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„Gegen Mittag war die Normannenstraße in der Hand des Bürgerkomitees“, erinnert sich ein Zeitzeuge.

Stasi-Unterlagen

Spitzelstürmer

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Am 15. Januar 1990 rufen Bürgerrechtler dazu auf, das Stasi-Hauptquartier in Ost-Berlin zu besetzen. Drei Monate nach dem Mauerfall haben die Demonstranten ein Ziel: den früheren DDR-Geheimdienst an der Arbeit zu hindern und die unkontrollierte Vernichtung von Akten zu stoppen.

Als US-Präsident George Bush am Abend des 15. Januar 1990 die CNN-Nachrichten einschaltet, ist er doch einigermaßen erstaunt: Massen von Menschen sieht er dort, die in die Stasi-Zentrale an der Normannenstraße in Ost-Berlin strömen, durch Treppenhäuser und Flure laufen, Türen eintreten und Tausende Aktenblätter auf den Hof des gewaltigen Stasi-Komplexes in Berlin-Lichtenberg werfen. Als wenig später CIA-Chef William Webster zum Briefing im Weißen Haus eintrifft, fragt ihn Bush, ob sein Dienst sich denn den Zugriff auf diese Stasi-Akten gesichert habe, die da in den Straßen Ost-Berlins herumflatterten. Webster muss passen – seine Leute haben den historischen Tag verschlafen.

„In Verhandlungen mit der Stasi-Führung wurde durchgesetzt, dass sämtliche Mitarbeiter bis zum Mittag ihre Arbeitsplätze räumen und ein Bürgerkomitee die Kontrolle über den Komplex übernehmen wird“.

Martin Montag, Pfarrer und Mitgründer des Bürgerkomitees

Die Fernsehbilder aus Berlin-Lichtenberg, die damals nicht nur den US-Präsidenten, sondern die ganze Welt faszinierten, haben viel zur Legendenbildung des 15. Januar 1990 beigetragen. Von einer Inszenierung etwa ist die Rede, und dass die Stasi bei der Erstürmung Regie führte; eine andere Version schildert das Ereignis als dramatische Attacke auf die letzte Trutzburg des Regimes, wobei der friedliche Verlauf der Herbstrevolution ernsthaft auf der Kippe gestanden habe. Spricht man aber mit Zeitzeugen, stellt sich das damalige Geschehen weit weniger dramatisch und geheimnisumwittert dar. War das Hauptquartier des DDR-Geheimdienstes doch bereits von Bürgerrechtlern besetzt, als es am späten Nachmittag des 15. Januar 1990 von Tausenden Demonstranten vermeintlich erobert wurde. Dennoch bleibt der Sturm auf die Lichtenberger Stasi-Zentrale zweifellos ein historischer Moment in der ostdeutschen Revolutionsgeschichte – erstmals in der Weltgeschichte verlor ein Geheimdienst sein Hauptquartier an das Volk.

Am Morgen dieses kühlen, regnerischen Montags vor 30 Jahren deutete allerdings noch nichts darauf hin, dass der Tag Geschichte schreiben würde. Für 17 Uhr hatte das Neue Forum zu einer „Aktionskundgebung“ an der Stasi-Zentrale in Lichtenberg aufgerufen. Die Demonstranten sollten Farbe und Spraydosen mitbringen, um ihre Forderungen an die Wände des Ministeriumsbaus zu schreiben. Mit Kalkzement und Mauersteinen wollte man zudem die Tore des Komplexes, in dem nach wie vor Tausende MfS-Angestellte ihrer Arbeit nachgehen, zumauern, hieß es auf den Flugblättern, die überall in der Stadt verteilt wurden. „Mit Fantasie gegen Stasi und Nasi“ lautete das Motto der Kundgebung. Mit „Nasi“ war das Amt für Nationale Sicherheit gemeint, der zeitweilige MfS-Nachfolger, dessen Auflösung bereits im Dezember 1989 beschlossen worden war.

Im Pankower Schloss Schönhausen trat an diesem Tag der Zentrale Runde Tisch zusammen. Das Anfang Dezember 1989 gegründete Gremium, dem Vertreter demokratischer Gruppen und Parteien sowie der in der DDR-Volkskammer vertretenen Parteien angehören, hatte sich einen starken Einfluss auf die Arbeit der von Ministerpräsident Hans Modrow (SED/PDS) geführten Regierung gesichert. An diesem Tag drängten die Sitzungsteilnehmer Modrow einmal mehr, die sofortige Auflösung des alten Stasi/Nasi-Apparates anzugehen.

