+
Die Kirche St. Sebastian in Colombo nach der Explosion. 

Sri Lanka

Acht Bomben erschüttern den fragilen Frieden

  • schließen

Die vielen Spekulationen um die Anschläge machen die Regierung des vormaligen Bürgerkriegslandes Sri Lanka nervös. Sie ruft das Volk zur Geschlossenheit auf.

Die schwarze Hose, die der Kirchgänger offenbar extra zum Ostergottesdienst in der katholischen Kirche St. Sebastian in Colombos Negombo-Viertel angezogen hatte, starrte vor Blut. Der Oberkörper des Mannes hing schlaff über einer stehengebliebenen Kirchbank, daneben lagen von Steinschutt bedeckte Tote, in deren Händen die Rettungskräfte zum Teil noch das Gebetbuch umklammert fanden.

Durch das Gerippe des Kirchendachs, das durch die Wucht der Explosion größtenteils seine Ziegel verloren hatte, schien am Sonntagmorgen die Sonne auf die Säulen voller Blutspritzer, auf die von Bombensplittern zerhackten Gebetsbänke … Dazwischen saßen oder standen verzweifelte Priester und weinten: Ihr so hoffnungsvoll gedachter Ostergottesdienst war in einer Orgie der Gewalt geendet – Punkt 8.45 Uhr, wie die stehengebliebenen Zeiger Uhr von St. Sebastian anzeigten. Um Viertel vor neun machte der erste von schließlich acht Sprengstoffanschlägen den Glauben an ein mögliches friedliches Zusammenleben zunichte, auf das die Bevölkerungsmehrheit der Singhalesen und die Minderheit der Tamilen seit Ende des mehr als 25 Jahre währenden Bürgerkriegs 2009 gebaut hatten.

In Batticaloa im Osten der Insel gegenüber Indiens Südspitze mit ihren 22 Millionen Einwohnern starben ebenfalls Gläubige. Im Hotel „Cinnamon“ nahe der Bilderbuchküste vor Colombo drängte sich ein Selbstmordattentäter an der Schlange hungriger Gäste im Frühstückssaal vorbei und sprengte sich dann in die Luft. In zwei anderen Hotels starben ebenfalls Ausländer, als die offenbar bis ins kleinste Detail geplante und planmäßig ausgeführte Serie von Anschlägen um die 300 Menschenleben forderte – darunter mehr als 30 Ausländer, drei davon urlaubende Kinder des dänischen Modemilliardärs Anders Hoch Povlsen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar Sri Lanka sucht Antworten

So viele Tote wie am Sonntag hatte es in Sri Lankas Hauptstadt nicht einmal gegeben, als 1996 die Separatisten von der Guerillagruppe „Befreiungstiger Tamil Eelam“ das Gebäude der Zentralbank mitten in der Stadt attackierten: Bei diesem Schlag gegen die Zentralregierung und das Finanzbusiness des Landes mittels eines Selbstmordattentäters und mehr als 200 Kilo Sprengstoff in einem Lkw waren es 91 Tote und 1400 Verwundete.

Wackliger Frieden zwischen Singhalesen, Hindus, Muslimen und Christen

Die Einwohner Colombos, die sonst gerne auf ihre durch den Krieg bedingte Abgebrühtheit verweisen, reagierten am Ostersonntag zuerst mit stummem Schock. Dann verbreitete sich Panik, die erst dann verebben wollte, als die Regierung von Premierminister Ranil Wickremesinghe am frühen Nachmittag einen Ausnahmezustand im ganzen Land durchsetzte.

Die srilankische Regierung reagiert fast immer so, wenn Terroranschläge und vergleichbare Gewaltakte auf der Insel im Indischen Ozean den wackligen Frieden zwischen den 70 Prozent buddhistischen Singhalesen, knapp 13 Prozent Hindus, etwa zehn Prozent Muslimen und acht Prozent Christen bedrohen. Das Land hat viele Pogrome erlebt und bei jedem Zwischenfall drohen Lynchjustiz und wahllose Gewalt durch aufgeputschte Massen von Menschen. Verdachtsweise lässt die Regierung solche Provokateure gewähren, bis sich die Gemüter wieder beruhigen. Aber an Ostern 2019 waren die Behörden ganz offensichtlich überrumpelt von den Ereignissen – dann bemühten sie sich, weitere Anschläge zu verhindern.

