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Intensive Diskussionen gehören zur Ausbildung: Jüdische Studenten an einer israelischen Jeschiwa, einer Talmudhochschule.
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Intensive Diskussionen gehören zur Ausbildung: Jüdische Studenten an einer israelischen Jeschiwa, einer Talmudhochschule.

Affäre Sarrazin

Die Spur der "Juden- Gene"

  • VonKarl-Heinz Karisch
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Die jüdische Glaubensgemeinschaft hat ihr Erbgut trotz Diaspora über die Jahrtausende erhalten – Intelligenzgene gibt es aber nicht.

Die jüdische Glaubensgemeinschaft hat ihr Erbgut trotz Diaspora über die Jahrtausende erhalten – Intelligenzgene gibt es aber nicht.

Tragen Juden oder Basken jeweils ein Gen, das sie einzigartig macht? Entscheidet ein solches Gen darüber, dass aus dem jüdischen Minivolk mehr als 100 Nobelpreisträger hervorgegangen sind? Und gibt es andererseits ein Moslem-Gen, ein übles, das gewalttätige und dumme Kinder hervorbringt? Thilo Sarrazin hat die Republik mit seinen diffusen Äußerungen gespalten. Dabei zeigt schon ein kurzer Blick in die Kulturgeschichte der Menschheit, dass alle Ethnien zu kulturell-wissenschaftlichen Höchstleistungen fähig sind. Nur eben nicht zur selben Zeit. Die frühen Hochkulturen der Perser, Babylonier, Assyrer, Sumerer oder Ägypter entstanden genau dort, wo heute der muslimische Glauben verbreitet ist. Hat da eine gewaltige Genwäsche stattgefunden? Gewiss nicht, sondern die soziale Prägung steuert die Intelligenz viel stärker als die Gene.

So ist Zentraleuropa nach der Völkerwanderung um 600 n. Chr. in tiefster intellektueller Finsternis versunken. Das frühe Christentum lehnte die Wissenschaft der Griechen und Römer ab – deren wissenschaftliche Arbeiten in Astronomie, Mathematik und Baukunst übrigens zum erheblichen Teil auf dem Gebiet der heutigen Türkei stattfanden. Dass der Orient den Anschluss an die moderne Wissenschaft derzeit verloren hat, das hat eher dogmatisch-religiöse und schulisch-universitäre Gründe, es kann sich jederzeit ändern.

Sarrazin benutzt für seine kruden Behauptungen völlig unzulässig genetische Untersuchungen, die lediglich die Wanderungsbewegung der Menschheit seit ihrem Aufbruch vor zwei Millionen Jahren aus Ostafrika nachzeichnen. Genetisch gesehen sind alle Menschen extrem eng miteinander verwandt. Dennoch können die Genetiker sogenannte Haplogruppen identifizieren, die sich je nach Wanderungsbewegung gut unterscheiden lassen.

Die bislang umfassendste Studie zur genetischen Verwandtschaft von Juden stellten die US-Forscher Gil Atzmon und Harry Ostrer jetzt im Juni im American Journal of Human Genetics (Bd. 86,6) unter dem Titel „Abrahams Kinder im Gen-Zeitalter“ vor. Darin belegen sie, dass es auch nach Jahrtausenden der Diaspora noch starke genetische Gemeinsamkeiten gibt. Demnach sind orientalische, (ost-)europäische und aus Spanien und Portugal stammende Juden – Misrachim, Aschkenasim und Sephardim genannt – eng verwandt.

Überraschend für die Genetiker war, dass es zudem starke genetische Ähnlichkeiten zwischen Juden auf der einen Seite und Italienern, Palästinensern, Beduinen sowie Drusen – einer im Nahen Osten lebenden Religionsgemeinschaft – auf der anderen gibt.

Die Genetiker wählten für ihre Untersuchung sieben jüdische Gemeinden aus Iran, Irak, Griechenland, der Türkei, Syrien und Osteuropa aus; analysiert wurden 237 Personen, deren vier Großeltern bereits jüdisch waren. Verglichen wurde dann mit Genprofilen von Nichtjuden aus denselben Regionen.