„Schon seit dem 4. Dezember 89 waren in der ganzen DDR die Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen der Stasi von Bürgerkomitees besetzt worden“, erinnert sich der Meininger Pfarrer Martin Montag. „Damit wurde zum einen die Weiterarbeit des Geheimdienstes verhindert, zum anderen die unkontrollierte Vernichtung von Stasi-Akten unterbunden.“ Montag, Jahrgang 1954, hatte am Nachmittag des 4. Dezember zusammen mit anderen die Stasi-Bezirksverwaltung in Suhl besetzt und ein Bürgerkomitee gegründet, das die Kontrolle über die Dienststelle übernahm.

Einen Monat später, so erinnert er sich im Gespräch mit dieser Zeitung, war er mit anderen Stasi-Besetzern zu einem Treffen aller Bürgerkomitees in Leipzig gefahren. „Bei der Gelegenheit ist uns klar geworden, dass wir zwar die Bezirke im Griff haben, dass die Berliner Stasi-Zentrale aber nach wie vor ungehindert weiterarbeitet und Akten vernichtet.“ Beim nächsten Treffen der Bürgerkomitees am 12. Januar sei dann der Beschluss gefallen, die Normannenstraße zu besetzen. „Die Berliner kriegen das nicht auf die Reihe, also machen wir das, haben wir gesagt“, scherzt Montag. Mit der Kundgebung des Neuen Forums habe das jedoch überhaupt nichts zu tun gehabt. „Wir wussten ja da noch gar nicht, dass so etwas geplant ist.“

Was die Besetzer an Papieren und Akten fanden, wurde ins Treppenhaus oder aus den Fenstern geworfen.

Am Vormittag des 15. Januar teilten sich die nach Berlin gereisten Abgesandten der Bürgerkomitees in drei Gruppen auf. Die eine Gruppe ging in die Normannenstraße und erklärte die MfS-Zentrale für besetzt. „In Verhandlungen mit der Stasi-Führung wurde durchgesetzt, dass sämtliche Mitarbeiter bis zum Mittag ihre Arbeitsplätze räumen und ein Bürgerkomitee die Kontrolle über den Komplex übernehmen wird“, sagt Montag. Eine weitere Gruppe nahm Kontakt mit Polizei und Staatsanwaltschaft auf, um für das neue Bürgerkomitee eine Sicherheitspartnerschaft abzuschließen. Wenig später schon trafen kleinere Einheiten der Bereitschaftspolizei in Lichtenberg ein, um die Bewachung des künftig leerstehenden Komplexes zu übernehmen. Pfarrer Montag selbst begab sich mit weiteren Abgesandten zum Zentralen Runden Tisch nach Pankow, um dort die Besetzung der Stasi-Zentrale zu verkünden. Anschließend fuhr er zu den anderen Bürgerrechtlern nach Lichtenberg. „Gegen Mittag war die Normannenstraße in der Hand des Bürgerkomitees“, sagt er.

Die Demonstranten, die sich ab 16 Uhr an den beiden Zugängen zum Stasi-Komplex an der Rusche- und der Normannenstraße einfanden, wussten davon offenbar nichts. Sie gingen davon aus, dass in dem Ministerium nach wie vor Tausende Stasi-Offiziere sitzen. Tatsächlich aber waren die verwinkelten Bürogebäude längst verwaist. Die MfS-Führung hatte schon am 12. Januar beschlossen, dass am Tag der Kundgebung alle Mitarbeiter bis mittags den Komplex zu verlassen haben. Dass man damit der gleichlautenden Forderung des drei Tage später aufkreuzenden Bürgerkomitees zuvorkommen würde, ahnte da womöglich noch niemand in der Generalsrunde.

