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Woran denken Sie, wenn Sie nach Ihrem Lieblingshelden gefragt werden? Vermutlich nicht an Elastigirl.

Gendern

Die Macht des Genderns: „Sprache wirkt sich auf die Gesellschaft aus“

  • Karin Dalka
    vonKarin Dalka
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  • Viktor Funk
    Viktor Funk
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Sozialpsychologin Sabine Sczesny über bröckelnde Geschlechterrollen, die Macht der Vorstellung und ihren Anspruch, respektvoll zu sprechen. Ein Interview.

  • Über die Wirkung von Gendern wird oft und viel diskutiert.
  • Sozialpsychologin Sabine Sczesny erklärt, warum eine geschlechtergerechte Sprache wichtig ist.
  • Denn Sprachstruktur und Gleichberechtigung hängen miteinander zusammen.

Frau Sczesny, die FR führt mit ihren Leserinnen und Lesern eine Diskussion übers Gendern. Dazu haben uns sehr viele Briefe erreicht, besonders von Männern. Sie lachen …?

Wir forschen seit 30 Jahren dazu, das Thema kochte schon in den 80er Jahren hoch. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist es interessant, dass es nach so langer Zeit immer noch so starke Meinungen gibt. Das ist beim Thema Frauenquote ähnlich, wobei ich da den Eindruck habe: Es gibt schon eine Einigung, dass sie nötig ist. Bei der Sprache erfahre ich, dass das Thema aktuell immer noch sehr polarisiert. Ich merke etwa bei Vorträgen, dass manche Menschen denken, man möchte ihnen ihre Sprache vorschreiben.

Woran liegt das?

Wie eine Sprache verwendet und verstanden wird, hängt davon ab, wie jemand diese Sprache erlernt hat. Im Duden waren die Berufsbezeichnungen lange rein männlich. Das hat sich in den 90er Jahren geändert. Seither gibt es im Duden nicht nur den Polizisten, sondern auch die Polizistin. Die klassische Rollenteilung, Frauen machen die Hausarbeit und Männer sind in den bezahlten Berufen tätig, hatte sich verändert; der Duden hat das dann angepasst, um die veränderte Realität widerzuspiegeln. Wer diesen gesellschaftlichen Prozess nachvollzieht, sieht im Duden ein Regelwerk, das das beschreibt, was korrekt und Standarddeutsch ist. Die neue Aufgeregtheit heute hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass das deutsche Bundesverfassungsgericht 2017 ein nicht-binäres Geschlecht, das dritte Geschlecht, anerkannt hat.

War die Aufregung früher auch so groß?

Es wurde ähnlich intensiv diskutiert. Damals hatte die Sprachwissenschaft aufgezeigt, dass in Sprachen mit grammatikalischem Geschlecht (Genus) Frauen weniger sichtbar sind. Mit der Nennung beider Geschlechter wurde also eine Feminisierung vorgenommen. Das ging in unserer Sprache nicht anders. Wir können nicht wie im Englischen oder Schwedischen nur eine Bezeichnung verwenden. „The student“ kann ein Mann oder eine Frau sein. Da ist es einfacher mit der Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache. Die wenigen Wörter, die in diesen Sprachen nur Frauen oder Männer bezeichneten, wurden in den 90ern leicht abgeändert oder aufgegeben, zum Beispiel wurde aus dem „Chairman“ eine „Chairperson“. Die Pronomen „he“ und „she“ wurden um das singularische „they“ erweitert, so hatten das schon Shakespeare und andere benutzt. Man kann also auch fragen: Ist geschlechtergerechte Sprache heutzutage wirklich ein neues heißes Eisen oder ist sie einfach ein Ausdruck der Lebendigkeit von Sprache, die sich jeweils den Gegebenheiten anpasst?

Sprache und Geschlecht: Gendern in Zeitungen ist wichtig

Einige Leser:innen, aber auch Kolleg:innen, sind für eine gendergerechte Sprache in offiziellen Dokumenten, aber nicht in der Zeitung. Sie sagen, die Zeitung grenze mit einer elitären „Kunstsprache“ Menschen aus, statt sich an alle zu wenden.

Das Argument, die Zeitung sei für alle da, ist doch gerade ein Argument für den Gebrauch geschlechtergerechter Sprache. So erreicht sie mehr Menschen. Frauen machen schließlich die Hälfte der Bevölkerung aus. Außerdem sollen Medien präzise berichten, und das heißt benennen, über wen sie berichten: nur über Politiker oder doch auch über Politikerinnen? Insgesamt braucht es mehr Aufklärung, vor allem auch darüber, wie groß die Auswirkungen der Sprache auf die Vorstellungen in unseren Köpfen tatsächlich sind.