Die Ausgangssperre sollte wohl in erster Linie eben dazu dienen. Es wurden auch fast alle sozialen Medien durch die Staatsmacht blockiert, um die Verbreitung von Gerüchten zu vermeiden. In den Behörden herrschte nach sechs Attentaten am Morgen die Angst vor, man könnte dem Anfang einer möglicherweise tagelangen Terrorwelle – hilflos – beiwohnen. Stunden nach den sechs Explosionen gingen noch zwei Bomben hoch, die offenbar für Polizisten bestimmt waren.

Ein westlicher Experte für Terror in Asien hält es aber für „höchst unwahrscheinlich“, dass die Bomben einen Rückfall in den ethnisch-politischen Bürgerkrieg zwischen Tamilen und buddhistischen Singhalesen darstellten. Da aber „niemand die Verantwortung übernommen hat, müssen wir erst noch rätseln“.

Tatsächlich schwiegen die Dschihadisten des „Islamischen Staats“ (IS) erst mal – sonst sind sie mit Bekenntnissen schnell bei der Hand. Koordinierung und Planung tragen auch eher die Handschrift von Al-Kaida. Das einst von Osama Bin Laden gegründete islamistische Netzwerk ist in den vergangenen Jahren immer mehr in Vergessenheit geraten. Aber die als dezentrales Konglomerat eigenverantwortlicher Terrorzellen gedachte Al-Kaida ist immer noch aktiv. Nach ihren spektakulären Attentaten in den USA am 11. September 2001 verschwiegen die Extremisten ihre Beteiligung auch jahrelang – allen polizeilichen und geheimdienstlichen Erkenntnissen zum Trotz.

Doch sowohl für Al Kaida wie auch für den IS wäre es ein Leichtes gewesen, nach Sri Lanka zu gelangen. Das Land unterhält enge Verbindungen zu Pakistan, wo die Überbleibsel der alten Al-Kaida-Führung vermutet werden.

Aus den Malediven schlossen sich bis zu 100 Extremisten dem IS in Nahost an

Und dann ist da der ozeanische Nachbar, die Inselgruppe der Malediven. Die ist gerade erst zur demokratischen Staatsform zurückgekehrt, hatte davor aber ihre Tore jahrelang für Konservative und Radikale geöffnet. Aus den Malediven schlossen sich zudem auch bis zu 100 Extremisten dem IS in Nahost an. Da auch Chinesen von den Attentaten auf Sri Lanka betroffen waren, schließen Experten eine Beteiligung extremistischer Uiguren nicht aus.

Die vielen Spekulationen machen die Regierung Sri Lankas nur noch nervöser. Sie ruft das Volk zur Geschlossenheit auf und hält sich die Festnahme von 13 Personen zugute, die der kleinen islamistischen Gruppe „National“ oder „Sri Lanka Thowheeth Jama’ath“ angehören sollen.

Den Namen der Gruppe wollten die Behörden eigentlich nicht nennen, doch nach den Anschlägen wurde ein Rundschreiben des Polizeichefs von vor zehn Tagen bekannt, in dem er warnte, die „Thowheeth Jama’ath“ plane Anschläge. Mitarbeiter von Premierminister Wickremesinghe ließen durchsickern, das Schreiben sei vom Büro des Präsidenten Maithripala Sirisena nicht weitergeleitet worden. Beobachter werten die gegenseitigen Anwürfe als Versuche der Regierung, ihre Schwäche zu verbergen. Von der vielbeschworenen Einheit fehlt jedenfalls auf Regierungsseite seit Sonntag jede Spur.

Die „Thowheeth Jama’ath“ besitzt enge Verbindung zu einer gleichnamigen Organisation im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Sollte sich der Verdacht in Colombo bestätigen, würde die Verbindung in der indischen Hauptstadt Delhi für große Verlegenheit sorgen. Schließlich versucht Indien, sich als Garant im Kampf gegen Terror in ganz Südasien zu profilieren.

Möglicherweise langfristig betroffen von den Anschlägen von Ostersonntag ist die Tourismusindustrie Sri Lankas. Unter Deutschen ist die Insel zwar nicht mehr so beliebt wie einst (18 000 im ersten Quartal, ein Viertel weniger als 2018), aber für rund 250 000 Besucher aus Russland, den USA und Australien schien die Insel zwischen Januar und März das neue Lieblingsziel zu sein.

Lesen Sie auch: Regierung Sri Lankas macht einheimische Islamisten verantwortlich

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion