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Vor Erschöpfung zusammengebrochene Migranten, die es am Montag durch den Zaun nach Ceuta geschafft haben.

EU-Außengrenzen

Der Sprung in ein neues Leben

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Über 800 Afrikaner überwinden die Zäune zu den Exklaven Ceuta und Melilla. Die Grenzbeamten sind machtlos.

Vor gut zwei Wochen erzählte Sunny, ein junger Mann aus Kamerun, auf einer Veranstaltung in Ceuta, was er empfand, als er zum ersten Mal vor dem Grenzzaun zu Melilla stand. „Als ich mich vor das Monster des Zauns stellte, bekam ich große Angst“, berichtete er. Sunny beschloss, statt dort den Sprung über den Zaun zu wagen, zur Exklave Ceuta zu schwimmen. Er erreichte sein Ziel. Das war im Dezember 2011. Heute studiert er im andalusischen Córdoba im Süden Spaniens.

Die Zäune um die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla an der marokkanischen Mittelmeerküste markieren die einzigen Landgrenzen zwischen Afrika und einem europäischen Staat. Seit 1997 sind sie Stück für Stück immer weiter aufgerüstet worden. Sie sind Europas Mauer zu Afrika. Wer sie zum ersten Mal sieht, hält sie für unüberwindbar: sechs Meter hoch in Doppelreihen, so feinmaschig, dass man keinen Fuß hineinsetzen kann, zusätzlich gesichert mit Kameras, Bewegungsmeldern und Wachtürmen. Trotzdem gelingt es immer wieder Hunderten, den Zäunen ein Schnippchen zu schlagen.

Am Freitagmorgen kamen fast 500 Afrikaner nach Ceuta, am Montagmorgen noch einmal mehr als 350. Es war ihnen gelungen, die an manchen Stellen in die Zäune eingelassenen Türen aufzubrechen. Die Grenzbeamten der Guardia Civil waren angesichts so vieler Menschen machtlos.

Um Ceuta und Melilla war es in jüngerer Zeit ruhiger geworden. Nach Zahlen der EU-Agentur für die europäischen Außengrenzen Frontex kamen 2016 rund 1000 Einwanderer irregulär in die beiden Exklaven, so wenige wie seit vielen Jahren nicht mehr. Umso auffälliger ist der plötzliche Massenansturm innerhalb weniger Tage. Spaniens Sicherheitsstaatssekretär José Antonio Nieto glaubt an einen Zusammenhang mit dem schwelenden Arbeitskampf spanischer Hafenarbeiter: Etliche Guardia-Civil-Beamte seien in die großen spanischen Häfen abgeordnet worden, weswegen weniger Kräfte für die Grenzkontrolle zur Verfügung standen. Die Lösung, die dem Staatssekretär vorschwebt: „Man muss die Sicherheit verbessern, indem man immer bessere Technologie benutzt.“ Er denkt an den Einsatz von Drohnen, die er für eine „geeignete Methode“ der Migrantenabwehr hält.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt allerdings, dass die Einwanderungswilligen auf jede neue Erschwernis mit neuen Strategien antworten – und bisher doch immer Wege gefunden haben, die Grenzen zu überwinden. Die spanische Sektion von Amnesty International hält die Grenzzäune deshalb für „einen Fehlschlag der spanischen Migrationspolitik“. Und der Regierungspräsident von Melilla, Abdelmalik El Barkani, fragt sich: „Sind wir nicht in der Lage, einen Weg zu finden, damit die Immigranten aus verschiedenen Ländern mit ihren Dokumenten und vielleicht sogar mit einem Arbeitsvertrag hierher kommen?“ Nur die allerwenigsten der Zaunspringer sind Flüchtlinge. Zumeist sind sie klassische Migranten, die sich ein besseres Leben in Europa erträumen. Ihre Zukunft ist allerdings selten so golden, wie sie sich das vorstellen.

Zunächst verbringen sie etliche Monaten in den beiden Aufnahmelagern in Ceuta und Melilla, dann werden sie gewöhnlich auf die iberische Halbinsel überführt und müssen danach mit der Abschiebung in ihre Heimat rechnen, wenn denn ein Rücknahmeabkommen mit ihrem Herkunftsland existiert. Falls nicht, bleiben sie in Spanien, wo sie sich gewöhnlich lange Jahre ohne Papiere durchschlagen – bis sie vielleicht doch irgendwann mal das Glück haben, eine Arbeit und eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

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