Spuren von Adelheid Schulz und von Sigrid Sternebeck

Textorstraße: Fingerabdrücke mutmaßlicher Terroristinnen gefunden

Von unserem Redaktionsmitglied Hans-Jürgen Biedermann

In der Parterrewohnung Nr. 2 in der Textorstraße 79 sind in den vergangenen Monaten zwei mutmaßliche Terroristinnen ein- und ausgegangen. Die Analyse der Fingerabdrücke in dem von Rolf Heißler im letzten Oktober angemieteten Appartement (Monatsmiete inklusive Umlagen 380 Mark) führte auf die Spur von Sigrid Sternebeck und läßt - so die Bundesanwaltschaft - kaum einen Zweifel daran, daß auch Adelheid Schulz das Haus als Anlaufstelle benutzte. Die Hausverwaltung hat in der Vergangenheit des öfteren zwei Frauen im Flur des Erdgeschoß gesehen. Sie verfügten über Schlüssel zur Heißler-Wohnung und erklärten auf Befragen, der Mieter befinde sich im Ausland und sie wollten in seiner Abwesenheit nach dem Rechten sehen. Auf Lichtbildvorlagen konnten die Frauen allerdings nicht identifiziert werden.

In der Wohnung stellten die Spurensicherer eine Perücke, fünf Brillen (vier davon mit Fensterglas), Damenschuhe und -kleider sicher. Hinweise auf geplante Terroranschläge fanden sich ebensowenig wie Aufzeichnungen über prominente Persönlichkeiten. Aus einer Presseverlautbarung der Bundesanwaltschaft vom Montag: 'Vor allem trifft es nicht zu, daß ein Dossier über den gewählten Bundespräsidenten Karl Carstens sichergestellt worden ist.'

Sprecher der Frankfurter Polizei und des Bundeskriminalamtes äußerten sich unterdessen gegenüber der FR zu polizeitaktischen Überlegungen im Zusammenhang mit dem Einsatz in der Textorstraße. BKA-Sprecher Fuchs erklärte, der Einsatz der Grenzschutzgruppe 9 aus Bonn sei deshalb nicht erforderlich gewesen, weil Hessen über gut ausgebildete Spezialbeamte verfüge. Fuchs meinte damit das Mobile Einsatzkommando der Frankfurter Polizei, das MEK. Frankfurts Polizeisprecher Hans Neitzel bekräftigte diese Ansicht: 'Um eine Wohnung zu durchsuchen und sich dort zur Wehr zu setzen, braucht man keine GSG 9.'

Fuchs stellte in Abrede, die Bonner Spezialisten, besonders geschult im waffenlosen Kampf, hätten Rolf Heißler womöglich ohne Schußwaffengebrauch unschädlich gemacht. 'Die wären in der Wohnung genauso überrascht worden.' Neitzel bestätigte in diesem Zusammenhang, daß Heißler das Haus tatsächlich unbeobachtet betreten konnte, obwohl alleine aus der gegenüberliegenden Fahrschule vier Beamte das Objekt beobachteten. Fuchs: 'Um diese Zeit herrschte in dem Haus wahrscheinlich ein Kommen und Gehen.'

Zur Frage, warum man überhaupt Beamte in der Wohnung postiert habe, meinte Fuchs, einmal sei Heißler überraschend zurückgekommen, und zum anderen wären bei einem späteren Einsatz womöglich Unbeteiligte gefährdet worden, wenn man Heißler zunächst einmal unbehelligt in die Wohnung gelassen hätte.

Der Frankfurter Rechtsanwalt Rainer Koch will seinen Mandanten Heißler am Mittwoch in der Justizvollzugsanstalt Straubing besuchen, wohin dieser zu Wochenbeginn verlegt wurde, und nochmals dessen Darstellung von den Ereignissen in der Wohnung einholen. Heißler wird dann wahrscheinlich Ende der Woche Strafanzeige wegen versuchten Mordes bei der hiesigen Staatsanwaltschaft gegen die beiden in der Wohnung anwesenden Frankfurter Polizeibeamten erstatten.

Einer von ihnen hatte Heißler in den Kopf geschossen. Koch bestreitet, daß sich die Beamten in einer Notwehrlage befunden haben. Sein Mandant habe einen Packen Zeitungen und eine Brötchentüte in der Hand gehalten und zudem noch die Tür aufgeschlossen. Er habe keine Gelegenheit gehabt, nach der Waffe zu greifen.

Martin Wentz, Juso-Vorsitzender in Hessen, erklärte am Montag gegenüber der FR, der Einsatz vom Samstag habe erneut gezeigt, daß die Polizei nicht in der Lage sei, einen mutmaßlichen Terroristen ohne Gebrauch der Schußwaffe festzunehmen. Dabei sei das Überraschungsmoment auch diesmal auf seiten der Polizei gewesen. In der Öffentlichkeit könne leicht die Meinung entstehen, die Polizei handele bei Terroristen nach dem Motto: 'Gefangene werden nicht gemacht.'

Man müsse den Eindruck bekommen, die Polizeiführung schicke entweder schlecht ausgerüstete oder unzureichend ausgebildete Beamte in solche Einsätze. Das Ergebnis könne dazu führen, daß junge Menschen aus Entrüstung. in die Arme des Terrorismus getrieben würden.

FR vom 12. Juni 1979

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