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Die Lage auf der „Open Arms“ ist dramatisch.

Seenotrettung

Sprung von der „Open Arms“ aus Verzweiflung

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Die Lage auf dem Seenotrettungsschiff „Open Arms“ ist dramatisch. Spanien hat dem Schiff einen sicheren Hafen angeboten - doch der Weg ist für das Schiff zu weit.

Nach zweieinhalb Wochen auf dem überfüllten Schiff durften sie an Land: 27 unbegleitete Jugendliche aus afrikanischen und arabischen Ländern im Alter zwischen 15 und 17 Jahren sind am Samstag von der italienischen Küstenwache von Bord der „Open Arms“ geholt und auf die Insel Lampedusa gebracht worden. Andere Migranten sprangen am Sonntag aus Verzweiflung ins Meer – offenbar um zu versuchen, die nahe gelegene Insel schwimmend zu erreichen.

Spanien hat dem Rettungsschiff offiziell Algeciras in Andalusien als sicheren Hafen angeboten. „Ich habe veranlasst, dass der Hafen von Algeciras für den Empfang der Open Arms aktiviert werden soll“, twitterte der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez am Sonntag. Die Option, die 1800 Kilometer nach Spanien zu fahren, sei jedoch „höchst unwahrscheinlich“, sagte ein Sprecher der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms der Deutschen Presse-Agentur. Denn das würde Tage dauern. Auf dem Schiff harren noch 107 Migranten aus. Sechs Länder, darunter Deutschland, erklärten sich zur Aufnahme der Menschen bereit.

Italiens Innenminister Matteo Salvini hatte noch am Vortag betont, so lange er im Amt sei, werde keiner von ihnen an Land gehen. Dann sprach sich Regierungschef Giuseppe Conte dafür aus, die Minderjährigen aus humanitären Gründen vom Schiff zu holen. Salvini gab dann widerwillig grünes Licht.

Die Lage an Bord der „Open Arms“ spitzt sich, 17 Tage nach der Rettung der Flüchtlinge, dramatisch zu. Italienische Ärzte berichteten, dass etliche von ihnen mit Krätze infiziert seien. Ein spanischer Fernsehsender zeigte am Samstag Bilder erschöpfter und wütender Migranten, die Land sehen, es aber nicht betreten dürfen. Nach einer Anzeige der „Open-Arms“-Anwälte ermittelt die Staatsanwaltschaft im sizilianischen Agrigent wegen Freiheitsentzug und Amtsmissbrauchs. Ermittler durchsuchten am Samstag das Hauptquartier der Küstenwache in Rom, wie die Zeitung La Repubblica berichtete. Sie wollen klären, wer die „Open Arms“ daran hindert, in Lampedusa anzulegen. Das nationale Koordinationszentrum für Rettungseinsätze in Rom hatte Salvini gebeten, dem Schiff die Einfahrt zu gewähren.

Ohne Protest aus dem Innenministerium wurden am Samstag 57 vorwiegend tunesische Flüchtlinge von der Küstenwache an Land gebracht. Sie hatten die Insel auf einem Fischerboot erreicht. (mit dpa)

Trauriger Rekord

Die Zahl der Flüchtlinge ist nach Angaben der Vereinten Nationen weltweit auf einen Rekordwert von 70 Millionen gestiegen. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg habe es so viele Menschen gegeben, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung geflohen seien, teilte die UNO-Flüchtlingshilfe anlässlich des Welttags der humanitären Hilfe am 19. August mit.

Die Fluchtursachen reichten von Krieg und Verfolgung bis hin zu den Folgen des Klimawandels. Die UNO-Flüchtlingshilfe mit Sitz in Bonn ist der deutsche Partner des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR).

Auch die Hilfsorganisation SOS-Kinderdörfer weltweit schlägt Alarm: 2018 seien 12 000 Kinder getötet oder verwundet, Tausende entführt und als Kindersoldaten rekrutiert sowie Hunderttausende schwerst traumatisiert worden, teilte die Organisation am Sonntag mit. Auch dies sei ein Rekordwert. Die meisten Kinder seien in Afghanistan (3062), Syrien (1854) und Jemen (1698) getötet oder verwundet worden. „Trotz 20-jähriger Erfahrung als Psychiaterin in Kriegs- und Krisengebieten zählt das, was Kinder in Syrien an Gewalt und Gräueltaten miterleben müssen, zum Schlimmsten, was ich bislang gesehen und gehört habe“, sagt Teresa Ngigi, Chefpsychologin der SOS-Kinderdörfer.

In der Ägäis haben zwischen Freitagmorgen und Sonntagmittag 498 Migranten aus der Türkei zu den griechischen Inseln oder zum griechischen Festland übergesetzt. „Wir haben noch keine endgültigen Zahlen. Es kommen immer neue Boote an“, sagte ein Offizier der Küstenwache am Sonntag. Er vermutet, dass der erhöhte Zustrom von Migranten auf das derzeit gute Wetter in der Ägäis zurückzuführen ist.

Die Registrierlager auf den griechischen Inseln, die sogenannten Hotspots, sind restlos überfüllt. Dort harren mehr als 21 000 Menschen aus. Die Aufnahmekapazität liegt eigentlich nur bei 8900 Migranten. (dpa)

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