„Unsere Befunde zeigen“, sagt Professor Harry Ostrer von der New York University und Hauptautor der Studie, „dass es eine genetische Basis für das Jüdischsein gibt.“ Obwohl sich die Juden des Nahen Ostens und Europas bereits vor 2500 Jahren getrennt hätten, könne man die Verwandtschaft noch immer im Genom nachweisen. Der Geneinfluss von außen war erstaunlich gering, meist heirateten die Juden untereinander. Aber eben nicht immer. „Das erklärt, warum so viele europäische und syrische Juden blaue Augen und blonde Haare haben“, sagt Ostrer.

Unter einer genetischen Eigenheit leiden Juden allerdings real. Da sie gezwungenermaßen, zum Teil auch aus Glaubensgründen immer wieder untereinander geheiratet haben, häuften sich die genetischen Anlagen für Erbkrankheiten im Laufe der Zeit an. Etwa das Gaucher-Syndrom – dabei fehlt ein Enzym zum Fettabbau – oder die Nervenkrankheit Tay-Sachs. Ein daran erkrankter Säugling leidet schon nach kurzer Zeit unter Lähmungen, geistigem Verfall und Blindheit.

Da unter orthodoxen Juden die Abtreibung verboten ist, gründete der New Yorker Rabbiner Joseph Ekstein 1980 die Organisation Dor Yeshorim – frei übersetzt „Generation der Aufrechten“. Anlass war für Ekstein sein eigenes Schicksal – er verlor vier seiner Kinder durch die Tay-Sachs-Krankheit.

Dor Yeshorim bietet Juden in aller Welt ein genetisches Screening auf zehn wichtige Erbkrankheiten an. Die Teilnehmer zahlen dafür 200 Dollar und erhalten eine Code-Nummer. Sobald ein Paar heiraten möchte, können sie ihre Code-Nummern durchgeben und erhalten die Mitteilung, ob sie genetisch zueinander passen oder ob es Probleme geben könnte.

Intelligenz wird von Genen gesteuert

Inzwischen werden solche Gentests auch von jüdischen Krankenhäusern angeboten. Kritik daran wird nur verhalten geäußert, etwa von dem Medizin-Ethiker und Rabbi Moshe Dovid Tendler von der New Yorker Yeshiva University. „An welchem Punkt wollt ihr mit dem Testen aufhören? Mittlerweile kennen wir rund 90 Gene, die keiner haben möchte“, sagt er. „Wird das dazu führen, dass sich Heiratswillige erst einmal den Ausdruck mit ihren Gendaten zeigen? Wer wird dann noch heiraten?“ Umstritten ist, ob bei Juden tatsächlich häufiger Erbkrankheiten zu finden sind – oder ob sie nur besser als andere Gruppen untersucht sind. Allerdings tritt etwa die Familiäre Dysautonomia (Riley-Day-Syndrom) bei Juden osteuropäischer (aschkenasischer) Abstammung deutlich gehäufter auf. Hier trägt einer von 30 Personen das Gen für die Nervenkrankheit, in der nichtjüdischen Bevölkerung ist es nur einer unter 3000.

So ist es nicht verwunderlich, dass vor allem auch in Israel ein breites Angebot zum Genscreening für Paare als auch für Embryonen besteht. Die hohe Geburtenrate spricht für sich. Pro 1000 Israelis werden jährlich 24 Kinder geboren, in der deutschen Bevölkerung sind es nur knapp acht Kinder.

Doch sind jüdische Kinder per se klüger als andere? Im Schnitt ja, das zeigt der überproportionale Anteil von jüdischen Wissenschaftlern und Nobelpreisträgern gegenüber anderen Gruppen. Ein Master-Intelligenzgen jedoch ist bei Juden nicht feststellbar – übrigens auch generell nicht. Eine Studie von Robert Plomin vom Londoner King’s College hat ergeben, dass unsere Intelligenz von einer großen Zahl von Genen gesteuert wird (Genes, Brain and Behavior, Bd. 7/4).

