. In kurzen Verhandlungspausen maß er seinen Blutzucker, ein ständig anwesender Arzt seinen Blutdruck. Und manchmal schaute er fast verschämt oder neugierig zu dem Mann auf der anderen Seite rüber, zu dem Niederländer Tuin de Groot.

Seine Blicke trafen einen groß gewachsenen, weißhaarigen Mann, der immer freundlich und gefasst wirkte. Den vielen Wünschen nach Interviews kam er geduldig und sanftmütig nach. Nur einmal zeigte er, wie sehr ihn dieser Prozess tatsächlich bewegt.

"Er (Boere) hat unsere ganze Familie kaputtgemacht. Wir waren fünf Kinder", sagte er. Seine Augen füllten sich mit Tränen, er wandte sich ab.

In seiner Tasche trug er einen Zettel mit sich. Zu Hause hatte de Groot eine Erklärung geschrieben, die er vor Gericht vorlesen wollte.In dieser Erklärung wollte er Boere die Dimensionen seiner Tat vor Augen führen. "Er soll merken, was er angerichtet hat", hatte de Groot noch am Vorabend gesagt. "Und ich erwarte, dass er eine schwere Strafe bekommt." Und die soll er auch absitzen, "natürlich".

Doch gleich am ersten Prozesstag wurde de Groot bitter enttäuscht. In all den Jahren hatte er beobachten müssen, wie Boere der Justiz immer wieder entwischt war. Der Mann war zwar 1945 festgenommen worden, entkam aber kurz danach. Und als die Behörden den früheren SS-Mann in den 80er Jahren wieder ins Visier nahmen, profitierte er vom juristischen Gezerre und lebte weiter in Freiheit.

Boeres Anwälte stellten in dem Aachener Mordprozess einen Befangenheitsantrag gegen den Chef-Ankläger der nordrhein-westfälischen Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für NS-Verbrechen, Urlich Maaß. Es wurde beraten, Stellung bezogen, noch mal beraten.

Schließlich entschied das Gericht, den Prozess zu vertagen. Die Anklage wurde nicht verlesen. Die Verhandlung war für den Tag beendet. De Groot war sichtlich enttäuscht. Er fuhr nach Hause - den nicht verlesenen Zettel in der Tasche. Er wird nicht wiederkommen. (dpa)

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