Haben Sie Beispiele?

Ja, aus einer Studie, die wir vor 30 Jahren durchgeführt haben. Eine Gruppe von Teilnehmenden bekam die Aufgabe: „Nennen Sie Ihren Lieblingshelden“, bei der zweiten Gruppe hieß es: „Nennen Sie Ihre Lieblingsheldin oder Ihren Lieblingshelden.“ Die Ergebnisse waren eindeutig. Die eine Gruppe dachte an Superman und andere männliche Helden, die andere häufiger auch an Frauen, beispielsweise an die eigene Mutter oder eine tolle Nachbarin. Die Art der Fragestellung hat also einen Einfluss darauf, ob herausragende Leistungen von Frauen sichtbar werden oder nicht.

Ein weiterer Einwand lautet: Eine gendergerechte Sprache ändert nichts an den realen Machtverhältnissen. So schreibt uns eine Leserin: „Wo sind sie denn, die Chefärztinnen, Professorinnen, Top-Managerinnen, Regisseurinnen usw?“.

Sabine Sczesny

Sprache ist ein kleiner Mosaikstein in einer großen gesellschaftlichen Debatte. Forschung belegt, dass Sprache einen Effekt hat. In einer Studie wurden deutschen und belgischen Kindern im Alter von acht und neun Jahren verschiedene Listen mit Berufen vorgelegt. Wenn die Bezeichnungen sowohl männlich als auch weiblich waren, interessierten sich mehr Mädchen für männlich typisierte Berufe wie bei der Polizei und trauten Frauen in diesen Berufen mehr Erfolg zu. Langfristig kann sich die Sprache so auf die Gesellschaft auswirken.

Gendern: Sprache wirkt sich auf unsere Wahrnehmung aus

Das heißt, die Sprache weitet unsere Vorstellungen?

Ja, sie wirkt wie eine Einladung, sich selbst und andere Menschen in einer bestimmten Rolle vorzustellen. Sie kennen sicher den Witz, dass sich Kinder in Deutschland fragen, ob auch ein Mann Kanzler werden kann, weil sie bisher nur von einer Kanzlerin gehört haben. Eine US-Studie hat ein Experiment mit Stellenausschreibungen gemacht. Wenn durch die Art der Formulierung die Botschaft gesendet wurde, es würden nur Männer gesucht, fühlten sich Frauen nicht angesprochen und waren weniger motiviert sich zu bewerben. Wenn die Formulierung auch Frauen explizit ansprach, waren sie motiviert sich zu bewerben.

Das verschärft den Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt. Geht es bei der Kritik am Gendern in Wahrheit um Abwehrkämpfe von Männern, die um ihre Machtpositionen fürchten?

Zur Person

Sabine Sczesny ist Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Bern. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich insbesondere mit der Entstehung und dem Abbau von Stereotypen und Vorurteilen. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Analyse des Zusammenspiels von Sprache, Kognition und Geschlecht.

Um das Zusammenspiel von Sprache und Geschlecht interdisziplinär und kulturvergleichend zu untersuchen, hat sie das von der Europäischen Kommission geförderte Marie Curie Initial Training Network – Language, Cognition & Gender (ITN-LCG) initiiert und koordiniert.

Aus sozialwissenschaftlicher Sicht geht es bestimmten Gruppen darum, den Status quo in einer Gesellschaft zu halten, so dass keine neue Konkurrenz aufkommt. Wenn mal eine Frau in eine Führungsposition geht, ist das nicht so gravierend, aber wenn eine kritische Masse in bestimmten Positionen erreicht werden soll, kann es zur Abwehr kommen. Das gilt übrigens umgekehrt auch für Bereiche, die von Frauen dominiert werden.

Wie werden durch eine patriarchalisch geprägte Sprache Geschlechterstereotype verfestigt?

Zur Beantwortung dieser Frage eignet sich die Theorie über soziale Rollen. Sie besagt, dass wir im Alltag Menschen in bestimmten sozialen Rollen beobachten. Ein Beispiel: Wenn ich Frauen überwiegend in pflegenden Berufen und häuslichen Tätigkeiten wahrnehme, dann schließe ich hieraus, dass sie fürsorglich und verständnisvoll sind. So entsteht ein Stereotyp, wir schreiben bestimmten Gruppen bestimmte Eigenschaften zu. Und hier fängt das Problem an. Es kann ja sein, dass Frauen im Durchschnitt fürsorglicher sind als Männer. Aber es wäre falsch, von einer Gruppentendenz auf die Eigenschaften einzelner Menschen zu schließen.