Lediglich im Gebäude der Auslandsspionage-Abteilung Hauptverwaltung A (HVA) blieben noch Mitarbeiter in ihren Büros. Die HVA belegte den Plattenbauriegel an der Ecke Ruschestraße und Frankfurter Allee. 80 Mitarbeiter kampierten dort in abgedunkelten Büros am Abend des 15. Januar und die ganze Nacht hindurch. Sie sollten verhindern, dass mögliche Eindringlinge brisante Spionage-Akten aus den Zimmern entwenden. Um Vertreter der Bürgerkomitees an einem Zutritt zu dem Bereich zu hindern, wurden handgeschriebene Zettel an die Glastüren der Büroflure geklebt. „Auslandsaufklärung. Betreten verboten“ stand darauf. In Verhandlungen mit Bürgerrechtlern am Runden Tisch und den Bürgerkomitees in den Bezirken hatte man sich in der Vergangenheit bereits darauf geeinigt, dass die HVA aus Gründen der nationalen Sicherheit für die Stasi-Besetzer tabu bleibt.

Kurz nach halb 5 am Nachmittag des 15. Januar begannen Bauarbeiter damit, vor dem geschlossenen Stahltor in der Ruschestraße eine Mauer aus Mörtel und mitgebrachten Ziegelsteinen zu errichten. Die Stimmung in der anwachsenden Menschenmenge sei gelöst und heiter gewesen, erinnert sich Ralf Drescher. Der heute 60-jährige Fotograf aus Leidenschaft war mit seiner Kamera zur Kundgebung gekommen, um Fotos von dem Ereignis zu machen. „Ich war überrascht, wie viele Menschen dorthin kamen. Die Menge blockierte die Ruschestraße und reichte fast bis runter zur Frankfurter Allee“, erinnert er sich. „Ab und zu gab es kurze Sprechchöre. ‚Stasi raus‘, wurde gerufen, und ‚Tor auf‘. Aber von Aggressivität oder Wut war nichts zu spüren. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, hier könne etwas ausarten.“

Auch Christian Halbrock, der heute als Wissenschaftler in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) arbeitet, hat die Situation so erlebt. „Klar wurde auch schon am Tor gerüttelt von einigen, zwei ganz Mutige kletterten dann auch einfach mal drüber“, erinnert er sich. „Aber dann passierte erst einmal nichts weiter. Später habe ich mit den beiden gesprochen, sie sagten, man habe sie gar nicht aufgehalten hinterm Tor, und sie seien ungehindert über das Gelände gestromert.“

Wer es bis ins Vorratslager schaffte, bediente sich an französischem Kognak, norwegischen Räucherlachsfilets und Dosen mit Haifischflossensuppe.

Der Thüringer Pfarrer Martin Montag stand zu diesem Zeitpunkt zusammen mit anderen Angehörigen des Bürgerkomitees und einigen Polizisten hinter dem Tor. „Ich habe die Rufe gehört und die Polizei um einen Lautsprecherwagen gebeten, damit ich den Demonstranten draußen sagen könne, die Stasi-Zentrale sei bereits besetzt und ein Bürgerkomitee kontrolliere den Komplex“, erzählt er. Aber die Lautsprecher waren zu leise. Er und ein anderer Bürgerrechtler seien dann von innen auf das Tor geklettert, um von dort aus mit den Leuten zu reden. „Doch wir hatten keine Chance“, sagt er. „Niemand hörte uns zu.“ Schließlich sei ein Demonstrant übers Tor geklettert, habe den Riegel des verschlossenen Tores gelöst, wodurch es von außen aufgedrückt werden konnte. „Dann ergoss sich der Strom aufs Gelände.“

Es war 17.17 Uhr, als sich das Tor öffnete. Man kann das auf einer zufällig aufgenommenen Videosequenz dieses Moments sehen. Ungehindert strömte die Menge nun auf das Gelände. „Gerannt oder losgestürmt ist allerdings niemand, auch Rufe oder Schreie gab es nicht. Eher machte sich eine bedrückte Stimmung breit“, erinnert sich Arno Polzin. Der heute 57-Jährige war von seiner Arbeitsstelle, einer kleinen mechanischen Werkstatt in Prenzlauer Berg, nach Feierabend zur Ruschestraße gekommen. „Es war gespenstisch, als ich in den Innenhof kam“, erzählt er. „Diese hohen dunklen Gebäude ringsum, dazu ein paar funzelige Laternen, die den Hof des Komplexes kaum ausleuchteten. Das wirkte schon sehr bedrohlich.“

Viel spekuliert wird bis heute darüber, warum die Demonstranten so zielgerichtet auf das Haus 18, das Versorgungsgebäude auf dem Gelände, zusteuerten. Hatten sich Stasi-Leute in den Strom geschmuggelt und die Masse geschickt dorthin gelenkt, damit niemand in die Gebäude der operativen Diensteinheiten eindringt?