Die britischen Wissenschaftler hatten insgesamt rund 10?000 Siebenjährige untersucht. Unter den 500?000 untersuchten Erbgutabschnitten schälten sich sechs heraus, die eindeutig mit der geistigen Leistungsfähigkeit der Kinder zusammenhingen.

Ernüchternd für die Forscher war, dass diese sechs Gene lediglich ein Prozent der Intelligenz steuerten. Das bemerkenswerteste Ergebnis der Studie sei, so Plomin, dass einzelne Gene nur einen sehr geringen Einfluss haben: „Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“ Einige Wissenschaftler schätzen sogar, dass Tausende Gene die Intelligenz steuern.

Der Einfluss der Vererbung auf die Intelligenz wurde in zahlreichen Studien untersucht. Dabei zeigte sich zwar ein gewisser Anteil von vererbten Einflüssen. Die Forschung mit Zwillingspaaren und Adoptivkindern hat jedoch ergeben, dass der positive oder negative Einfluss der Umwelt weitaus stärkere Auswirkungen hat. Entscheidend ist, ob eine werdende Mutter während der Schwangerschaft belastenden oder schädigenden Einflüssen ausgesetzt ist, etwa raucht und trinkt, ob das Baby und später Kind in geborgenen und anregenden Verhältnissen aufwächst oder nicht. Weitere wichtige fördernde Faktoren sind Ernährung und soziale Schicht der Familie, in der das Kind aufwächst.

Vor allem in den USA wurde immer wieder zu belegen versucht, dass Schwarze gegenüber Weißen intellektuell schlechter ausgestattet sind. Dass das nicht an der Genetik, sondern an den sozialen und Bildungsbedingungen liegt, zeigen die ansteigenden IQ-Werte innerhalb der schwarzen Bevölkerungsgruppe. Auch insgesamt stieg der Intelligenz-Quotient in den vergangenen Jahrzehnten in den Industrieländern. Der gewachsene Wohlstand und bessere Ausbildung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind dafür die Ursache.

Ähnlich wie für die Schwarzen in Amerika lässt sich nach Ansicht der Schweizer Lernpsychologin Elsbeth Stern auch für die jungen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland nicht ableiten, sie seien dümmer. Man habe einst bewusst Leute aus der bildungsfernen Schicht nach Deutschland geholt, die am Fließband stehen sollten. Junge Türken müssten deshalb mehr familiäre und schulische Förderung erhalten. Stern vergleicht die Intelligenz mit einer Pflanze, die auch nur an einem guten Standort mit ausreichender Bewässerung die optimale Größe erreiche, die in den Genen angelegt ist.

Warum Bildung in jüdischen Familien seit jeher einen hohen Stellenwert hat, ist erklärbar. Zum einen ist jeder jüdische Junge seit Jahrhunderten im Alter von 13 Jahren gezwungen, an seiner Bar Mitzwa in der Synagoge aus der Bibel vorzulesen. Juden haben bereits Lesen und Schreiben gelernt, als das in Europa noch weitgehend den Mönchen vorbehalten war. Da Juden früher Handwerksberufe verboten waren, verdienten sie ihr Geld mit Berufen, die eine besondere Klugheit erforderten. Und schließlich wurden sie immer wieder Opfer von Verfolgung und Vertreibung. Wenn sie nur ihr Leben retten konnten, dann war durch Bildung und Wissen ein Neuanfang leichter möglich.

Diese Erfahrungen haben sich bis heute tradiert. Das sieht man an den Nobelpreisträgern, aber auch an den vielen jüdischen Akademikern. Nicht, weil sie ein besonderes Gen tragen, sondern weil viele jüdische Eltern Aufmerksamkeit und Geld in die Ausbildung ihrer Sprösslinge investieren. Im Talmud, der heiligen Schrift des Judentums, heißt es: „Die Welt wird vom Atem eines Kindes in der Schule getragen.“

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