Gendern: Sprache muss verändert werden, um Minderheiten respektvoll anzusprechen

In einer Stellungnahme schrieb uns ein Frankfurter in Großbuchstaben: „WICHTIG IST, WAS SIE SCHREIBEN UND NICHT WIE!“.

Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht gilt: Beides ist wichtig und „wie“ ist immer auch ein bisschen „was“ – der Inhalt bleibt eben nicht völlig konstant, wenn die Form sich ändert.

Ein weiterer Vorwurf ist, dass die unterschiedlichen Versuche, also Sternchen, Unterstrich, Doppelpunkte, der Komplexität der Wirklichkeit nicht gerecht würden. Unsere Sprache könnte gar nicht so umfassend verändert werden, dass es eine vollständige Geschlechtergerechtigkeit gäbe.

Das ist wahr. Die Lebensverhältnisse waren schon immer sehr komplex, aber ihre Komplexität weniger sichtbar. Das zeigen die Diskussionen über Transsexualität und Intersexualität. Zugleich kann die Sprache nicht alles abbilden. Dennoch geht es darum, Minderheiten respektvoll anzusprechen.

Stehen Länder mit einem grammatikalischen Geschlecht in der Sprache bei der Gleichstellung schlechter da als Länder, deren Sprache das nicht kennt?

Ja, dazu gibt es wissenschaftliche Studien. Eine umfangreiche Analyse der Weltbank bestätigt einen Zusammenhang von Sprachstruktur und der Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben. In der Studie zeigte sich, dass 38 Prozent der Weltbevölkerung eine Sprache mit grammatikalischem Geschlecht sprechen, das heißt, Nomen sind feminin, maskulin (oder neutral). Interessanterweise ist es um die Gleichstellung schlechter bestellt, wenn in einem Land eine Sprache mit grammatikalischem Geschlecht gesprochen wird. Sprachen mit grammatikalischem Geschlecht gehen einher mit einer 15 Prozent geringeren Beteiligung der Frauen am Arbeitsleben, was in diesem Fall 125 Millionen Frauen entspricht.

Gendern: „Ich verwende geschlechtergerechte Sprache schon seit mehr als 30 Jahren“

Wie zeigt sich das denn im Alltag?

Frauen wie Männer, die eine Sprache mit grammatikalischem Geschlecht sprechen, stimmen stärker traditionellen Geschlechternormen zu, wie beispielsweise den folgenden Aussagen im World Values Survey: „Insgesamt sind Männer bessere Führungskräfte in der Wirtschaft als Frauen“ oder „Wenn die Arbeitsplätze knapp sind, haben Männer eher ein Recht auf Arbeit als Frauen“. Für uns in Europa ist das ein besonders wichtiges Thema, weil fast alle europäischen Sprachen ein grammatikalisches Geschlecht haben.

Ein weiterer Kritikpunkt lautet, dass die gendergerechte Sprache die biologischen Geschlechter betont und wir doch eher von Menschen reden sollten.

Die Fachleute suchen deshalb nach kreativen Lösungen, es gibt Trainings für Verwaltungen und Medien. Man kann zum Beispiel am Anfang eines Textes beide Geschlechter nennen, damit klar ist, dass Männer und Frauen gemeint sind. Oder es gibt andere Wege, um die sogenannte Beidnennung nicht durch den ganzen Text zu schleppen. In einem englischsprachigen Buch über das erste Lebensjahr von Babys habe ich folgende Lösung gesehen: Dort war in einem Absatz mal das Baby „he“, im nächsten Absatz dann „she“, also mal er, mal sie. Wenn man dieses Buch liest, bekommt man sehr schnell die Vorstellung von einem kleinen Menschen, nicht von einem Jungen oder einem Mädchen.

Gendern Sie eigentlich selbst konsequent?

Ich kenne den Begriff „gendern“ erst seit einem Jahr. Aber ich verwende geschlechtergerechte Sprache schon seit mehr als 30 Jahren. Ich versuche, ein präzises, respektvolles Deutsch zu sprechen. Zur gesprochenen Sprache gibt es noch kaum Forschung: Etwa wie es sich auswirkt, wenn zum Beispiel bewusst kleine Sprechpausen eingelegt werden wie bei Polizist … innen. Sprache ist keine Konstruktion aus der Wissenschaft oder von Wörterbuchverlagen, sondern etwas sehr Lebendiges, sie entwickelt sich aus den Bedürfnissen, Interessen und Vorlieben der jeweiligen Sprachgemeinschaft. Es bleibt daher sehr spannend, wie sich die deutsche Sprache verändern wird. Wir sind weiterhin mitten in einem sehr dynamischen Prozess. Interview: Karin Dalka und Viktor Funk

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