Arno Polzin findet eine andere Erklärung naheliegender: „Das Haus ist als einziges auf dem Gelände hell erleuchtet gewesen, und wenn man auf so einem dunklen, unbekannten Hof steht, dann orientiert man sich auch nach dem Licht.“ Außerdem habe sich neben dem Versorgungsgebäude an der Normannenstraße ein zweites Zugangstor befunden, vor dem sich ebenfalls Hunderte Demonstranten versammelt hatten. „Das wurde dann von denen, die als Erste auf das Gelände gelangt waren, von innen geöffnet.“

Christian Halbrock sieht das ähnlich. „Es war ja nicht so, dass alle anderen Gebäude verrammelt waren“, sagt er. „Ich bin mit ein paar Freunden zum Beispiel auch in das Haus 2 reinspaziert, das dem Versorgungstrakt gegenüberlag. Das war der Sitz der Spionageabwehr, und die Haustür war unverschlossen.“ Sie seien anschließend noch ungehindert über das Gelände des Ministeriums gestreift. „Das hätte jeder machen können, da war niemand, der uns aufgehalten hat“, sagt er. Aber so richtig wohl und sicher hätten er und seine Freunde sich auch nicht gefühlt. „Es war schon unheimlich, diese Dunkelheit und die leeren Häuser.“

Im Haus 18, in dem sich neben diversen Büros der Hausverwaltung die Kantine und das Vorratslager der Küche befanden, tobten sich viele der Demonstranten aus. Bürotüren wurden eingetreten, Losungen an die Wände geschmiert, Schreibmaschinen und angeblich auch ein Sessel flogen aus den Fenstern. Was man an Papieren und Akten fand, wurde den Treppenhausschacht hinunter oder aus den Fenstern geworfen. Wer es bis ins Vorratslager schaffte, bediente sich an französischem Kognak, norwegischen Räucherlachsfilets und Dosen mit Haifischflossensuppe. Delikatessen, die der gemeine DDR-Bürger in keinem Konsum oder HO-Geschäft finden konnte.

Schon bald aber legte sich die Zerstörungswut, ernüchtert und gelangweilt irrten die Menschen nun durch die verwüsteten Gänge von Haus 18. Vertreter des Bürgerkomitees und Bereitschaftspolizisten begannen schließlich damit, Stockwerk für Stockwerk das Versorgungsgebäude zu räumen. Anschließend machten sie noch Kontrollgänge durch die übrigen Häuser, schlossen Türen ab und versiegelten sie. Bei diesen Kontrollen entdeckten die Sicherungskräfte, dass im Bereich der für Gegenspionage zuständigen Hauptabteilung II, die auch Agenten im Westen führt, insgesamt zwanzig Büros und ein Aktenspeicher aufgebrochen und durchsucht worden waren. Offenbar wurden auch Aktenordner entwendet. Wer die Eindringlinge waren, ob westliche Geheimdienstler den Trubel nutzten und mit Hilfe von Stasi-Überläufern gezielt vorgingen, ist bis heute ungeklärt.

Gegen 18 Uhr trafen Politiker und Bürgerrechtler ein, die von ihren Beratungen am Runden Tisch nach Lichtenberg geeilt waren, und riefen von der Ladefläche eines Lastwagens aus die Menge zur Gewaltlosigkeit auf. Der Appell fruchtete, die Protestler verzogen sich. Anderthalb Stunden, nachdem das Tor an der Ruschestraße aufgedrückt worden war, kehrte wieder Ruhe ein in der Stasi-Zentrale. Die Tore wurden geschlossen, die Volkspolizei übernahm die Bewachung des Geländes.

Am nächsten Tag trat das Bürgerkomitee zusammen und nahm seine Arbeit auf. Einige wie Arno Polzin, die am Vorabend noch mitdemonstriert hatten, waren nun dabei. Die endgültige Auflösung des Staatssicherheitsdienstes hatte begonnen.

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